Die Freiheit der Impfgegner

  • Es ist ein Déjà-vu: Der Herbst kommt, und wir haben Corona nicht im Griff.
  • Aber es gibt einen Unterschied: Wir haben Impfstoff.
  • Impfverweigerer und Impfverweigerinnen müssen sich in Zukunft auf eigene Kosten testen lassen oder eben draußen bleiben – ihre Entscheidung, ihre Freiheit, kommentiert Kristina Dunz.
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Berlin. Die Formulierungen sind beunruhigend. Auf Fragen, ob ein erneuter Corona-Lockdown ausgeschlossen ist, lassen sich Bundesminister und Bundesministerinnen eine Hintertür offen, um nicht später gebrochener Versprechen bezichtigt zu werden.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil etwa sagt, dass er lieber wieder alle ins Homeoffice schicken wolle, bevor die Schulen erneut geschlossen würden. Finanzminister Olaf Scholz betont, es müsse alles dafür getan werden, dass Präsenzunterricht an den Schulen stattfinden kann und es nicht wieder zum Lockdown kommt.

Und wie die SPD wollen das Kanzleramt und Gesundheitsminister Jens Spahn Impfskeptiker und Impfskeptikerinnen zum Piks in den Oberarm bewegen, damit die erhoffte Herdenimmunität erreicht wird, bevor die Delta-Variante Erfolge zunichte macht.

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Wir haben die Pandemie nicht im Griff

Das alles bedeutet nichts anderes als: Wir haben die Pandemie auch nach 18 Monaten in Deutschland nicht im Griff. Wir führen Diskussionen wie vor einem Jahr: Es mangelt an Luftfiltern in Schulen und Universitäten, die Zahl der Neuinfektionen steigt nach den Ferien, wir rauschen langsam, aber stetig in eine neue Welle, es wird vermutlich bei Einschränkungen bleiben.

Die Pandemie und wir In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Es gibt nur einen entscheidenden Unterschied: Wir haben einen Impfstoff. Und deshalb kann jetzt Schluss sein mit den ewigen Debatten, ob der Staat nun Druck auf Impfverweigerer und Impfverweigerinnen machen darf oder nicht. Ja, er darf. Und er muss.

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Denn wenn das Gezerre so weitergeht, werden jene Menschen übersehen, die ihren Beitrag – zum eigenen Schutz – aber auch zur kollektiven Überwindung von Corona geleistet haben. Es kann nicht immer nur um die Minderheit der Impfkritiker und selbsternannten Querdenker gehen, was sie nun alles schlecht und fürchterlich finden in einem Land, in dem Impfdosen verfallen, die ärmere Länder dringend bräuchten – im übrigen die ganze Welt, denn es handelt sich bekanntlich um eine Pandemie.

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So viele Monate haben Familien auf Distanz gelebt, um Eltern und Großeltern nicht zu gefährden. Kindern, Schülerinnen und Schülern und Studierenden wurde eine harte Disziplin abverlangt: Verzicht. Betriebe haben mit Kurzarbeit ihre wirtschaftliche Existenz gesichert und die ihrer Beschäftigten.

Mit der zweiten Impfung kommen viele der Normalität näher. Welch eine tiefe, innere Freude, die Mutter oder Freunde wieder umarmen zu können. Restaurantbesuche, Konzerte, Urlaub, Zusammenarbeit mit Kollegen und Kolleginnen sind auch wieder möglich. Gut, mit Abstand und Maske. Na und.

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Aiwanger verteidigt Entscheidung gegen Corona-Impfung
0:58 min
Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger hat seine bisherige Entscheidung gegen eine Corona-Impfung erneut verteidigt.  © dpa

Geimpfte, Genesene und Getestete bekommen ihre Rechte zurück

In die Debatte um Freiheitseinschränkungen muss Klarheit gebracht werden: Geimpfte und Genesene und Getestete bekommen ihre Rechte zurück. Das bedeutet: Auch Ungeimpfte werden nicht ausgeschlossen, wenn sie einen PCR-Test machen, den sie in Zukunft bezahlen müssen. Nichts wird ihnen verwehrt, außer Sorglosigkeit beziehungsweise Ignoranz gegenüber ihren Mitmenschen. Das ist die Verantwortung des Staates gegenüber der großen Mehrheit, die nicht an Corona erkranken will.

Klar ist: Wer sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen kann, erhält volle Unterstützung. Ein Attest muss dann ausreichen, um den Test bezahlt zu bekommen.

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Es ist auch kein Problem, die epidemische Lage von nationaler Tragweite als Rechtsgrundlage für Regeln und Verordnungen noch einmal um drei Monate zu verlängern. Das würde Druck von der nächsten Koalition nehmen, die nach der Bundestagswahl erst einmal gebildet werden muss.

Und wer noch Zweifel an den Folgen von Corona hat, kann sich ja mal mit Ärztinnen und Krankenpflegern unterhalten, die auf dem Zahnfleisch kriechen, weil sie um Zehntausende von Menschenleben gekämpft und oft verloren haben. Die Arroganz, darüber hinwegzugehen, im Wissen, sie würden auch jedem Impfgegner und jeder Impfgegnerin helfen, wird langsam unerträglich.

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