Die Flut geht, die quälenden Fragen bleiben

  • Warum ist die Zahl der Opfer bei der Flutkatastrophe so hoch?
  • Hätte der Tod von Menschen verhindert werden können?
  • Deutschland diskutiert über das Krisen­management und sucht nach politischen Antworten auf das Unglück.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

jeder geht mit Nachrichten und Bildern von Katastrophen anders um. Manche verfolgen jedes Detail, andere lassen nur so viele Informationen an sich heran wie unbedingt nötig. Bei der Flutkatastrophe ist es nicht anders. Sie trifft auf ein Land, das in 18 Monaten Corona-Pandemie von schlechten Nachrichten zermürbt wurde und das seine Hoffnung auf einen entspannten Sommer schwinden sieht. Doch auch wenn es noch so schmerzlich und deprimierend sein mag: Wir müssen noch länger auf dieses Unglück schauen. Und zwar sehr genau.

Die Flut zieht sich langsam aus den Straßen zurück. Sie hinterlässt nicht nur Schlamm und Zerstörung, sondern auch bohrende Fragen: Warum ist die Zahl der Opfer so hoch? Hätte der Tod von vielen Menschen verhindert werden können? Hat also der Katastrophenschutz versagt?

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Der Deutsche Wetterdienst und Deutschlands oberste Katastrophen­schützer nahmen ihre Behörden gestern in Schutz: Sie hätten früh genug gewarnt.

Warum aber kam diese Warnung dann bei vielen Menschen nicht an? War sie vielleicht nicht deutlich genug formuliert? Die RND-Hauptstadt­korrespondenten Markus Decker, Thoralf Cleven und Wissenschaftsredakteurin Saskia Heinze zeichnen in ihrem Report die Wege im deutschen Katastrophenschutz nach und suchen nach den Schwachstellen. Dabei sind sie auf eine Analyse gestoßen, die die Bundesregierung vor acht Jahren erstellen ließ.

Das Thema: der Katastrophenschutz bei einem großen Hochwasser in Deutschland. Das Ergebnis: Es mangelt vor allem an der Krisenkommunikation und an der Information der Bevölkerung. Die Politik habe – wie im Fall eines Pandemie­szenarios – keine Konsequenzen aus dieser Risikoanalyse gezogen, kritisiert der Kölner Politik­wissenschaftler Thomas Jäger: Solche Studien würden „häufig genug nur mit zwei Löchern versehen und abgeheftet“.

RND-Hauptstadt­korrespondent Tobias Peter analysiert in seinem Leitartikel die politischen Ursachen des Dilemmas. „Leider ist der Anreiz gering, Gesetze zu machen, deren positive Wirkung sich erst in Jahren oder Jahrzehnten zeigt“, schreibt Peter. Und das gilt für die Gesundheits- und Rentenpolitik ebenso wie für den Klima- und den Katastrophen­schutz. Es gebe allerdings auch durchaus Anlass für Hoffnung: „Politiker verändern Prioritäten – wenn die Wähler darauf bestehen.“

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Hat sich Deutschland zu früh vom Sirenenalarm verabschiedet? © Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp

Die Flutkatastrophe könnte dem gerade erst beginnenden Wahlkampf daher nicht nur kurzfristig eine Wendung bringen. Klimaschutz ist jetzt mehr als nur ein „Trendthema“. Man wird auch reden müssen über den besseren Schutz der Bevölkerung bei großen Unglücken.

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Jenseits der Debatten um Schuld und Verantwortung geht es am Ende vielleicht eher um Details, die Leben retten können: In Ländern, in denen jederzeit Erdbeben drohen, schicken die Behörden bei Gefahr allen Einwohnern, Einwohnerinnen, Besucherinnen und Besuchern SMS-Nachrichten aufs Handy. Und, die Älteren werden sich erinnern: Sirenen auf öffentlichen Gebäuden können sehr eindringlich vor drohendem Unheil warnen.

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Zitat des Tages

Diese Leute haben keinen Platz in unserem Sport, und wir fordern, dass die Verantwortlichen für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Erklärung von Formel 1, Motorsport-Weltverband Fia und Mercedes zu rassistischen Online­beleidigungen gegen den Fahrer Lewis Hamilton

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Bangen um den Sommerurlaub: Trotz hoher Inzidenzwerte wurden Spanien und die Niederlande nicht als Hochinzidenz­gebiete eingestuft. Doch die Infektions­zahlen in beiden Ländern steigen – die Hochstufung könnte daher diese Woche erfolgen. Für die Tourismus­branche wäre das ein herber Schlag, denn dann würden wieder verschärfte Quarantäne­regeln nach der Rückkehr gelten.

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Bangen um das Hackerparadies: Viele Jahre trieben russische Hacker ihr Unwesen im Ausland – völlig unbehelligt. Nach den jüngsten Attacken der Kriminellen­gruppierungen Revil und Darkside gehen die USA nun aber erstmals zu einem massiven Gegenangriff über. Russland zeigt sich kooperations­bereit wie nie, denn die russische Hackerszene ist zu mächtig geworden und für das Land nun selbst ein Problem.

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Sie haben oft keinen Respekt für den Staat und geben sich aggressiv: Mitglieder krimineller Clans in Niedersachsen müssen jetzt damit rechnen, dass ihnen Führerscheine und Luxusautos entzogen werden. Das Land will seinen Kurs gegen die Banden verschärfen, berichtet die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“.

Termine des Tages

Brüssel: Die EU-Kommission stellt Vorschläge für eine Verschärfung des Kampfes gegen Geldwäsche vor. Geplant sind die Einführung einer Bargeld­obergrenze und der Aufbau einer neuen Überwachungs­behörde.

Karlsruhe: Der Bundes­gerichtshof verhandelt im Dieselskandal über Schadens­ersatzklage von VW-Aktionären gegen den Zulieferer Bosch. Bosch hatte für VW die Motor­steuerungs­software entwickelt. Die Kläger hielten Aktien der Volkswagen AG, die sie im September 2015 mit Verlust verkauften. Bosch werfen sie Beihilfe zur unterbliebenen oder nicht rechtzeitigen Information des Kapitalmarkts vor.

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Erfurt: Thüringens Minister­präsident Bodo Ramelow (Linke) erklärt sich zur Lage in seinem Land nach der geplatzten Landtags­auflösung. Die geplanten Neuwahlen sind deshalb verschoben.

Wer heute wichtig wird

Das Raumfahrt­unternehmen von Amazon-Gründer Jeff Bezos will erstmals Menschen auf einen kurzen Trip ins All schicken. Einer der Alltouristen ist Bezos selbst. Nachdem er den Wettlauf um den ersten Flug gegen Richard Branson verloren hatte, will der 57-Jährige auf andere Art und Weise auftrumpfen. Denn an Bord sind mit dem 18-jährigen Niederländer Oliver Daemen und der 82-jährigen US-Pilotin Wally Funk der jüngste und die älteste Person mit dabei, die jemals in den Weltraum geflogen sind. © Quelle: John Locher/AP/dpa

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Ihr Jörg Kallmeyer

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