Die anonymen zwölf: Diese Jury urteilt über Derek Chauvin

  • Neun Minuten und 29 Sekunden kniete Ex-Polizist Derek Chauvin auf dem Nacken von George Floyd.
  • Der entsetzliche Tod des Afroamerikaners bewegte Millionen.
  • Nun sollen zwölf Geschworene ein Urteil über dessen mutmaßlichen Mörder fällen – ohne Vorurteil, ohne Einflussnahme von außen.
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Liebe Leserinnen und Leser,

die Sekunden bevor George Floyd das Bewusstsein verliert, sind besonders schwer zu ertragen. Der 46-jährige Afroamerikaner fängt an, nach seiner verstorbenen Mutter zu rufen: „Mama!“ Die Atempausen werden immer länger. „Mama, I’m through!“ Mama, ich bin am Ende. Es müssen diese Momente gewesen sein, in denen Floyd wusste: Hier, an der Kreuzung East 38th Street und Chicago Avenue, werde ich sterben. Es ist herzzerreißend.

Neun Minuten und 29 Sekunden kämpft Floyd vor knapp einem Jahr um sein Leben. Neun Minuten und 29 Sekunden kniet der angeklagte Ex-Polizist Derek Chauvin auf seinem Nacken. Neun Minuten und 29 Sekunden der Entmenschlichung, die den Geschworenen nun zum Prozessauftakt vorgespielt wurden. 27-mal stöhnt Floyd dabei angestrengt auf dem Bauch liegend, die Arme hinter dem Rücken in Handschellen gelegt: „I can’t breathe.“

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Ich kann nicht atmen.

George Floyd

Der weiße Ex-Polizist Derek Chauvin ignoriert ihn 27-mal. Stattdessen verhöhnt er den damals 46-Jährigen: „Steh auf. Steh auf und steig in den Streifenwagen.“ Während sein Knie dem sterbenden Floyd weiter die Luft abschnürt und dessen Gesicht gegen den Asphalt presst.

Passanten reden auf Chauvin ein, er solle Floyd „atmen“ lassen. Mindestens zwei Augenzeugen rufen die Polizei. Der Grund für ihren Anruf: Sie glauben, einen Polizisten dabei zu beobachten, wie er einen Menschen auf offener Straße tötet. Und keiner der anwesenden Polizisten hält ihn davon ab.

Willkommen zur neuen Ausgabe von „What’s up, America?“.

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Seit gestern sitzt Derek Chauvin auf der Anklagebank. Mein Kollege Sebastian Heintz hat den Fall in seiner Gesamtheit nachgezeichnet. Hier können Sie seine Chronologie nachlesen. Der Prozess gegen den Hauptangeklagten Chauvin wird voraussichtlich einen Monat lang dauern. Die Erwartungen sind immens. Es geht um Rassismus, Unterdrückung und Polizeigewalt. Nach dem qualvollen Tod Floyds gingen Millionen Menschen auf die Straßen. Viele Beobachter sprechen von der größten Protestwelle seit der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre.

Video
Tod von George Floyd: Hauptverfahren hat begonnen
1:08 min
In den USA wird dem ehemaligen Polizisten Derek Chauvin unter anderem Mord vorgeworfen.  © Reuters
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Doch genau diese äußeren Einflussfaktoren sollen im Gerichtssaal ausgeblendet werden. Da sind sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung in ihren Eröffnungsplädoyers einig. Zwölf Geschworene aus Minneapolis, Minnesota, sollen nur entscheiden, ob Chauvin das Gesetz gebrochen hat. Doch wie objektiv ist die zusammengestellte Jury?

Einer der wichtigsten Vorgänge im Prozess ist bereits abgeschlossen. Zwei Wochen lang interviewten Richter Peter Cahill sowie Mitglieder der Staatsanwaltschaft und die Verteidiger Chauvins mehr als 300 potenzielle Geschworene. Alle Kandidaten mussten zudem im Dezember 2020 einen 16-seitigen Fragebogen ausfüllen. Darin waren Fragen zu finden wie: Haben Sie das Video gesehen? Wenn ja, wie oft? Zudem wurde erfragt, ob sie an Protestmärschen nach Floyds Tod teilgenommen hatten. Wenn ja: mit oder ohne Schild? Was stand darauf? Wie stehen Sie zu Black Lives Matter? Was halten Sie von Derek Chauvin? Sind Sie Fan von Blue Lives Matter?

Wie wurden die Geschworenen ausgewählt?

Die Auswahl der Jury stellt laut Anwälten und Rechtsexperten in so einem brisanten Fall eine ungewöhnliche Herausforderung dar. Potenzielle Kandidaten sind meist mit Informationen über das Ereignis überladen. „Wenn Sie nicht unter einem Felsen leben, gibt es niemanden in Minneapolis, und wahrscheinlich niemanden in den Vereinigten Staaten, der nicht mit dem Tod von George Floyd vertraut ist“, sagte Daniel S. Medwed, ein Rechtsprofessor an der Northeastern University, der „Washington Post“. „Das Gericht will Leute, die von dem Fall gehört haben, aber bereit sind, alle bereits bestehenden Vorurteile oder anfänglichen Meinungen über Schuld oder Unschuld beiseitezulegen.“

Sonderermittler Steve Schleicher sprach beispielsweise mit mehreren Geschworenen darüber, ob sie glauben, dass jemand, der wirklich nicht atmen kann, in der Lage wäre zu sprechen. Chauvins Anwalt, Eric Nelson, fragte eine Kandidatin: „Stimmen Sie mir zu, dass es immer zwei Seiten einer Geschichte gibt?“ Audiomitschnitte der Interviews verdeutlichen die Tragweite dieses Prozesses. Viele Kandidaten gaben zu Protokoll, um ihre Familien zu fürchten. Andere atmeten einmal tief durch, als sich Richter Cahill entschuldigte.

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Die anonymen zwölf

Von ursprünglich mehr als 300 Kandidaten sind zwölf Geschworene und zwei Ersatzmitglieder übrig geblieben. Die Jury setzt sich aus sechs weißen Frauen, zwei multiethnischen Frauen, einer schwarzen Frau, drei schwarzen Männern und zwei weißen Männern zusammen. Die ausgewählten Geschworenen kommen alle aus Hennepin County, das laut Volkszählungsdaten demografisch zu 74 Prozent weiß und zu 14 Prozent schwarz ist.

Jeder Juror im Fall Floyd wurde nur durch eine Nummer identifiziert. Es werden im Verlauf des Prozesses zu keiner Zeit Namen, Adressen oder andere identifizierende Details preisgegeben. Die Geschworenen dürfen im Gerichtssaal zudem nicht gefilmt werden.

Der Gerichtsprozess findet unter maximalen Sicherheitsauflagen statt. Die Juroren werden völlig von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Nichts soll und darf ihr Urteilsvermögen trüben. Das gelang in der Vergangenheit nicht immer: Ein US-Berufungsgericht hob 1999 beispielsweise die Verurteilung des weißen Polizisten Larry Nevers aus Detroit auf, der einen schwarzen Autofahrer totgeschlagen hatte. Die Beweise gegen ihn schienen erdrückend. Ähnlich wie im Fall Chauvin. Das Gericht wies aber darauf hin, dass mindestens ein Geschworener gehört hatte, dass die Nationalgarde in Bereitschaft stand, falls Nevers freigesprochen würde und Gewalt ausbräche.

Das wissen wir über die Jury

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Obwohl kaum öffentlich zugängliche Daten über die Geschworenen existieren, lässt sich aus ihren Gesprächsprotokollen gut rekonstruieren, wie sie zu den verschiedensten Themen stehen. Was auffällt, ist, dass die Jury sehr jung und sehr divers ist. Einige Geschworene gaben im Fragebogen und den persönlichen Gesprächen an, vor Prozessbeginn nicht die ganzen neun Minuten und 29 Sekunden gesehen zu haben. Alle wären zudem bereit, ihre Meinung zu Themen zu ändern. Von Chauvin hätten die meisten ein „eher schlechtes Bild“. Eine Geschworene meinte dennoch:

Man respektiert die Polizei und tut, was sie verlangt.

Juror 9

Sie stimmte auch zu, dass Menschen, die nicht auf die Polizei hören, selbst schuld an negativen Ergebnissen sind. Die älteste Geschworene gab dagegen zu Protokoll, einen positiven Eindruck von der Black-Lives-Matter-Bewegung zu haben und sagte:

Ich bin schwarz. Mein Leben ist wichtig.

Juror 11

Ein anderer war bereits Zeuge von Polizeigewalt und drückte sein Unverständnis darüber aus, warum die anwesenden Polizisten nicht eingriffen. Er kenne jedoch Polizisten aus seinem Fitnessstudio. Das seien wiederum alles „super Typen“. Hier finden Sie eine Liste von allen zwölf Geschworenen und ihren Aussagen vor Prozessbeginn.

Mehr als 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei und gut fünf Jahrzehnte nach der vollen rechtlichen Gleichstellung Schwarzer sind die USA beim Thema Rassismus noch immer ein Land ungleicher Chancen. Schwarze leben im Durchschnitt weniger lang und sind weniger gut gebildet als Weiße. Das Vermögen einer durchschnittlichen weißen Familie ist Studien zufolge bis zu zehnmal so hoch wie das einer schwarzen Familie. Zudem werden Afroamerikaner viel häufiger Opfer von Polizeigewalt.

All das soll in diesem Prozess keinen Platz finden. Der Fall „State of Minnesota v. Derek Chauvin“ soll davon isoliert und unvoreingenommen beurteilt werden. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass in diesen Wochen weit mehr auf der Anklagebank sitzt als ein weißer Ex-Polizist.

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Facts and Figures

Joe Biden hat sein eigenes Ziel nach oben korrigiert. Der Großteil aller erwachsenen Amerikaner soll schon in drei Wochen impfberechtigt sein. Bis zum 19. April sollen 90 Prozent der Erwachsenen für eine Impfung infrage kommen, sagte der US-Präsident gestern im Weißen Haus. Das Impftempo in den Vereinigten Staaten ist nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile rasant. Allein am vergangenen Samstag waren in den USA laut Weißem Haus innerhalb eines Tages rund 3,5 Millionen Impfdosen gespritzt worden. Wie ist das möglich?

Im ganzen Land verabreichen 40.000 Apotheken die Impfstoffe von Moderna, Biontech/Pfizer und Johnson & Johnson. Zudem werden überall Massenimpfzentren aus dem Boden gestampft. In den USA sind zudem alle aufgerufen, wo es die berufliche Erfahrung zulässt, eine Nadel zu setzen. So impfen etwa auch Hausärzte, Tierärzte, Zahnärzte und Augenärzte gegen Covid-19. Im Bundesstaat New York dürfen sich ab heute alle Bürger ab 30 Jahren mit einem der drei zur Verfügung stehenden Mittel impfen lassen. Eine Woche später seien sogar bereits alle New Yorker ab 16 Jahren dran – das ist momentan das Mindestalter für die Impfstoffe.

Doch auch die Vereinigten Staaten kämpfen trotz Impfrekorden mit steigenden Infektionszahlen. Experten befürchten ein „drohendes Unheil“, berichtet RND-Washington-Korrespondent Karl Doemens. Entgegen der Warnungen des US-Präsidenten haben dennoch viele Bundesstaaten alle Restriktionen aufgehoben.

Die nächste Ausgabe von „What’s up, America?“ folgt am 6. April. Bis dahin: Bleiben Sie gesund!

Ihr Alexander Krenn

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