Die CDU blickt auf die Blackbox

  • Nie war es so schwer, vor der Wahl eines neuen Vorsitzenden Stimmungen und Strömungen einzuschätzen.
  • Hinzu kommen verwirrende neue Spiele: Merz spricht milder denn je über Merkel, Laschet gibt den Reformer.
  • Am Samstag wird man wissen, wer der neue CDU-Chef ist – und vielleicht auch der künftige Kanzler.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die weltweite Viruswelle und die Krise in den USA verdrängen derzeit viele andere Themen. Deshalb diskutieren die Deutschen relativ wenig über die aktuell wichtigste politische Weichenstellung im Land: Wer wird eigentlich CDU-Vorsitzender?

Diesmal ist bei den Christdemokraten vieles anders als früher, vor allem viel unübersichtlicher. Vielen Mitgliedern erscheint ihre eigene Partei mehr denn je als eine Blackbox. Liegt Armin Laschet vorn, Friedrich Merz, Norbert Röttgen? Niemand weiß das oder würde etwas wetten. Über diese ganz ungewohnte Unsicherheit in der CDU diskutiert Eva Quadbeck, stellvertretende Chefredakteurin und Leiterin des Berliner Büros des Redaktions­Netzwerks Deutschland, heute Abend um 23.15 Uhr im ZDF bei Markus Lanz.

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Einer der Gründe für das Phänomen ist die Pandemie. Erstmals in der Geschichte wird eine Partei ihren Vorsitzenden per Knopfdruck wählen, aus dem Homeoffice. Erstmals finden auch vorab alle formellen und informellen Gespräche nur im Netz statt. Früher konnten Delegierte und Journalisten die viel zitierte Stimmung im Saal aufnehmen – heute herrscht großes Rätselraten.

Ein Merz mit abgerundeten Ecken

Das RND hat mit allen drei Bewerbern gesprochen. Zuletzt haben Kristina Dunz und Daniela Vates aus unserem Berliner Büro ein Interview mit Merz geführt. Darin hat der Mann, der oft so stolz war auf seine Ecken und Kanten, einiges auffällig abgerundet.

Stärker denn je betont Merz zum Beispiel, er wolle nicht mehr als Personifizierung der „Merkel muss weg“-Gruppe gelten: „Das passt mir überhaupt nicht. Die Bilanz von Angela Merkel ist sehr positiv.“

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Zudem vermied Merz den Eindruck, es gehe für ihn um alles oder nichts. Für den Fall seiner Niederlage bei der Wahl am Samstag erklärte Merz seine grundsätzliche Bereitschaft, eine andere tragende Rolle im Superwahljahr 2021 zu übernehmen: „Im Zweifel müssten das der neu gewählte Parteivorsitzende und die Bundeskanzlerin entscheiden.“ Fast scheint es, als sei der Widerspenstige gezähmt worden, ein Stück weit jedenfalls.

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Jeder der drei Bewerber macht gerade sein ganz eigenes Spiel. Röttgen gefällt einigen jungen Frauen in der CDU immer besser. Laschet, den man öfter mal links blinken sah in den letzten Jahren, forderte wirtschafts­freundliche Reformen in Deutschland und einen harten Kurs in der inneren Sicherheit. Alle Kandidaten in der CDU drängen auf den letzten Metern exakt in die Mitte der Partei. Dort wird es jetzt extrem eng. Auch das macht Prognosen über den Ausgang dieser Entscheidung so schwierig.

Zitat des Tages

Deutschland steht vor acht bis zehn sehr harten Wochen.

Angela Merkel in einem internen Auftritt bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Mehrere Sitzungsteilnehmer bestätigten am Dienstagabend diese Wortwahl der Kanzlerin.

Leseempfehlungen

In Kalabrien beginnt heute ein gigantischer Strafprozess gegen die Mafia. Vorgeladen sind mehr als 900 Zeugen, es geht um 400 Straftatbestände von Erpressung bis zu Mord. Doch unausgesprochen geht es in dieser „gemarterten Region“, wie unser Italien-Korrespondent Dominik Straub schreibt, immer auch um Einschüchterung. Vor fünf Jahren verschwand beispielsweise Maria Chindamo. Jungunternehmerin und Mutter dreier Kinder. Seit ein paar Tagen weiß Italien, was mit ihr passiert ist. Weil sie der Mafia im Weg stand, haben Killer sie nicht nur ermordet, sondern auch noch ihre Überreste Schweinen zum Fraß vorgeworfen. Es ist ein Signal an die Angehörigen: Ihnen soll nicht mal ein Grab bleiben, an dem sie die Toten betrauern können. Sie sollen einfach nur Angst haben.

Neue Datenschutz­bestimmungen erlauben es Whatsapp, künftig bestimmte Nutzerdaten mit weiteren Unternehmen des Facebook-Konzerns oder Werbetreibenden zu teilen. Auch wenn die Änderungen für europäische Nutzer überschaubar sind, regt sich massiver Widerstand: In sozialen Netzwerken wird zum Whatsapp-Boykott aufgerufen, Nutzer wechseln in Scharen zu alternativen Diensten wie etwa Telegram. Warum genau das allerdings keine gute Idee ist, erklärt Matthias Schwarzer: Telegram ist nicht nur ein Sammelbecken für Verschwörungs­theoretiker, sondern auch beim Datenschutz deutlich schlechter aufgestellt als Whatsapp.

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Könnte Lakritz gegen Corona helfen? Wissenschaftler der Universität Essen haben jedenfalls nachgewiesen, dass Glycyrrhizin – ein Stoff aus der Süßholzwurzel, der bei der Lakritzherstellung eine zentrale Rolle spielt – die Vermehrung des Coronavirus zu bremsen scheint. Das Forscherteam betrachtete zunächst die antiviralen Effekte von Tee aus getrockneter Süßholzwurzel. „Glycyrrhizin hemmt ein für die Virusvermehrung essenzielles Enzym“, sagt Adalbert Krawczyk, Leiter der Studie, in einer Mitteilung der Universität. Eine Überprüfung der Wirksamkeit am Menschen in klinischen Studien steht noch aus. Die Studie wurde auf dem Preprintserver Biorxiv vorveröffentlicht, wir haben schon einmal reingeschaut.­

Aus unserem Netzwerk: Wie die Bilder aus dem Kapitol wirken

Die Hochschule Hannover hat sich im Studiengang Fotojournalismus näher mit den Bildern beschäftigt, die Trump-Anhänger beim Sturm auf das Kapitol in Washington geschaffen haben. „Da fläzt sich jemand auf den Stuhl von Nancy Pelosi, weil er weiß, dass das zu einem Bild wird“, sagt Dozentin Karen Fromm der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Ähnlich hätten amerikanische Soldaten im Palast des ehemaligen Diktators Saddam Hussein im Irak posiert. Interessant sei, dass die Gewalttäter bereitwillig ihre Gesichter zeigten, obwohl sie wissen müssten, dass ihnen Konsequenzen drohen: „Das zeigt, wie wichtig ihnen das Erschaffen von Bildern ist.“

Termine des Tages

Die Stuttgarter Krawallnacht vom Juni vorigen Jahres wird jetzt vor Gericht ausgeleuchtet. Vor dem Landgericht Stuttgart müssen sich heute zwei Jugendliche verantworten, die einem am Boden liegenden Studenten gezielt gegen den Kopf getreten haben sollen.

Die Corona-Impfungen sind heute Thema im Bundestag. Um 13 Uhr gibt Bundes­gesundheits­minister Jens Spahn (CDU) eine Regierungs­erklärung ab. Mit Moderna wird nach Biontech/Pfizer bereits ein zweiter Stoff in Deutschland verimpft. Ende Januar dürfte mit Astra Zeneca ein dritter Impfstoff hinzukommen.

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Im US-Repräsentanten­haus soll heute ein zweites Amtsenthebungs­verfahren gegen Präsident Donald Trump in Gang gebracht werden – eine Woche vor dem für kommenden Mittwoch ohnehin anstehenden Wachwechsel im Weißen Haus. Trump spricht von einer Hexenjagd. Sein Vize, Mike Pence, weigert sich zudem, seinen Chef per Verfassungszusatz aus dem Amt zu entfernen. Die Demokraten indes betonen, der Überfall gewalttätiger Trump-Fans aufs Kapitol am 6. Januar müsse Folgen haben. Außerdem gelte es zu verhindern, dass Trump jemals wieder das Präsidentenamt anstrebt.

Kelly Craft, Botschafterin der USA bei den Vereinten Nationen, besucht heute Taiwan. Die Visite der hohen Diplomatin erzeugt neue Spannungen im Verhältnis zwischen China und den USA: Peking wünscht keine offiziellen Kontakte der US-Regierung mit Taiwan – die kommunistische Führung sieht die demokratische Insel als Teil der Volksrepublik an. Die Taiwaner hingegen pochen auf ihre Unabhängigkeit.

Wer heute wichtig wird

Kann ein Kind familienrechtlich zwei Mütter haben? Das Oberlandesgericht Celle geht dieser Frage heute ab 13.30 Uhr nach. Die verheirateten Klägerinnen, Verena Akkermann und Gesa Teichert-Akkermann aus Dingelbe im Landkreis Hildesheim, wollen eine Gleichstellung mit heterosexuellen Paaren bei der Elternschaft der kleinen Paula erreichen. Das Verfahren wird auf Twitter begleitet von der Kampagne #PaulaHatZweiMamas. © Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

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