Die chinesische Impfshow

  • Nur rund die Hälfte aller Chinesen will sich laut Studien impfen lassen.
  • Gründe dafür sind zum einen die niedrigen Infektionszahlen, aber auch fehlende Studienergebnisse und widersprüchliche Angaben zur Wirksamkeit des Impfstoffes.
  • Um den Ruf des heimischen Vakzins zu verbessern, lädt die Regierung seine ausländischen Bewohner zum Impfen ein.
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Peking. Das Impfzentrum am östlichen Eingang des Chaoyang-Parks ähnelt einer hocheffizienten Fließband­abfertigung: Bereits vor dem Funktionsbau weist ein Freiwilliger in perfektem Englisch den Weg aus, der zusätzlich am Boden mit Pfeilen markiert ist. Nur wenige Meter entfernt steht die nächste Helferin mit Lächeln und ausgestreckten Armen bereit. Sanft gleiten die ausländischen Bewohner Pekings durch Registrierung, Impfkabine bis hin zum Beobachtungsraum, als würde es sich um eine Wellnesstherme handeln. Weder Warteschlangen noch lästige Bürokratie stören die Impferfahrung.

Die Einladung schickte der Regierungsbeamte nur wenige Tage zuvor raus, natürlich auf dem kürzesten Dienstweg via Wechat-App. Internationale Korrespondenten können sich einen chinesischen Impfstoff injizieren lassen, stand da geschrieben – auf eigene Kosten (ca. 12 Euro) und eigene Gefahr.

An Impfdosen mangelt es längst nicht mehr, denn die Volksrepublik hat die Produktion seiner heimischen Vakzine auf mittlerweile über fünf Millionen pro Tag erhöht – dreimal mehr als noch im Februar. Bereits 100 Millionen Injektionen, so berichten es die Staatsmedien, wurden bislang der eigenen Bevölkerung injiziert. Was nach viel klingt, ist prozentual auf die Bevölkerung von 1,4 Milliarden hochgerechnet jedoch deutlich weniger als etwa der EU-Durchschnitt.

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Infektionszahlen praktisch bei null

Der schleppende Start hängt vor allem mit einer ziemlich niedrigen Impfbereitschaft zusammen. Studien aus Shanghai und der Provinz Zhejiang kommen beide zu dem Ergebnis, dass sich nur rund die Hälfte aller Chinesen die Vakzine verpassen lassen will. „Nachdem die Firma gesagt hat, es sei okay, nicht das Vakzin zu nehmen, haben 20 Kollegen in meiner Abteilung abgelehnt“, berichtet der Beamte eines Staatsunternehmens aus der nördlichen Provinz Hebei.

Doch die Impfmüdigkeit hat nicht nur mit Misstrauen gegen heimische Pharmariesen zu tun, sondern auch mit dem epidemiologischen Erfolg im Land: Seit Monaten bereits spielt das Virus im Alltag keine Rolle mehr, die Infektionszahlen liegen praktisch bei null. Anders ausgedrückt: Der Nutzen, sich impfen zu lassen, ist derzeit durchaus gering. Doch Pekings Korrespondenten sind dennoch fast unisono der Einladung der Regierung gefolgt. Denn die plötzliche Möglichkeit zur Impfung ging mit dem Versprechen einher, künftig Erleichterungen bei der Einreise zu erhalten.

Keine finalen Studiendaten

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Doch das berüchtigt strenge Quarantäneregime wird dennoch beibehalten: drei Wochen im Hotelzimmer, inklusive mehrerer Virustests via Analabstrich. Ein paar Kollegen haben sich jedoch gegen den Impfstoff entschieden, vor allem weil die chinesischen Hersteller noch immer nicht die finalen Studiendaten publiziert haben, geschweige denn diese in einem Peer-Review-Verfahren überprüfen lassen. Dementsprechend widersprüchlich sind die Angaben zur Wirksamkeit: Sie schwanken je nach Quelle zwischen nur etwas über 50 Prozent bis über 80 Prozent.

Die jüngsten Indizien aus dem Ausland sind gemischt: Die Vereinigten Arabischen Emirate bieten derzeit gar eine dritte Injektion an, sollten die Immunitätswerte niedrig sein. Und Pakistans Premierminister Imran Khan wurde positiv auf das Virus getestet, nachdem er seine zweite chinesische Injektion von Sinopharm bereits bekommen hatte. Dementsprechend ist es ein smarter PR-Schachzug, die ausländische Bevölkerung in China zur Impfung einzuladen. Denn das wertet den angeschlagenen Ruf der heimischen Vakzine auf und fördert den Druck, diese auch in Europa anerkennen zu lassen.

Privilegienshow für Ausländer

Zudem bewirkte das effiziente Management im Impfzentrum nachhaltigen Eindruck bei so manchem Wahl-Pekinger: „Wenn ich mir anschaue, wie reibungslos das in China vonstattengeht, dann wird mir Angst und bange um Deutschland“, sagt ein Geschäftsmann im Ruheraum, während er die obligatorische halbe Stunde nach der Injektion abwartet.

Dabei ist ihm offensichtlich nicht bewusst, dass Pekings Behörden für die ausländischen Gäste eine Privilegienshow sondergleichen hingelegt haben. Denn während etwa die internationale Presse beim Impftermin per Bus abgeholt wird, musste der zuvor erwähnte chinesische Mitarbeiter eines Staatsunternehmens über drei Stunden in der Schlange stehen – und, da am Ende keine Impfdosen mehr verfügbar waren, mit leeren Händen nach Hause gehen.

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