Die linken Flügel werden weiterschlagen

  • Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat vorgemacht, wie auch die Linke politisch erfolgreich sein kann.
  • Dass die Bundespartei ihm folgt, ist aber unwahrscheinlich.
  • Vermutlich gehen die Intrigen unverändert weiter, kommentiert Markus Decker.
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Berlin. Als Bodo Ramelow vor zwei Wochen gefragt wurde, was er denn von den dauernden Streitereien in der Bundespartei halte, da erwiderte Thüringens linker Ministerpräsident listig, er wisse gar nicht, was da los sei. Das hieß so viel wie: Mit so einem Unsinn gebe ich mich gar nicht erst ab.

An diesem Dienstag um 13 Uhr trifft sich nun die Bundestagsfraktion der Linken, um zwischen Caren Lay und Amira Mohamed Ali die Nachfolgerin von Sahra Wagenknecht auszuwählen. Derzeit deutet wenig darauf hin, dass das interne Flügelschlagen beendet wird. Eher ist mit der Fortsetzung des Bisherigen zu rechnen – ungeachtet des Erfolgs, den Ramelow in Thüringen, aber auch die Linke im Land Berlin haben.

Sinkflug im Osten

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Parteichefin Katja Kipping sagte kürzlich, in Thüringen könne die Linke lernen, wie sie in die Offensive komme. Sie brauche eine klare Funktion, ein gemeinsames Projekt sowie Teamgeist. Tatsächlich hat die Linke kein gemeinsames Projekt. Teamgeist hat sie schon gleich gar nicht. Die kurze Geschichte der Linken – dem Zusammenschluss aus der eher ostdeutschen PDS mit der überwiegend westdeutschen Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) – ist eine lange Geschichte knallharter Konflikte zwischen Lagern und Führungsfiguren.

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Ende der Ära Wagenknecht bei der Linken
1:20 min
Sahra Wagenknecht gibt ihren Spitzenposten ab.  © Markus Decker/dpa

Dass es erneut so heftig wird wie zuletzt, als Wagenknecht die Linke auf ihren Kurs zu zwingen versuchte, ist nicht zu erwarten. Das wird schon deshalb nicht passieren, weil Ali als denkbare Gewinnerin nicht das Gewicht besitzt, das die bisherige Fraktionschefin besessen hat. Trotzdem wird die Entscheidung entlang der gewohnten Flügelarithmetik fallen – und entlang der Risiken, die damit verbunden sind. In Ostdeutschland ist die Linke, überholt von der AfD, im Niedergang. Ihr altes Milieu stirbt. Die Westausdehnung ist gescheitert – und gelingt bloß dort, wo keine Sektierer, sondern Pragmatiker am Werk sind wie mit Janine Wissler in Hessen oder Kristina Vogt in Bremen.

Von der AfD überholt

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Eigentlich liegt auf der Hand, was die Linke tun müsste. Sie müsste begreifen, dass sie die Rolle der Protestpartei nicht mehr spielen kann – wegen der AfD und weil sie in drei von 16 Bundesländern mitregiert. Sie müsste ihre Flügel stutzen, um aus ihrer Mitte heraus die besten Ideen zu entwickeln und die fähigsten Leute an die Spitze zu setzen. Zuvor müsste sie sich bei SPD und Union anschauen, was Zerstrittenheit im Negativen bewirkt, und bei den Grünen, was Einigkeit im Positiven bewirken kann. Schließlich müsste sich die Linke endlich auf ein Ziel besinnen. Und das kann aus ihrer Sicht ja nur lauten, das Erstarken der AfD durch ein linkes Bündnis zu brechen.

Der listige Herr Ramelow hat in Erfurt vorgemacht, wie es geht. Doch dass seine Genossen im Bund ihm folgen, ist zweifelhaft. Die Linke mag von ihren Flügeln nicht lassen. Und sie ist einfach zu sehr ins Misslingen verliebt.

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