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Die Brände von Moria und ihre Folgen – So kommentiert die europäische Presse

  • Der Aufschrei in Politik und Gesellschaft war riesig, als Dienstagnacht das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos in Flammen stand.
  • Auch die internationale Presse wurde von dem verheerenden Feuer beherrscht.
  • Vor allem die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union kommt dabei nicht gut weg.
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13.000 von Aktivisten aufgestellte, leere Stühle standen am Montag auf dem Platz vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, um auf die prekäre Lage auf Lesbos aufmerksam zu machen. Die Bundesregierung sollte zum Handeln gedrängt werden. Das Signal kam zu spät – nur knapp 24 Stunden später brennt Moria. Die internationale Presse kritisiert die Europäischen Union und ihre Flüchtlingspolitik.

“Regierung von Angela Merkel in Schwierigkeiten”

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Die Folgen des Brands im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos für die EU kommentiert die französische Zeitung “Le Figaro” am Donnerstag:

“Das Feuer im Aufnahmezentrum für Migranten und Flüchtlinge in Moria auf der Insel Lesbos hat die Regierung von Angela Merkel in eine Notlage gebracht. (...) Die Grünen, die Liberalen, die radikale Linke (die Linke) sowie ein Teil der Sozialdemokraten kritisieren nachdrücklich eine als zu zaghaft angesehene Migrationspolitik, obwohl das Land in fünf Jahren mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat. Die AfD hingegen sieht die Tragödie in Lesbos als Frucht einer Politik Deutschlands, die sie (die AfD) für zu einladend hält und die sie beschuldigt, eine Sogwirkung geschaffen zu haben.

Diese Situation und insbesondere die große Angst vor der äußersten Rechten bringen die Regierung von Angela Merkel in Schwierigkeiten. Laut Paris würde das die Zurückhaltung des deutschen Verbündeten – der (derzeit) die EU-Ratspräsidentschaft innehat – erklären, in Brüssel auf ein Gemeinschaftsabkommen über die Verteilung von Asylbewerbern zu drängen.”

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Bundesweite Proteste nach Brand in Moria
1:58 min
Die Demonstranten forderten die Bundesregierung auf, die Menschen aus dem völlig überfüllten Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos aufzunehmen.  © Reuters

“Identität der Verzweifelten von Moria zu Staub zerfallen”

Die italienische Tageszeitung “La Repubblica” schreibt:

“Auf dem Feld der Schande geht die Nacht, aber das Schwarze bleibt. Das Dunkel der Gerippe der Container, die für Tausende Menschen ein Zuhause waren. Fetzen von Zelten, geschwärzte Pappe, die immer noch zwischen den Ölbäumen brennt und die Erinnerungen und Dokumente und damit die Identität der Verzweifelten von Moria zu Staub werden lässt. Das Feuer hat ihre Zukunft zerstört. (...) Die Flammen von Lesbos haben wieder einmal einen hellen Scheinwerfer auf die Schande Europas geworfen. Wir werden sehen, was sie am Ende zurücklassen.”

“Das Feuer von Moria ist eine wichtige Fackel im Medienlärm”

Die liberale schwedische Tageszeitung “Dagens Nyheter” (Stockholm) kommentiert:

“Das Feuer in Moria ist eine wichtige Fackel im Medienlärm, die ihr Licht auf eine prekäre und andauernde Situation wirft: die Flüchtlingskrise. Sie existiert heute genauso wie im Herbst 2015. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die EU die Grenze geschlossen hat und dem Despoten Erdogan 60 Milliarden Kronen gibt, damit die Türkei die Millionen Menschen in Lagern und außerhalb der EU-Grenze hält. (…) Stellen Sie sich vor, das Feuer könnte den politischen Willen und die Fähigkeit wecken, systematisch deutlich mehr notleidende Menschen in Europa aufzunehmen. Der deutsche Außenminister weist den Weg, wenn er jetzt sagt, dass die Asylbewerber auf Lesbos evakuiert und in der gesamten EU verteilt werden sollten.”

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Überfülltes Flüchtlingslager Moria auf Lesbos niedergebrannt
2:28 min
Auf der Insel wurde laut Medienberichten der Notstand ausgerufen. Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl forderte die Bundesregierung zum sofortigen Handeln auf.  © Reuters

“Wir hätten früher reagieren müssen”

Die konservative norwegische Tageszeitung “Adressavisen” (Trondheim) meint:

“Es musste also zu einem Großbrand kommen, damit Norwegen sein Versprechen einhält. Norwegen ist ein sehr reiches Land und hat eine lange Tradition, Menschen in Not zu helfen. Wir hätten früher reagieren müssen. Wir stimmen mit Erna Solberg darin überein, dass es ein gemeinschaftlicher europäische Akt sein sollte, den Kindern in den Flüchtlingslagern zu helfen. (...) Leider kann Griechenland nicht jeden aufnehmen, der kommt. Deshalb haben andere europäische Länder die Pflicht, in Krisensituationen zu helfen. In Moria und anderen Lagern hat die Krise lange gedauert. Dass Norwegen jetzt 50 Menschen aufnimmt, sollte als Anfang betrachtet werden.”

“Corona-Pandemie hat Versagen der europäischen Migrationspolitik bloßgestellt”

Zur Reaktion der EU auf den Großbrand schreibt die niederländische Zeitung “de Volkskrant”:

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“In allen Tonarten erklären die EU-Staaten sich nun solidarisch mit Griechenland. Das ist ein Deckmantel. Es hat lange gedauert, aber jetzt hat die Corona-Pandemie auch das Versagen der europäischen Migrationspolitik in vollem Umfang bloßgestellt. Der Lockdown im Flüchtlingscamp Moria war Dienstagnacht der Auslöser für die Verwüstung des Lagers. (...)

Die EU bietet zwar praktische und finanzielle Hilfe an. Derweil sollte es aber über die geheime Agenda in den meisten europäischen Hauptstädten keine Missverständnisse geben. Schon seit Jahren dienen die griechischen Flüchtlingslager vor allem als Warnung für jeden in Afrika und Asien, der darüber nachdenkt, sein Glück in Europa zu versuchen: Tu es nicht, denn hier bleibst du im griechischen Morast stecken.”

“Höchste Priorität muss eine Fokussierung in Brüssel auf gemeinsame EU-Strategie zur Umsiedlung von Flüchtlingen haben”

Die in Dublin erscheinende “Irish Times” meint:

“Vor allem werden jetzt Zelte und grundlegende Versorgungsgüter benötigt. Aber diese Tragödie hat auch die dringend erforderliche Aufmerksamkeit auf die längerfristige Zukunft der gestrandeten Flüchtlinge in einem Europa gelenkt, das ihnen zunehmend feindlich gesinnt ist. Die Staats- und Regierungschefs der EU versprachen sofortige Hilfe. Und es gab einige Angebote zur Aufnahme von Migranten – ein deutsches Bundesland erklärte sich bereit, 1000 der Lagerbewohner im Rahmen eines größeren Umsiedlungsprogramms zu beherbergen. Höchste Priorität muss aber eine neue und dringende Fokussierung in Brüssel auf eine gemeinsame EU-Strategie zur Umsiedlung von Flüchtlingen haben.”

“Moria war eine tickende Zeitbombe”

Die belgische Zeitung “De Standaard” schreibt:

“Moria war eine tickende Zeitbombe, überfüllt, es gab nicht einmal genug Wasser und Strom. Die Flüchtlinge mussten jahrelang auf ein ‘Verfahren’ warten – und all das innerhalb der Europäischen Union.

Griechenland fühlt sich als ‘Grenzland’ im Stich gelassen, weil andere EU-Länder die Flüchtlinge nicht aufnehmen wollen. Es prangert auch die Türkei an, die regelmäßig ‘den Hahn aufdreht’. Moria ist zu einem Symbol des scheinbar absichtlichen Verfalls geworden. Als sollten so andere Flüchtlinge und Migranten abgeschreckt werden. (...)

Auch die ersten politischen Reaktionen auf den Brand sprachen Bände. EU-Innenkommissarin Ylva Johansson versprach gestern Geld, um 400 Kinder aus Moria auf das Festland zu bringen. Dorthin, wo die Auffanglager bereits voll sind.”

“Eine gemeinsame europäische Migrationspolitik wird es auf absehbare Zeit nicht geben”

Die “Neue Zürcher Zeitung” aus der Schweiz:

“Eine gemeinsame europäische Asyl- und Migrationspolitik wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Zu unterschiedlich sind die Positionen in den Mitgliedsstaaten der EU. Aber das bedeutet nicht, die unhaltbaren Verhältnisse auf den griechischen Inseln einfach hinzunehmen. Die Verschnaufpause sollte vielmehr dazu genutzt werden, wenigstens auf drei Gebieten handlungsfähig zu werden. Erstens müssen die Asylsysteme an der Außengrenze auf einen Stand gebracht werden, dass innerhalb weniger Monate entschieden werden kann, ob ein Antragsteller Anrecht auf Schutz hat oder nicht. Zweitens sollen Rückführabkommen mit den Herkunftsstaaten geschlossen werden, die mit wirtschaftlichen Anreizen und der Möglichkeit zu legaler Migration verbunden sind. Und drittens sollen jene Staaten, die bereit sind, anerkannte Flüchtlinge aufzunehmen, deren Verteilung verbindlich untereinander regeln.

Die Katastrophe auf Lesbos verlangt nicht in erster Linie nach einer humanitären, sondern nach einer systemischen, also politischen Antwort. Es geht dabei um die Behebung eines Politikversagens, das seit Jahren unnötiges Leid über Zehntausende bringt.”

RND/fw/cmp/dpa

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