Die Aufhebung der Impfreihenfolge führt zu Chaos und Frust

  • Erst hat die Bundesregierung eine bis ins Kleinste ausdifferenzierte Impfreihenfolge aufgestellt, dann rückt sie zu früh von ihr ab.
  • Beides ist falsch, kommentiert RND-Korrespondent Andreas Niesmann.
  • Wer so handelt, verspielt politische Glaubwürdigkeit – mal wieder.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Man hätte ja auf eine Impfreihenfolge verzichten können. Hätte einfach zunächst die Schwerstkranken und Hochbetagten gegen das Coronavirus geimpft und danach die Losung ausgegeben: Immer rein in die Arme. Hat man aber nicht.

Stattdessen hat die Politik in einem wochenlangen Diskussionsprozess mit Ärzten, Virologen und Ethikern eine fein ziselierte Impfpriorisierung ausgebrütet und feierlich in eine Bundesverordnung gegossen. Sie hat damit den Eindruck erweckt, dass alles hübsch nach Recht und Ordnung läuft und jeder erst dann seinen Pieks bekommt, wenn er eben an der Reihe ist.

Hauptstadt-Radar Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.
Anzeige

Was anfangs noch einigermaßen funktioniert haben mag, hat sich inzwischen als Illusion entpuppt. Erst sicherten Lokalpolitiker für sich und ihre Gefolgsleute Dosen, die auf wundersame Weise am Abend eines Impftages übrig geblieben waren. Dann begannen die Länder, über die Bundesverordnung zu verhandeln, etwa um eigene Beamte bevorzugt impfen zu können.

„Bitte rufen sie nicht für einen Impftermin an“

Und spätestens seit die Hausärzte im großen Stil in die Kampagne eingestiegen sind, häufen sich die Berichte von Menschen, die einen Impftermin bekommen haben, weil sie jemanden kennen, der jemanden kennt. Wer nach den Regeln spielt und darauf wartet, dass seine Priorisierungsgruppe an der Reihe ist, schaut in die Röhre.

Insofern scheint die Entscheidung naheliegend, die Reihenfolge einfach komplett zu kippen, wie es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt zum 7. Juni angekündigt hat. Einige Länder hatten es bereits vorgemacht.

Und doch ist die Entscheidung falsch – oder zumindest verfrüht. Erstens, weil die Politik damit ein nie dagewesenes Chaos in deutschen Hausarztpraxen angerichtet hat. Viele haben angesichts des Ansturms Impfwilliger längst die Hörer danebengelegt. „Bitte rufen sie nicht für einen Impftermin an“, der Hinweis findet sich auf unzähligen Webseiten.

Video
Spahn: „Die Impfpriorisierung wird ab 7. Juni aufgehoben.“
1:30 min
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn teilte die für viele erfreuliche Nachricht am Montag in Berlin mit: Die Impfpriorisierung wird Anfang Juli aufgehoben.  © Reuters

Der Frust wächst

Zweitens mangelt es noch immer am Impfstoff, woran auch die Ankündigung von Gesundheitsminister Spahn nichts ändert. Wenn plötzlich alle dürfen, aber nicht alle können, wächst dadurch vor allem der Frust.

Und drittens stellt die verfrühte Freigabe das gesamte System der Priorisierung in Frage. Wie will man einem Patienten aus Priorisierungsgruppe 3 eigentlich erklären, dass er brav gewartet hat, während mancher aus Gruppe 4 nun beinahe zeitgleich mit ihm geimpft wird?

Anzeige

Ein System erst einzuführen und dann nicht durchzuhalten, erhöht nicht gerade die Glaubwürdigkeit der Politik. Aber das gehört zu dieser Pandemie scheinbar mit dazu.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen