Die Chance: Exponentielles Schrumpfen

  • Viel war im vergangenen Jahr von exponentiellem Wachstum die Rede, wenn es um die Gefahren der Pandemie ging.
  • Doch die Furcht einflößende Kurve nach oben funktioniert auch andersherum.
  • Dies könnte im Kampf gegen die Pandemie mehr helfen, als viele denken.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wieder einmal müssen wir uns mit der Mathematik befassen. Das Exponential­wachstum erlebte ja bereits in der ersten Corona-Welle eine nie geahnte Aufmerksamkeit bis in äußerst mathematikferne Kreise hinein, weil es jene steil ansteigende und furchteinflößende Infektionskurve beschreibt, die daraus entsteht, dass eine Verdoppelung der Fallzahlen im nächsten Schritt eine Verdoppelung der Verdoppelung nach sich zieht. Und so weiter.

Nun gibt es allerdings nicht nur exponentielles Wachstum, sondern die Infektionszahlen können auf eine ähnlich rapide Art auch sinken. Darin liegt eine Perspektive, die offenbar auch für viele Politiker nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Hatten doch vor allem in den Ländern viele Regierungspolitiker an dem Inzidenzwert von 50 auf 100.000 Einwohner in einer Woche öffentlich gezweifelt – mit der resigniert scheinenden Begründung, er sei doch kurzfristig eh nicht zu erreichen und löse deshalb vor allem Frust aus.

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Nun ist es aber mathematisch und virologisch so: Wenn also 100 Infizierte rechnerisch 90 weitere Menschen anstecken, dann dauert es etwa einen Monat, bis sich die Zahl der Infizierten halbiert. Stecken aber 100 Infizierte nur 70 weitere Menschen an, dauert es plötzlich nur noch eine Woche und die Zahl der Infizierten sinkt auf die Hälfte. Weil eine niedrigere Ansteckung im nächsten Schritt weniger Überträger bedeutet. So hat es der Berliner Virologe Christian Drosten nun noch einmal vorgerechnet. Kanzlerin Angela Merkel, die als mathematisch bewandert gilt, hat auch gestern noch einmal bekräftigt, dass die Zielmarke erreichbar sei. Womöglich sogar bis Mitte Februar – also bis zum Ende des neuesten Lockdown­beschlusses.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verlässt das Haus der Bundespressekonferenz. © Quelle: Michael Kappeler/dpa

Es gibt also Hoffnung, die aus den zuletzt sinkenden Zahlen spricht: Das Virus kann ähnlich plötzlich wieder eingedämmt werden, wie es sich verbreitet. Immer vorausgesetzt, es findet nicht ausreichend Übertragungswege. Und neue, ansteckendere Varianten verbreiten sich nicht so schnell, dass alle Rechnerei von vorn anfängt.

Wie diese Mutationen, die in Großbritannien offenbar für ein hohes Infektionsgeschehen gesorgt haben, aufgehalten werden können, darüber spricht die Kanzlerin seit gestern Abend beim EU-Gipfel – Merkels zweiter Corona-Gipfel in dieser Woche nach der Minister­präsidenten­konferenz am Dienstag. Temporäre Grenzschließungen solle es zunächst nicht geben, hieß es gestern Abend – dafür solle aber das Reisen eingeschränkt werden. Die Staats- und Regierungschefs wollen verhindern, dass sich das Grenzchaos aus der ersten Corona-Welle im Frühjahr vergangenen Jahres wiederholt.

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Ein weiteres Thema des Gipfels wird die Wahl des neuen US-Präsidenten sein. Joe Biden hat ja schon in den ersten Stunden seiner Amtszeit alles getan, um die doch in großen Teilen sehr destruktive Politik seines Vorgängers zurückzudrehen. Ob er mit diesem zupackenden Hauruck tatsächlich das zerrissene Land einigen kann, ist fraglich. Für die Europäer allerdings liegt darin eine große Chance, die Zusammenarbeit mit den USA wieder aufzunehmen. Nötig wäre es an vielen Stellen.

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Zitat des Tages

Ich habe ja den Beruf des Lehrers nicht zufällig ergriffen. Deswegen wiege ich hier auch nicht mit der Viehwaage, sondern mit der Goldwaage.

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, über Schulöffnungen

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Dorf im Süden von Leipzig ist gerettet: Das Bergbau­unternehmen Mibrag hat Pläne zum Kohleabbau korrigiert. Die beiden Groitzscher Ortsteile Pödelwitz und Obertitz werden nicht geopfert. Die Freude bei den Bewohnern im Ort ist groß. Zugleich wächst die Befürchtung, dass der Kohleförderer mit den leer stehenden Gehöften spekulieren könnte, berichtet die „Leipziger Volkszeitung“.

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Die Termine des Tages

  • Urteilsverkündung im Fall von Menschenschmuggel und Totschlag in 39 Fällen: Die Toten waren am 23. Oktober 2019 im Südosten Englands in einem Lkw entdeckt worden. Es handelte sich um 31 Männer und acht Frauen aus Vietnam. Mehrere Männer sind wegen Verschwörung zum Menschenschmuggel und wegen Totschlags in 39 Fällen angeklagt.
  • Die Bundesbank gibt bekannt, wie viel Falschgeld 2020 in Deutschland und dem Euro-Raum im Umlauf war.
  • Die Fußball-Bundesliga startet in den nächsten Spieltag mit einem Verfolgerduell: Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund.

Wer heute wichtig wird

Wird heute wohl als CDU-Vorsitzender durch die Briefwahl bestätigt: Armin Laschet. © Quelle: imago images/sepp spiegl

Es war sein Format, es war sein Tag: Als Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet am vergangenen Samstag seine Rede auf dem digitalen CDU-Parteitag gehalten hatte, war den meisten Beobachtern wohl klar, dass es seine Kontrahenten um den Parteivorsitz sehr schwer haben würden. Und tatsächlich wählten die Delegierten Laschet wenig später per Onlineabstimmung zum neuen Parteichef. Um allerdings alles rechtssicher zu machen, muss das Ergebnis im Nachgang noch per Briefwahl bestätigt werden. Heute sollen alle eingegangenen Stimmen ausgezählt und um 16.30 Uhr das Ergebnis verkündet werden. Überraschungen scheinen ausgeschlossen – zumal die Kontrahenten Friedrich Merz und Norbert Röttgen im Vorfeld signalisiert hatten, ein abweichendes Ergebnis von der Onlineabstimmung nicht annehmen zu wollen.

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