Was Deutschland Ost und Deutschland West noch trennt

  • 30 Jahre nach der Vereinigung haben sich die Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland über weite Strecken angeglichen.
  • Allerdings gibt es auch noch bedeutende Unterschiede.
  • Wir geben einen Überblick, welche das sind.
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Berlin. Am 3. Oktober jährt sich der Tag der Deutschen Einheit bekanntlich zum 30. Mal. Längst ist der Zeitraum seit dem Fall der Mauer länger als jener Zeitraum, in dem sie stand. Dennoch sind sich die Experten einig: Zentrale Ost-West-Unterschiede bestehen fort.

Wirtschaftskraft, Einkommen, Vermögen

So liegt die durchschnittliche Wirtschaftskraft Ostdeutschlands (ohne Berlin) laut Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit bei knapp 73 Prozent des gesamtdeutschen Durchschnitts. Selbst das stärkste Ostland ist ökonomisch nicht so stark wie das schwächste Westland. Schlägt man Berlin dem Osten zu, verringert sich die Kluft auf 79,1 Prozent. Aber ein Gleichstand ist längst nicht in Sicht.

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Bei den Haushaltseinkommen ist die Kluft nicht so groß. So erreichten sie 2018 in Ostdeutschland rund 88,3 Prozent des Bundesdurchschnitts. Dabei ist der Niedriglohnsektor im Osten umfassender. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass weniger Unternehmen tarifgebunden sind – und weniger Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert.

Massiv ist das Gefälle bei den Vermögen. So betrug das Nettogeldvermögen 2016 im ostdeutschen Mittel 24.800 Euro, in den reichen Südländern der Republik Bayern, Baden-Württemberg und Hessen hingegen 112.500 Euro – das ist das Viereinhalbfache.

Immerhin war die Arbeitslosenquote im Westen mit zuletzt 5,5 Prozent nur noch unwesentlich geringer als im Osten mit 7,3 Prozent, wo die Arbeitslosenquote in den 1990er-Jahren zuweilen bei 25 Prozent und darüber lag – bei einem ungefähr gleich hohen Anteil von Menschen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM).

Steuerdeckungsquote

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Unterschiedlich ist als Konsequenz der unterschiedlichen Wirtschaftskraft auch nach wie vor die Steuerdeckungsquote – also der Anteil, mit dem Länder und Kommunen ihre Ausgaben mit eigenen Steuereinnahmen decken können. Während sich der ostdeutsche Wert der 70-Prozent-Marke nähert, liegt er in Westdeutschland bei 80 Prozent. Damit schrumpft die Abhängigkeit ostdeutscher Bundesländer von Geldern des Bundes oder der EU doch nur allmählich.

Demografie

Während die Einwohnerzahl in den alten Ländern zwischen 1990 und 2019 um mehr als 5,4 Millionen wuchs, verloren die ostdeutschen Flächenländer im gleichen Zeitraum rund 2,2 Millionen Menschen. Aufgrund der Ost-West-Wanderung und der unterschiedlichen Geburtenentwicklung hat sich auch die Altersstruktur in den letzten 30 Jahren deutlich verändert.

Während zur Zeit der Vereinigung die Bevölkerung in den neuen Ländern jünger war als die in den alten, ist es heute genau umgekehrt. Das Medianalter (mittlere Alter) verdeutlicht diese Entwicklung. Dieses lag in den neuen Ländern 1990 bei 36,5 Jahren, in den alten Ländern bei 37,9 Jahren. 2018 betrugen die entsprechenden Werte hingegen 50,0 Jahre (neue Länder) und 45,4 Jahre (alte Länder).

In ländlichen Regionen Ostdeutschlands gibt es überdies einen enormen Männerüberschuss. Und generell ist der Ausländeranteil im Westen fast dreimal so hoch wie im Osten. Aufs Ganze gesehen gilt: Die ostdeutsche Gesellschaft ist qualitativ eine andere als die westdeutsche.

Eliten

Schließlich wäre da noch das Übergewicht der Westdeutschen in den Funktionseliten. So besetzten Ostdeutsche Experten zufolge zumindest bis vor Kurzem nur 2 bis 3 Prozent der Topelite – bei einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von etwa 17 Prozent. Teilweise sind die Ostdeutschen selbst in den Eliten Ostdeutschlands noch in der Minderheit, so etwa in der Justiz. Das sorgt immer häufiger für Kritik, bis hin zu Forderungen nach einer Ostquote – auch weil sich die Westdominanz nicht mehr mit dem Elitentransfer der Nachwendezeit erklären lässt.

Bewusstsein

Zu guter Letzt ist es das Bewusstsein, das Ost und West bis heute trennt. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung, deren Resultat der Studienleiter Kai Unzicker so zusammenfasst: “Im Prinzip können wir feststellen, dass die Ost-West-Frage über die Generationen hinweg an Bedeutung verliert. Es entsteht zunehmend ein gesamtdeutsches Bild. Aber gerade die älteren Ostdeutschen haben das Gefühl: Wir haben damals etwas geleistet, nämlich die friedliche Revolution und die Transformation – und wir bekommen dafür keine Anerkennung."

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Darüber hinaus bekomme man in Ost wie West zwei komplett unterschiedliche Geschichten erzählt, so Unzicker weiter. “Im Osten hört man von Montagsdemonstrationen, auch von Ängsten, Sorgen und Hoffnungen. Dazu kommen die persönlichen und politischen Schicksalsschläge der 1990er-Jahre. In Westdeutschland hört man von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow und davon, dass der Westen viel Geld bezahlt hat. Am Ende waren die Innenstädte dann schön saniert.” Erst bei Nachfragen werde gesagt, dass es in der DDR eine Bürgerbewegung gegeben habe.

Bei den jüngeren Ostdeutschen sei der Gegensatz zwar nicht mehr so präsent, erläutert der Wissenschaftler von der Bertelsmann Stiftung. Die Einstellungen näherten sich den westdeutschen an. Allerdings spiele es auch für die jüngeren Ostdeutschen weiter eine Rolle, dass sie Ostdeutsche seien. “Das ist bei Westdeutschen umgekehrt gar nicht so.”

Fazit

Unter dem Strich lässt sich sagen: Der Ost-West-Gegensatz ist größer, als 1990 die Mehrheit dachte, dass er heute noch sein würde – und geringer, als er in 30 Jahren wahrscheinlich sein wird. Im Jahr 2050 dürfte vieles bloß noch Historiker beschäftigen.

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