Deutschlands schlimmste Kurve: Die Stimmung bricht ein wie nie

  • Noch nie seit Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 war der Anteil der Optimisten so niedrig wie heute.
  • Den Deutschen macht inzwischen weniger das Virus Sorgen als die Aussicht auf zusammenbrechende Firmen und wegfallende Jobs.
  • Gewinner des Tages ist Jens Spahn – Verliererin Beatrix von Storch.
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Blickt man nur auf die Fakten, kann man immer noch sagen: Kopf hoch, Deutschland!

  • Zu den vierstelligen Totenzahlen in Italien (6820), Spanien (3434) und Frankreich (1102) hält Deutschland (172) noch immer einen deutlichen Abstand (Zahlen vom 23.3., 17 Uhr, Quelle: Johns Hopkins University).
  • Im Bundestag wurde ein historisch beispielloses Rettungssystem für Jobs, Firmen und Selbstständige in Deutschland beschlossen. Mit 156 Milliarden Euro will der Staat so gut es geht verhindern, dass die Pandemie Pleiten und Entlassungen bewirkt.
  • In den deutschen Kliniken herrscht vorerst noch gespannte Gelassenheit. Viele Ärzte sprechen zwar von einer Ruhe vor dem Sturm, auf den man sich bereits einrichte. Mehrere deutsche Bundesländer nehmen aber sogar noch Patienten aus den schwerer betroffenen EU-Staaten auf: Die Kapazitäten, so heißt es, seien im Augenblick noch da.

Ein Gefühl wie auf der Achterbahn

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Betrachtet man jedoch die Gefühlslage der Deutschen, stößt man auf nie da gewesene Beklommenheit. Viele fühlen sich mittlerweile wie im Wagen einer Achterbahn, der gerade ganz nach oben gezogen wurde: Eben noch ging es fröhlich aufwärts. In dem Moment aber, wo der Wagen knarrend den Kipppunkt erreicht und sich haltlos abwärts zu neigen scheint, wird ein Abgrund sichtbar – und alle fangen an zu schreien.

Als erstes Meinungsforschungsinstitut hat jetzt das traditionsreiche Institut für Demoskopie Allensbach dieses Absturzgefühl gemessen – und in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” veröffentlicht. Die Befunde sind beeindruckend.

Schlimmer als Mauerbau, Ölkrise und 11. September

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  • Der Stimmungsabsturz in der Corona-Krise hat zum größten Pessimismus seit 1949 geführt. Nur noch 24 Prozent der Befragten sagen, dass sie “den kommenden zwölf Monaten mit Hoffnung entgegensehen”. Sogar zu Zeiten des Mauerbaus (1961), der Ölkrise (1973) und der Anschläge vom 11. September 2001 blieb der Anteil der Optimisten höher als jetzt.
  • Stark nachgelassen hat nach Angaben von Allensbach-Chefin Renate Köcher die Zahl derer, die die Reaktionen des Staates als übertrieben abtun. “In der ersten Märzhälfte gaben noch 29 Prozent zu Protokoll, ihnen gehe die Aufregung auf die Nerven, diese Hysterie sei nicht gerechtfertigt”, schreibt Köcher in ihrem Bericht. “Dieses Lager" sei inzwischen auf 17 Prozent zusammengeschmolzen.
  • Interessant ist, auf welchem Feld die Deutschen die wahren Gefahren wittern. Viele nehmen wahr, dass die meisten Infektionen einen leichten Verlauf nehmen. Dagegen treten jetzt die Sorgen vor den Folgen einer durch die Pandemie bewirkten Wirtschaftskrise in den Vordergrund: Noch in der ersten Märzhälfte machte sich knapp die Hälfte der Bevölkerung Sorgen über einen Einbruch der Wirtschaft. Mittlerweile schnellte dieser Anteil auf annähernd 70 Prozent hoch. “Die höheren Bildungs- und Einkommensschichten”, notiert Köcher, “sind in dieser Beziehung zurzeit deutlich beunruhigter als die schwächeren sozialen Schichten.”

Neustart erst mal mit den Jüngeren?

Hinter den Kulissen sind, wie man hört, in Führungskreisen von Politik und Wirtschaft bereits Gespräche über konkrete Auswege aus der Krise in vollem Gang. Diverse Modelle werden diskutiert, unter anderem der Neustart in teilweise stillgelegten Betrieben mit jungem, durchgetestetem Personal. Parallel dazu müssten aber Wege gefunden werden, die es älteren Arbeitnehmern oder solchen mit Vorerkrankungen ersparen, diskriminiert zu werden. Einigkeit unter Arbeitgebern und Gewerkschaften gibt es bislang nur in der sehr generellen Feststellung, man werde sehr viel Flexibilität benötigen.

Gewinner des Tages: Jens Spahn

Gewinner des Tages ist Gesundheitsminister Jens Spahn, der heute für Ostern ein “Gesamtkonzept zur schrittweisen Aufhebung der geltenden Beschränkungen” in Aussicht stellte. Damit hat Spahn zwar konkret noch gar nichts gesagt. Aber er hat politisches Gespür erkennen lassen. Dem CDU-Mann ist klar, dass Land und Leute Licht am Ende des Tunnels sehen wollen – auch wenn dieses Licht vielleicht nur langsam wieder angedreht werden kann, mit dem Dimmer. Gerade angesichts des emotionalen Absturzes der Deutschen, wie ihn Allensbach gemessen hat, sind solche Signale wichtig. Die Politik muss versuchen, auch die emotionale Kurve abzuflachen.

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Licht am Ende des Tunnels? Gesundheitsminister Jens Spahn bei der namentlichen Abstimmung über Nachtragshaushalt, Kreditobergrenzen und Wirtschaftsfonds im Rahmen der Corona-Krise am Mittwoch im Bundestag. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Verliererin des Tages

Verliererin des Tages ist die AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Als sie heute im Bundestagsplenum mit einigen Fraktionskollegen regelwidrig nahe beieinander stand, rief Britta Haßelmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, ihr zu: “Wir haben hier klare Regeln.” Auch Vertreter anderer Parteien rügten, die AfD setze in einer Zeit, in der die Politik Vorbild sein müsse, ein schlechtes Beispiel. Von Storch konterte ungerührt mit verschränkten Armen: “Stellen Sie sich mal nicht so an.” Ist aus der Klimawandelleugnerin auch noch eine Pandemieleugnerin geworden?

“Stellen Sie sich mal nicht so an”: AfD-Politikerin Beatrix Storch mit Fraktionskollegen am Mittwoch im Bundestag. © Quelle: imago images/auslöser-photographie
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