Die Frage nach den letzten Sekunden von Walter Lübcke

  • Kurz vor der Herbstpause im Prozess ziehen die Familie und der Anwalt des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Zwischenbilanz.
  • Sie sind mittlerweile überzeugt, dass Neonazi Stephan E. die Tat mit seinem Freund Markus H. gemeinsam geplant und begangen hat.
  • Allerdings gab es weder Spuren am Tatort noch eine Aussage von Markus H. – der an diesem Donnerstag auf freien Fuß kommen könnte.
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Ein Großteil ist geschafft: 20 Verhandlungstage sind vergangen, seit der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main am 16. Juni begonnen hat, den Fall Walter Lübcke aufzuklären. Es ist der erste Mord an einem politischen Amtsträger in der Geschichte der Bundesrepublik, und es ist ein ganz persönliches Schicksal der Familie Lübcke, die sich nicht nur der Nebenklage angeschlossen hatte, sondern auch von Anfang an dem Prozess beiwohnte. “Sie bedauert den Schritt bis heute nicht”, sagte der Sprecher der Familie, Dirk Metz, in einem Pressetermin am Dienstagabend. “Sie würde es immer wieder tun."

Dirk Metz, früher einmal Journalist und später Staatsekretär und Sprecher der Hessischen Landesregierung, kannte Walter Lübcke nicht nur beruflich – er ist ein langjähriger Freund der Familie, in deren Namen er ein Zwischenfazit ziehen will an diesem Abend in Frankfurt, zusammen mit dem Rechtsanwalt Holger Matt, der die Angehörigen vor Gericht vertritt.

Emotional belastend sei der Prozess für die Witwe und die beiden erwachsenen Söhne natürlich, sagt Metz, “aber das haben sie bewusst in Kauf genommen, aus drei Gründen: Sie wollten einen Beitrag leisten zur Aufklärung der Tat, sie wollten ein christliches Signal nach außen senden, und sie wollten zeigen, dass Hass und Hetze Grenzen haben.”

Video
Geständnis von Stephan E.: "Ich habe geschossen."
2:40 min
Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main ließ der Angeklagte über seinen Anwalt verlesen: "Ich habe geschossen."  © Reuters
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Die Verhandlungsführung empfinde die Familie als fair, respektvoll und professionell, inhaltlich besonders schlimm sei für sie der Verhandlungstag gewesen, als das Video vom Auftritt Walter Lübckes noch einmal vorgeführt wurde, sagt Metz. Es zeigt jenen Auftritt des Regierungspräsidenten bei einer Bürgerversammlung 2015, der die beiden Angeklagten mutmaßlich zu ihren Mordplänen angestachelt hatte: Walter Lübcke informierte damals über eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Kassel Lohfelden und konterte Provokationen aus dem Publikum mit dem Satz: “Wer die christlichen Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen.”

Das Video, das Stephan E. und Markus H. selbst verbreitet hatten, ist noch immer auf Youtube zu sehen. Für die Familie sei es schwer erträglich gewesen, Walter Lübcke noch einmal so zu sehen.

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Stephan E. und Markus H. waren unbestritten auf jener Bürgerversammlung, sie waren Freunde und – nach allem, was man weiß – rechtsextreme Gesinnungsgenossen. Was der Prozess bislang nicht klären konnte, ist die Frage, ob sie den Mord tatsächlich zusammen geplant und ausgeführt haben. Die Familie ist inzwischen davon überzeugt, auch Anwalt Holger Matt betont, dass nach der bisherigen Beweisaufnahme davon auszugehen sei: Das Geständnis von Stephan E. und vor allem der Tatablauf sprächen für diese Version.

Wie kam die Hautschuppe auf Lübckes Hemd?

Im Zentrum stehen zwei Hautschuppen von Stephan E., die auf Walter Lübckes Hemd gefunden wurden, ohne die man wohl nie auf den Kassler Neonazi gekommen wäre. Laut E.s Aussage hinterließ er die Spur in einem Moment kurz vor dem Mord: Weil sich Walter Lübcke von seinem Stuhl auf der Terrasse aufrichten wollte, habe er ihn geschubst, der sei zurück in den Stuhl gefallen.

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Da die Kugel Walter Lübcke laut Obduktion aber aus einer Entfernung von ein bis 1,50 Meter seitlich über dem Ohr traf, kann Stephan E. ihn nicht von vorn getroffen haben. Walter Lübcke muss in diesem Moment zu jemand anderem geschaut haben: Markus H. – so sieht es Rechtsanwalt Holger Matt.

Laut Bundesanwaltschaft hat Markus H. lediglich “psychische Beihilfe” geleistet: Er soll Stephan E. darin bestärkt haben, Lübcke umzubringen und ihm unter anderem das Schießen beigebracht haben. Auf eine Mittäterschaft von Markus H. gibt es laut Anklage keine Hinweise: Es gab keinerlei Spuren von ihm am Tatort, der ohnehin vorschnell gereinigt wurde, da man zunächst nicht von Mord ausgegangen war.

Man fand kein Haar, keinen Fußabdruck, auch sein Handy wurde nicht in der Nähe des Tatorts geortet. Es gibt auch keine Aussage von H., der während des gesamten Prozesses schwieg und dabei an seiner Haltung wenig Zweifel ließ: Immer wieder betrat er grinsend den Gerichtssaal, verschränkte desinteressiert die Arme über seinem Bauch. Der Kasseler Neonazi wird von zwei in der rechten Szene beliebten Anwälten vertreten, Nicole Schneiders und Björn Clemens. Sie hatten beantragt, das Gericht solle ihn aus der Untersuchungshaft entlassen.

“Entlassung von H. wäre eine schreckliche Nachricht”

Genau das könnte an diesem letzten Verhandlungstag vor der Herbstferien bedingten Pause passieren: Rechtsanwalt Holger Matt hält die Entscheidung des Senats für möglich – auch wenn es noch die Möglichkeit gäbe, Beschwerde dagegen einzulegen. “Wenn Markus H. auf freien Fuß käme, wäre das für die Familie eine schreckliche Nachricht”, sagt Sprecher Metz. “Es wäre eine bedrückende Situation.”

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Die Angehörigen hofften inständig darauf, dass der Mitangeklagte doch noch sein Schweigen vor Gericht bricht. “Es treibt sie um, was in den letzten Sekunden im Leben von Walter Lübcke geschah: Hat er seine Mörder gesehen? Hat er sich noch verteidigen wollen? Es ist ein permanentes Thema in Gesprächen, es bedrückt die Familie, dass es vielleicht nie Klarheit geben wird.”

Am nächsten an der Wahrheit sei für sie das dritte Geständnis des Hauptangeklagten – demnach war sein Kumpel Markus H. in der Tatnacht mit ihm vor Ort. Zuvor hatte E. in Vernehmungen zwei andere, zwischenzeitlich widerrufene Tatversionen geschildert. In der jüngsten Version aber sprach er von einer gemeinschaftlichen Tat. Markus H. könnte demnach die letzten Fragen der Familie beantworten.

Am 21. Prozesstag an diesem Donnerstag soll ein Sachverständiger vernommen werden. Es ist der letzte Verhandlungstag vor den hessischen Herbstferien – danach wird der Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am 20. Oktober fortgesetzt. Ein Urteil könnte Mitte Dezember fallen.





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