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Deutschland und Italien – eine alte Hassliebe ist neu entflammt

  • Das Verhältnis zwischen Italien und Deutschland war schon immer ein kompliziertes.
  • Die Diskussion um Corona-Bonds hat nun aber alte Gräben zwischen beiden aufgerissen.
  • Geschürt wird das gegenseitige Misstrauen vor allem von den Rechtsnationalen, auf beiden Seiten.
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Rom. Matteo Salvini hat sich furchtbar aufgeregt: “Das ist eine Haltung, die einfach ekelhaft ist”, erklärte er. Grund für seinen Ausbruch war ein Artikel in der “Welt” vor zwei Wochen, in dem der Autor davor gewarnt hatte, dass die Mafia in Italien nur darauf warte, dass die EU auf Kosten der deutschen Steuerzahler Milliarden in das “Belpaese” leite. Die Deutschen sollten sich gefälligst “den Mund spülen”, ehe sie in dieser Weise über Italien redeten. “Ihr habt euch bereichert mit der Einheitswährung, dem Euro, der euch und euren Unternehmen auf den Leib geschneidert ist, und jetzt haltet ihr uns Moralvorträge”, echauffierte sich der Chef der rechtsradikalen Lega.

Dass sich die Deutschen - und auch die Österreicher und die Holländer - als Chef-Buchhalter und Schulmeister der EU aufführen, während in Italien die Toten mit Militär-Lkw abtransportiert werden, empfinden in der Tat viele Italiener als egoistisch und schändlich. Die Ablehnung von gemeinsamen Anleihen hat in Italien den alten Abwehr-Reflex gegenüber dem arroganten “deutschen Hegemon” wachgerufen: Die EU werde von den Interessen Berlins gelenkt; der gemeinsame Markt sei letztlich nichts anderes als eine Art “Großdeutschland 2.0”.

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Salvini und die Kluft zwischen Wort und Tat

Es handelt sich um eine Narration, die in diesen Tagen in allen südeuropäischen Ländern Konjunktur hat - und die vor allem von den Rechtspopulisten und Europagegnern in diesen Ländern verbreitet wird. Dass die EU mit dem Segen Deutschlands bereits in ein umfangreiches Hilfspaket eingewilligt hat, wird dabei geflissentlich verschwiegen. Zumal das weit über die Kredite des als stigmatisierend empfundenen Rettungsschirms ESM hinausgeht und es auch ein europäisches Kurzarbeitergeld und Anleihenkäufe der EZB sowie eine Aufweichung des Stabilitätspakts und der Bestimmungen über Staatshilfen umfasst.

Wie verlogen Salvinis Propaganda gegen Deutschland und die EU ist, zeigt sich daran, dass seine Lega am vergangenen Freitag im EU-Parlament gegen die Einführung von Corona-Bonds gestimmt hat. In Wahrheit haben Salvini und die ultrarechte Parteivorsitzende von Fratelli d’Italia, Giorgia Meloni, null Interesse an einer solidarischen EU: Damit würde den Rechtspopulisten der Sündenbock für alle hausgemachten italienischen Finanz- und Wirtschaftsprobleme abhanden kommen.

Die Sterne schwächen Contes Verhandlungsposition

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Auch die größte Regierungspartei, die ebenfalls europaskeptische und populistische Fünf-Sterne-Bewegung, hat gegen europäische Hilfen votiert: Die Grillini stimmten gegen den von Frankreich vorgeschlagenen Wiederaufbaufonds (Recovery Fund), weil mit diesem stillschweigend auch ESM-Kredite in Kauf genommen würden.

Das groteske Verhalten des wichtigsten Regierungspartners hat die Verhandlungsposition von Premier Giuseppe Conte vorm EU-Gipfel am Donnerstag nicht gestärkt - im Gegenteil. “Was die Lega und die Fünf Sterne in Straßburg geboten haben, ist ein tragikomisches Spektakel”, findet der Ex-Ministerpräsident und ehemalige EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti.

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Corona-Bonds-Debatte reißt alte Vorurteile auf

Ausgerechnet diejenigen Parteien, die vorgeben, das nationale Interesse über alles zu stellen, hätten dieses mit Füßen getreten - um mit ihrer Hetzkampagne gegen Deutschland und die EU Stimmen zu gewinnen. Damit hätten sie aber nur alte Vorurteile gegenüber Italien bestätigt.

Letztlich ist die Diskussion um die Corona-Bonds auf beiden Seiten der Alpen zum Katalysator alter Animositäten und unausrottbarer Vorurteile zwischen den beiden Kulturnationen und ehemaligen Achsenmächten geworden - von Klischees, die zum Teil Jahrzehnte überdauert haben und die auch in Deutschland in diesen Tagen vor allem von EU-Gegnern und Nationalisten gepflegt werden. Artikel wie jener in der “Welt” bestätigt viele Italiener in ihrem Gefühl, von den Deutschen zu Unrecht als arbeitsscheu, verschwenderisch und mafiös wahrgenommen zu werden.

Italiener arbeiten im Schnitt mehr als die Deutschen

Aber von faul kann in Wahrheit keine Rede sein: Laut OECD beträgt die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit in Italien 1779 Stunden, während sie bei den Deutschen bei 1371 Stunden pro Jahr liegt. Als besonders beleidigend empfinden es die Italiener, wenn ihr Land mit der Mafia gleichgesetzt wird. Der allergrößte Teil der Italiener sind keine Mafiosi, im Gegenteil: Im jahrzehntelangen Kampf gegen die Clans haben schon unzählige Richter, Polizisten, Staatsanwälte, Unternehmer, Priester, Journalisten und engagierte Privatpersonen ihr Leben verloren. Sie sind die Helden Italiens, nicht die Bosse.

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Das deutsch-italienische Verhältnis war schon immer ein kompliziertes; es ist von gegenseitiger Wertschätzung und gleichzeitig von tiefem Argwohn geprägt. Man könnte es auf folgenden Punkt bringen: Die Deutschen lieben die Italiener (für ihren Lebensstil und ihr schönes Land), aber sie respektieren sie nicht. Die Italiener wiederum respektieren die Deutschen (für ihre Perfektion und ihre Organisation), aber sie lieben sie nicht.

Als der “Spiegel” im Jahr 2006 vor dem WM-Halbfinale Italien-Deutschland wieder einmal das Klischee der faulen und schlaumeierischen italienischen Muttersöhnchen bediente, erklärte der Mittelfeldstar Gennaro “Rino” Gattuso aus dem armen Kalabrien: “Solche Sprüche beleidigen weniger mich selber als Millionen Italiener wie meinen Vater, der zwölf Stunden am Tag hart gearbeitet hat für einen Monatslohn von tausend Euro.”


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