Die Krise als (vertane?) Chance

  • Noch immer ist das ganze Ausmaß der Hochwasser­katastrophe in Deutschland nicht absehbar.
  • Die Chance, die politisch in jeder Krise und ihrem Management liegt, nutzen die Politikerinnen und Politiker unterschiedlich.
  • Derweil gibt ein weiterer Multimilliardär viel Geld für die Erfüllung eines Kindheits­traumes aus.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

für Politikerinnen und Politiker ist eine Krise nicht nur eine Herausforderung. Sie ist auch eine Chance. Eine Möglichkeit, Führungs­stärke zu zeigen. Sie sind präsent, sie können handeln und Hilfe zusagen. Mehr noch, sie können durch ihren Auftritt all die Eigenschaften transportieren, die sich Bürgerinnen und Bürger an ihren Regierungs­chefinnen und -chefs wünschen. Ein Geschenk in Wahlkampf­zeiten.

Jahrzehntelang war es zum Beispiel für amerikanische Präsidentschafts­kandidaten eine unausgesprochene Pflicht, einen Wahlwerbespot mit einem roten Telefon zu schalten. Das Telefon stand als Symbol für die direkte Verbindung zur zweiten Supermacht Russland, auch lange nach dem Ende der Sowjetunion. Entschlossen und überlegt konnten so bedrohliche Krisen zwischen den Atommächten gelöst und mögliche Katastrophen abgewendet werden. In direkter Kommunikation. Persönlich. Mehr Führungskraft geht eigentlich nicht mehr.

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Einzig: Das rote Telefon gab es nie. Zumindest nicht in dieser Funktion. Die eigentliche Verbindung war ein schwarzer Fernschreiber. Wohl gerade weil man die Möglichkeit missverständlicher Kommunikation zweier Menschen ausschließen wollte. Dennoch, als Symbol hat sich das rote Telefon gehalten. Als ultimatives Zeichen für die Krise und ihre Lösung. Und als Symbol für Führungskraft.

Millionen für die Hochwasser­opfer

Führungskraft in der Krise konnten Politikerinnen und Politiker in den letzten Tagen auch in Deutschland zeigen. Noch immer ist das ganze Ausmaß der Unwetter­katastrophe nicht absehbar. Aber schon jetzt ist klar, dass die Schäden in die Milliarden gehen. Viele Menschen haben alles verloren. Die Zahl der Toten hat die 160 längst überschritten.

Gestern waren Bundeskanzlerin Angela Merkel und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet – der Mann, der im September der Kanzlerin an der Spitze der deutschen Regierung nachfolgen möchte – wieder im Hochwassergebiet unterwegs. Diesmal gemeinsam. Im schwer getroffenen Bad Münstereifel. Sie versprachen unbürokratische Hilfe sowie 400 Millionen Euro Soforthilfe für die Betroffenen. Das Bild, das sie bei ihrem Besuch abgaben, könnte aber kaum unterschiedlicher sein.

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Wo die Kanzlerin einfühlsam und entschlossen wirkt, scheint Laschet verkrampft und überfordert. Schon am Wochenende waren beide CDU-Politiker mit ganz unterschiedlichen kleinen Momenten aufgefallen: Merkel mit einer Geste der Solidarität, als sie Minister­präsidentin Malu Dreyer stützt – Laschet mit einem unangebrachten Lachen im Hintergrund einer bewegten Rede des Bundes­präsidenten. Die Bilder haben Symbolcharakter für den ganzen Auftritt im Krisengebiet. Jetzt kämpft Armin Laschet um sein Image als Krisenmanager. RND-Chef­korrespondentin Daniela Vates hat den Besuch der CDU-Größen in Bad Münstereifel verfolgt und analysiert.

Derweil warnt die Vizepräsidentin des Technischen Hilfswerks (THW) davor, jetzt, unmittelbar nach der Katastrophe, eine Schulddebatte zu führen. Natürlich werde man die Abläufe aufarbeiten müssen, sagt Sabine Lackner im lesenswerten Interview mit meiner Kollegin Saskia Heinze, aber dafür brauche es Ruhe. Und die Expertinnen und Experten, die aktuell immer noch in den Überschwemmungs­gebieten im Einsatz sind. Für die immer noch laufende Suche nach den Vermissten macht Lackner hingegen wenig Hoffnung: „Zu diesem Zeitpunkt ist es leider sehr wahrscheinlich, dass man Opfer nur noch bergen kann, nicht mehr retten.“

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Millionen für den Kindheitstraum

Die New-Shepard-Rakete von Amazon-Gründer Jeff Bezos’ Firma Blue Origin startet vom US-Bundesstaat Texas aus ihren Kurzausflug ins Weltall. © Quelle: Tony Gutierrez/AP/dpa

Am anderen Ende der Welt ist gestern der zweite Multimilliardär innerhalb von nur neun Tagen erfolgreich ins Weltall geflogen und sicher wieder gelandet: Amazon-Gründer Jeff Bezos. Auch das kostete Millionen. Symbolträchtig stellte sich Bezos in eine Linie mit großen Pionieren des Weltraum­fluges: Die Kapsel „New Shepard“ trägt den Namen des ersten Amerikaners im Weltall, der Starttag ist der gleiche, an dem vor 52 Jahren mit Apollo 11 die ersten Menschen auf dem Mond landeten.

Das Ziel der Aktion – neben der Erfüllung eines Kindheits­traumes? Ein neues Zeitalter des Weltraum­tourismus einzuläuten. Dabei bedeutet der Flug eigentlich genau das Gegenteil, kommentiert meine Kollegin Anna Schughart, Leiterin des Teams Magazin: „Das All wird zunehmend zum exklusiven Spielplatz der Superreichen.“ Doch vielleicht entsteht aus dem Flug ja auch etwas Gutes. Nicht wenige, die die Erde vom All aus sehen, erleben den sogenannten Overview-Effekt und empfinden danach eine neue Verbundenheit mit dem Planeten und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern. Vielleicht passiert das ja auch Bezos – und er investiert sein Geld künftig anders.

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Zitat des Tages

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Bester Tag überhaupt.

Jeff Bezos, Gründer des Onlineriesen Amazon und Inhaber des Raumfahrt­unternehmens Blue Origin, nach seinem erfolgreichen Flug ins All

Leseempfehlungen

Kennen Sie noch Studi VZ? Jahrelang gehörte die deutsche Social-Plattform zum Alltag junger Menschen. Im Frühjahr 2020 erst waren die einst so erfolgreichen VZ-Netzwerke unter dem Namen VZ.net überraschend zurückgekehrt. Richtig funktioniert hat das Comeback aber offensichtlich nicht: Studi VZ ist tot – diesmal aber wirklich, schreibt mein Kollege Matthias Schwarzer. Stattdessen arbeiten die Betreiber jetzt an einer Spieleplattform.

­Urlaub in Gefahr? Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 18,8 sind die Corona-Zahlen in Kroatien auf einem niedrigen Niveau. Doch in Zadar, Dubrovnik, Split und anderen beliebten Urlaubsorten liegen die Werte deutlich über dem landesweiten Durchschnitt. Der Tourismus­sektor ist alarmiert – und sieht die Sommersaison an der Adria in Gefahr.

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In Sachsen wurde jüngst die Maskenpflicht aufgeweicht. Eine Leipziger Studentin postete daraufhin ein Selfie aus dem Supermarkt. Ohne Maske. In der Folge schlug ihr in sozialen Medien tagelang Kritik und auch Hass entgegen. In einem Interview mit der „Leipziger Volkszeitung“ sprach die Studentin über die Situation.

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Termine des Tages

  • Das Bundeskabinett will die millionen­schweren Soforthilfen für die Hochwasser­region auf den Weg bringen.
  • Eine Rakete soll ein neues Labor zur Raumstation ISS bringen, sie soll vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan abheben.
  • Mit der Wahl von Brisbane zum Gastgeber der Sommerspiele 2032 will das IOC heute frühzeitig die Weichen für die olympische Zukunft stellen. Die Metropole im australischen Queensland ist im Rahmen eines neuen Verfahrens der bevorzugte und einzige Bewerber für die Spiele in elf Jahren.

Was heute wichtig wird

Das Bundes­verfassungs­gericht beginnt heute die Verhandlung über eine Äußerung von Bundeskanzlerin Merkel zur Wahl Thomas Kemmerichs (FDP) zum Minister­präsidenten von Thüringen. Merkel hatte die Wahl, die nur mit Stimmen der AfD zustande kam, als „unverzeihlich“ bezeichnet. Die AfD wirft ihr vor, ihre Neutralitäts­pflicht verletzt zu haben. Ein Urteil wird erst in einigen Monaten erwartet. © Quelle: imago images/Steinach

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Ihr Paul Berten

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