Die Leben des Mädchens Tonya Gut alias Toni Dreilinger

Eine Odyssee von neun Jahren: Aus dem polnischen Dorf Yanov über das tschechische Weißkirchen, die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen nach Israel

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Tel Aviv. Sie sprach Yiddisch, Polnisch, Ukrainisch, Russisch, Deutsch – die Sprachen ihrer Heimat und ihrer Unterdrücker hat Toni Dreilinger alle gesprochen. Am 1. März 1926 ist sie als Tonya Gut im polnischen Dorf Yanov geboren; die Region gehört heute zur Ukraine und war schon zu jener Zeit von Ukrainern geprägt. Am 16. Juli 1941 massakrierten die den deutschen Besatzern ergebenen ukrainischen Nachbarn in Yanov die jüdische Familie Gut. Die 15-jährige Tonya überlebte, weil sie in einer Scheune statt im Wohnhaus schlief. Tonya floh, nahm die Identität eines ukrainischen Mädchens namens Maria Baran an und arbeitete als vermeintliche Christin bei einem deutschen Gutsbesitzer als Erntehelferin im heute tschechischen Weißkirchen. Bis eine Ukrainerin sie im Sommer 1944 erkannte und der Gestapo meldete. Als Spionageverdächtige wurde Tonya nach Auschwitz verschickt, wo ihr, wenn der Krieg vorbei wäre, der Prozess gemacht werden sollte.

Im November 1944 gelang Tonya die Flucht aus Auschwitz, indem sie sich in den Zug schmuggelte, der das Mädchenorchester von Auschwitz – unter anderem mit Else Lasker-Schüler – ins niedersächsische Lager Bergen-Belsen brachte. Tonya setzte darauf, so erzählte sie es später, dass die Musikliebe vieler hoher Nazis ihr das Leben retten könnte. Tatsächlich wurde sie am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit.

Doch es gab keinen Ort, an den Tonya, die sich inzwischen Toni nannte, hätte heimkehren können. Sie blieb im Camp für heimatlose Überlebende, das die Briten in Bergen-Belsen einrichteten. Dort lernte sie den gleichaltrigen Josef Dreilinger kennen; Josef stammte aus Nordhausen und hatte den Holocaust als Zwangsarbeiter bei der Hanomag in Hannover überlebt. Die beiden heirateten bald, Toni war erst 21, als sie 1947 noch im Camp ihren ersten Sohn, Pinchas, zur Welt brachte.

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Wenige Jahre später wanderten Toni und Josef Dreilinger nach Israel aus, bekamen einen zweiten Sohn, Shmuel, und im Lauf der Jahre sechs Enkel und 16 Urenkel. Shmuel, genannt Mully, änderte den Familiennamen in das hebräische Dor; sein Sohn Daniel Dor, der hier über seine Großmutter spricht, arbeitet in Tel Aviv als Spezialist für Cybersecurity. Nach dem Tod von Josef reiste Toni noch einige Male nach Bergen-Belsen, um nun allein vom Grauen der Verfolgung und Vernichtung zu berichten.

Nach Auschwitz sind die Dreilingers nur noch einmal gefahren, zur Jahrtausendwende. Als sie am Lager ankamen, waren die Tore geschlossen, sie konnten nicht hinein. Toni schaute nie wieder zurück. Für sie war Auschwitz, war das Massaker an ihrer Familie in dem Moment Vergangenheit, in dem sie ihr erstes Kind bekam. Da fühlte sie sich als Siegerin.

An dem Februartag 2018, an dem Toni Dreilinger 92-jährig in Ramat Gan starb, wurde in Tel Aviv Lion geboren, die jüngste Tochter von Daniel Dor.

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