Die amerikanische Routine: schießen, schreien, nichts tun

  • Die USA haben ein Waffenproblem. Oder viel mehr: Probleme.
  • Das Land hat seit Jahrzehnten mit Amokläufen zu kämpfen. Die großen Reformen bleiben aus.
  • Das dürfte sich auch nach den jüngsten Attacken kaum ändern.
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Liebe Leserinnen und Leser,

wie viele Menschen werden jedes Jahr durch Schusswaffen getötet? „In Deutschland: 381. In Frankreich: 255. In Kanada: 165. In Großbritannien: 68. In Australien: 65. In Japan: 39. In den USA: 11.127″, erklärte der Filmemacher Michael Moore in seiner Dokumentation „Bowling for Columbine“, in der er die lockeren Waffengesetze im Land anprangert. Das war im Jahr 2002. Die Gesundheitsbehörde CDC verzeichnete in ihrer jüngsten Statistik aus dem Jahr 2018 insgesamt 39.740 Schusswaffentote in den USA. Also etwa 109 Tote pro Tag. Und doch verteidigen die USA das Recht, eine Waffe zu tragen, vehement.

Es fühlt sich an wie der sicherste Ort in Amerika, und ich wurde gerade fast getötet, weil ich eine Limo und eine Tüte Chips gekauft habe

Ryan Borowski Augenzeuge
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Ryan Borowski gehört zu den Überlebenden des jüngsten Amoklaufs in den USA. In einem Supermarkt im US-Bundesstaat Colorado schoss am Montag ein 21-Jähriger um sich. Borowski kann uns noch von seinen schrecklichen Erlebnissen erzählen, zehn andere können das nicht. Bereits vergangenen Dienstag waren in drei Massagesalons in und um Atlanta im US-Bundesstaat Georgia innerhalb kurzer Zeit acht Menschen erschossen worden. Die USA haben ein Waffenproblem. Oder viel mehr: Probleme.

Willkommen zur neuen Ausgabe von „What’s up, America?“.

In den USA kommt es quasi täglich zu tödlichen Zwischenfällen mit Schusswaffen, die dort leichter zu kaufen sind als in Deutschland. Ein 18-Jähriger kann sich auf der anderen Seite des Atlantiks legal eine halbautomatische Feuerwaffe kaufen. Unter 18-Jährige dürfen keine Handfeuerwaffen besitzen – Langwaffen allerdings schon. Eine Lizenz braucht dafür niemand. In Deutschland ist das unvorstellbar.

Seit 1998 werden sogenannte Backgroundchecks durchgeführt. Potenzielle Waffenkäufer müssen dafür ein Formular des Amtes für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoff ausfüllen. Der Händler kann den Käufer dann binnen Minuten überprüfen lassen. Dem FBI zufolge wurden bis heute 300 Millionen solcher Checks durchgeführt. Sie führten zu lediglich 1,5 Millionen abgelehnten Waffenkäufen.

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Amokläufe wie in Colorado oder Georgia machen nur ein Prozent aller Tötungsdelikte mit Schusswaffen aus, stehen aber symptomatisch für ein größeres Problem. Im Zeitalter der sozialen Medien finden diese Taten live und in Farbe statt. Irgendwo läuft immer eine Kamera mit. Seit 1966 wurden dem Violence Project zufolge 1269 Menschen auf diese Art und Weise aus dem Leben gerissen. Beim Einkauf, in der Schule, bei einem Konzert.

Diese Karte zeigt alle Amokläufe seit 1966 in den USA. © Quelle: The Violence Project
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Durch die Pandemie gingen Amokläufe im Jahr 2020 deutlich zurück. Bis zu den Vorfällen vergangenen Dienstag in Georgia war es ein Jahr her, dass es in den USA zu öffentlich inszenierten Schießereien kam, bei denen vier oder mehr Menschen getötet wurden. Im Jahr 2018 gab es 10 Massenerschießungen, 2019 waren es neun. „Das waren die schlimmsten Jahre in der Geschichte“, sagt Jillian Peterson, Professorin für Strafjustiz an der Hamline University in St. Paul, Minnesota, und Mitbegründerin des Violence Project der „New York Times“.

Aufregung und dann? Nichts

Mehr als 300 Millionen Schusswaffen sind in den USA in Umlauf, die sich knapp ein Drittel der Bevölkerung untereinander aufteilen. Einer Umfrage des Pew Research Center zufolge kennen 44 Prozent der US-Bürger jemanden, der versehentlich oder absichtlich angeschossen wurde. Gleichzeitig haben 72 Prozent der Bevölkerung schon mal den Abzug einer Schusswaffe gedrückt. Es ist also nicht übertrieben, zu sagen, dass Schusswaffen jeglicher Art im Leben von Amerikanern höchst präsent sind. So lässt sich auch erklären, dass die USA unter den Industrieländern bei mit Schusswaffen verübten Verbrechen, Suiziden und Unfällen einsam an der Spitze verweilen.

Widerstand gegen die Waffenepidemie regt sich seit Jahrzehnten, doch wirkliche Waffenreformen konnte bisher kein Präsident durchsetzen. Und wenn, nur kosmetischer Natur. Wie kann es also sein, dass ein Wild-West-Gesetz aus dem Jahr 1791 bisher kaum angepasst wurde? Heutige Schusswaffen sind deutlich gefährlicher als die Revolver von damals. Zudem sind verstärkte Überprüfungen von Waffenkäufern in der US-Bevölkerung nicht unpopulär.

Die National Rifle Association (NRA) spielt hierbei eine wichtige Rolle. Der Waffenverband zählt nach eigenen Angaben zwar nur 5 Millionen Mitglieder, doch sein Einfluss auf allen politischen Ebenen ist unbestritten. Gegen Befürworter strengerer Waffengesetze führen die Lobbyisten aggressive Kampagnen, die Wahlen entscheiden können. Auf einer eigenen Webseite bewertet die NRA beispielsweise, wie waffenfreundlich ein Politiker ist und vergibt Noten. Die Unterstützung Trumps war der NRA immerhin 30 Millionen Dollar wert. Der schwor im Gegenzug, die Waffenlobby nie im Stich zu lassen.

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Doch aktuell sind die Lobbyisten vor allem mit sich selbst beschäftigt. Es geht um Verleumdung, um Bereicherung, um Macht und Einfluss. Im Januar meldete der Verband Insolvenz an. Ziel dieses Schrittes sei es, NRA-Chef Wayne LaPierre zu ermöglichen, den gemeinnützigen Verband „neu zu strukturieren und zu organisieren“.

Joe Biden will nun der Forderung nach einer Waffenreform nachkommen. Im Februar sagte er noch: „Diese Regierung wird nicht die nächste Massenschießerei abwarten, bis sie diese Forderung beherzigt.“ Dafür ist es zwar nach den Ereignissen der vergangenen Tage zu spät, das Problem wird auf der Agenda aber weiter nach oben rutschen. Nur wenige Stunden nach den tödlichen Schüssen in Boulder, Colorado am Montag forderten die ersten Demokraten schnelles Handeln. „Dieser Senat muss und wird sich bei der Gesetzgebung vorwärts bewegen, um die Epidemie der Waffengewalt zu stoppen“, tönte etwa Chuck Schumer, Chefdemokrat der Kammer.

Das klingt vielversprechend. Doch es ist nicht neu.

Das ist zu einer amerikanischen Routine geworden, analysiert „Vox“: Nach jedem Amoklauf beginnt die Debatte über Waffen und Waffengewalt von Neuem. Vielleicht werden ein paar Gesetzesentwürfe eingebracht. Kritiker reagieren mit Bedenken, dass die Regierung versucht, ihnen die Waffen wegzunehmen. Die Debatte stockt. Auch wenn Amerika weiterhin ein Ausmaß an Waffengewalt erlebt, das im Rest der entwickelten Welt unerreicht ist, passiert nichts.

Schießen, schreien, nichts tun. Der zweite Verfassungszusatz ist noch immer unantastbar.

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Popping up

Seit Donald Trump von Twitter, Facebook und Co. gesperrt wurde, ist es ruhig um den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten geworden. Das soll sich nun ändern – also wenn es nach ihm geht. Der Ex-US-Präsident will seine eigene Social-Media-Plattform an den Markt bringen. „Ich beschäftige mich gerade damit, eine eigene Plattform zu starten, von der bald zu hören sein wird“, verkündete Trump im Podcast „The Truth“.

Mit Twitter ging Trump sein wohl wichtigstes Kommunikationstool verloren. © Quelle: imago/ZUMA Press

Jason Miller, ein Vertrauter und ehemaliger Wahlkampfberater Trumps, rechne „wahrscheinlich in rund zwei bis drei Monaten“ damit, erklärte Miller am Sonntag dem Sender Fox News. „Diese neue Plattform wird groß sein.“ Er gehe davon aus, dass dutzende Millionen Menschen Trump dann wieder auf seinem neuen Kanal folgen würden. Paul Waldmann, Kolumnist bei der „Washington Post“, zweifelt bereits jetzt am Erfolg des Trump-Netzwerks. Um in einem Feld zu überzeugen, in dem er noch zuvor tätig war, müsste er kluge Köpfe um sich versammeln.

Sein Erfolg bei Neueinstellungen lasse allerdings zu wünschen übrig. Sein Weißes Haus sei ohne Zweifel das inkompetenteste der Neuzeit gewesen: Es war undicht wie ein Sieb, es konnte kaum eine Pressemitteilung herausgeben, die nicht voller Tippfehler war, und er verbrauchte vier Stabschefs und sieben Kommunikationsdirektoren, erklärt Waldmann.

Schlechte Voraussetzungen für ein technisch kompliziertes Unterfangen.

Deep Dive

Zum ersten Mal seit 2019 kommen die Nato-Außenminister in Brüssel wieder persönlich zusammen. Mit dabei: US-Außenminister Antony Blinken. Sein erster Europabesuch markiert eine Abkehr von der nationalistischen Trump-Politik. Vier Jahre lang war Europa von Washington vor allem als wirtschaftlicher Rivale und die Nato als Inkassoverein behandelt worden.

Belgien, Brüssel: US-Außenminister Antony Blinken (3.v.l.) verlässt den Saal nach einer moderierten Diskussion vor einem Nato-Außenministertreffen im Nato-Hauptquartier ein. © Quelle: Virginia Mayo/Pool AP/dpa

Warum die Beziehung zu Europa weiterhin nicht an erster Stelle stehen dürfte und wie sich die Biden-Administration gegen China und Russland in Stellung bringt, erklärt der RND-Washington-Korrespondent Karl Doemens.

Did you know?

Wussten Sie, dass es einen Twitter-Account gibt, der jedes Wort trackt, das die „New York Times“ zum ersten Mal schreibt? Dahinter verbirgt sich ein Bot, der die Website der Times stündlich nach neuen Artikeln absucht und sie mit einer Datenbank von Wörtern vergleicht, die die Zeitung zuvor verwendet hat. Wörter, die neu erscheinen, werden per Tweet veröffentlicht. Heute dabei: „Spätkaufs“. Die deutschen Spätis.

Doch die Geschichte dazu hat eigentlich gar nichts mit den Kiosken zu tun. Daniel Peña, Professor für kreatives Schreiben und Fahrradenthusiast, verfasst viel mehr ein Empfehlungsschreiben für nächtliche Touren durch Berlin. Auf zwei Rädern, versteht sich. Warum er es dadurch besser durch die Pandemie schafft und wo er immer an den amerikanischen Doppelagenten Jeffrey Carney denken muss, lesen Sie im „New York Times Magazine“.

Die nächste Ausgabe von „What’s up, America?“ folgt am 30. März. Bis dahin: Bleiben Sie gesund!

Ihr Alexander Krenn

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