Die bittere Wahrheit über den Afghanistan-Krieg

  • Ein Geheimdokument zeichnet auf 2000 Seiten ein verheerendes Bild des US-Einsatzes in Afghanistan.
  • Die Öffentlichkeit wurde offenbar systematisch belogen.
  • Nach dreijährigem Rechtsstreit erzwang die „Washington Post“ die brisante Veröffentlichung.
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Washington. Zwei Jahre lang war Bob Crowley als Oberst der US-Armee für die Niederschlagung von Aufständen in Afghanistan zuständig. Als er nach seiner Heimkehr 2016 behördenintern befragt wurde, schilderte der Offizier den Einsatz in ungeschönten Worten: „Jeder Datenpunkt wurde verändert, um das bestmögliche Bild zu erzeugen. Die Bestandsaufnahmen waren völlig unzuverlässig, aber bestätigten, dass alles, was wir machten, richtig war.“ Das amerikanische Militär, so Crowley, habe sich permanent selbst getäuscht.

Mehr als 400 Soldaten, Diplomaten und Hilfsarbeiter wurden befragt

Der Oberst ist einer von 428 Soldaten, Diplomaten und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, die von US-Behörden seit 2014 zu ihrem Einsatz in Afghanistan befragt wurden. Nach einem dreijährigen Rechtsstreit hat die „Washington Post“ nun die Herausgabe der 2000 Seiten mit den Interviews erzwungen. Die am Montagmorgen unter der Überschrift „Ein Krieg mit der Wahrheit“ veröffentlichten Geheimdokumente zeichnen ein verheerendes Bild des 18-jährigen Einsatzes am Hindukusch. Offenbar fehlte von Anfang an eine schlüssige Strategie und die Öffentlichkeit wurde systematisch hinters Licht geführt.

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„Sie machten rosige Versprechungen, von denen sie wussten, dass sie nicht wahr sind“, fasst die „Washington Post“ die Desinformation durch hohe Vertreter des Militärs und der Regierungen von George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump zusammen. In den Dokumenten macht Douglas Lute, der Afghanistan-Beauftragte des Weißen Hauses unter Bush und Obama, ein erschütterndes Geständnis: „Uns fehlte jedes Verständnis für Afghanistan. Wir wussten nicht, was wir taten“, sagt der Drei-Sterne-General: „Wir hatten nicht die leiseste Idee, auf was wir uns einließen.“

Gleichsam als Quintessenz seiner Frustration berichtet Lute von der Eröffnung eines Polizeipräsidiums in einer afghanischen Provinz: Mit großen Gesten wurde das rote Band zu dem von den Amerikanern errichteten Gebäude durchgeschnitten. Doch der afghanische Polizeichef konnte die Tür nicht öffnen: „Er hatte noch nie einen Türknopf gesehen.“ Das ist ein vergleichsweise kleiner Lapsus. Der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation berichtet, wie afghanische Mohnbauern in der Hoffnung auf eine erneute Prämie für die Vernichtung ihrer Ernte die Produktion noch ausweiteten. Als das US-Militär die Felder dann ohne Entschädigung zerstörte, liefen die Bauern zu den Taliban über.

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Keine Ahnung, wer die „Good Guys“ und die „Bad Guys“ sind

Das US-Militär wusste über lange Zeit nicht, wer Freund und wer Feind war. „Sie dachten, ich käme mit einer Karte, auf der man sehen könne, wo die ‚Good Guys‘ und wo die ‚Bad Guys‘ sind”, berichtete der Berater eines US-Spezialkommandos: „Es hat lange gedauert, bis sie begriffen, dass ich diese Information nicht hatte.“ Die afghanischen Streitkräfte, deren Stärkung ein wichtiges Ziel des Westens war, werden als inkompetent, unmotiviert und korrupt beschrieben. Das offizielle politische Ziel des Aufbaus einer starken Zentralregierung nennt ein Experte des State Departments angesichts der fehlenden afghanischen Tradition schlicht „verrückt“.

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Ähnlich wie bei der Veröffentlichung der Pentagon-Papers von 1971 über den Vietnam-Krieg belegen die aktuellen Afghanistan-Papers eine systematische Desinformationspolitik. „Das amerikanische Volk wurde permanent belogen“, zieht John Sapko, der Chef des mit der behördeninternen Befragung beauftragten Instituts, ein bitteres Fazit. Die Erkenntnis besitzt politische Sprengkraft: Im Afghanistan-Krieg sind mehr als 2300 amerikanische Soldaten getötet worden. Der bislang 900 Milliarden Dollar teure Einsatz ist in der Bevölkerung unpopulär. Gerade erst haben die USA und Vertreter der militant-islamischen Taliban wieder Gespräche über einen Waffenstillstand aufgenommen, der den Weg für den Abzug der verbliebenen 13.000 US-Soldaten ebnen soll.

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