Deutschland träumt von grünen Zonen

  • Der letzte Schrei in der Virologenszene sind Zero-Covid-Strategien wie in Australien.
  • Der Bundeskanzlerin dagegen würde schon die Vermeidung eines Desasters wie in Irland genügen.
  • Aus Washington kommt heute ein konkretes Hoffnungszeichen: Um 18 Uhr MEZ wird Joe Biden als US-Präsident vereidigt.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

das gab es nicht oft in den fast 16 Regierungsjahren Angela Merkels: Die Kanzlerin ist nervös geworden.

Bewirkt haben das nicht etwa die jüngsten deutschen Corona-Zahlen. Die zeigen sogar Anzeichen von Besserung. Man könne gar „auf die Idee kommen, dass der Lockdown wirkt“, notieren spitz Kristina Dunz und Andreas Niesmann in ihrem Bericht aus Berlin.

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Was Merkel trotz alledem nicht gefällt, ist die gruselig hochschießende Kurve in Irland, verbunden mit der Aussicht auf ein baldiges Vordringen des mutierten „britischen Virus“ auch nach Deutschland.

Und so kam es bei Merkels gestriger Videorunde mit den Ministerpräsidenten wieder zur sattsam bekannten Konstellation: Die Kanzlerin schiebt und drängelt, die Länderchefs lassen sich aber nur auf einen Teil der Forderungen ein.

Entscheidend sei, so lehrte es Helmut Kohl schon in der Bonner Republik, „was hinten rauskommt“. In diesem Fall ist es erneut eine etwas unübersichtliche Liste von Neuregelungen. Kernpunkte: Der bestehende Lockdown geht erst mal weiter, bis zum 14. Februar. Schulen und Kitas bleiben geschlossen. „Wir tun das als Vorsorge für unser Land“, sagte Merkel gestern Abend. Der Druck auf die Arbeitgeber in Richtung Homeoffice soll, ein Stück weit jedenfalls, wachsen. Und in Bussen und Bahnen sollen „medizinische Masken“ getragen werden – dazu gehören neben FFP2- auch OP-Masken.

Ganz weit weg gelingt der große Wurf

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Der große Wurf, hört man Kritiker schon wieder sagen, ist das nicht. Aber gibt es den denn überhaupt?

Beispiele findet man zumindest nicht direkt um die Ecke, wie RND-Wissenschafts­redakteurin Saskia Bücker in ihrem Bericht über No-Covid-Strategien herausgefunden hat: Das neue gelobte Land der Virologen ist, nun ja, Australien.

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Musterstadt Melbourne: Kinder und Jugendliche tummeln sich am St.-Kilda-Pier. Die Inzidenz liegt zwischen null und einstelligen Werten. Dabei hilft wohl aber auch der australische Sommer mit Temperaturen von zeitweilig 38 Grad. © Quelle: Getty Images

Dort hat man die Zahlen gedrückt und dann, das ist der Clou, noch mal gedrückt. In der Musterstadt Melbourne etwa lag die Inzidenz nur noch bei zehn pro 100.000 Einwohnern. Dann haben sich alle Stadtbewohner drei bis vier Wochen noch mal angestrengt und die Sache fast auf null gebracht. Am Ende, sagen Zero-Covid-Experten, könne man eine solche Region dann zur „grünen Zone“ erklären.

Wer wollte nicht in einer solchen grünen Zone wohnen? Doch der Weg dahin ist weit. Dies allein schon zu planen und zu diskutieren hat natürlich seinen Reiz. Ganz leise allerdings schleicht sich eine berühmte Liedzeile aus John Lennons „Beautiful Boy“ ins Ohr: „Das Leben ist das, was dir passiert, während du andere Pläne machst.“ Und das gilt wohl auch für diese Zeiten der Pandemie.

Ein großer Tag für Joe Biden und die Welt

Heute ist es so weit: Joe Biden wird um 12 Uhr Ortszeit (18 Uhr MEZ) in Washington sein Amt als neuer US-Präsident antreten. Sieben Stunden Sonne sind für die US-Hauptstadt angesagt. So werden bei der Amtseinführung vor den Stufen des Kapitols wohl schöne Bilder entstehen. Die werden auch gebraucht: Am 6. Januar hatte an gleicher Stelle ein von Donald Trump persönlich aufgehetzter, gewalttätiger Mob die USA und die ganze Welt entsetzt. Jetzt sehnen sich viele in den USA nach einem Kontrapunkt, auch optisch.

Bundesbeamte der amerikanischen Polizei gehen mit ihren Hunden über den Platz vor dem Kapitol. Trotz der angespannten Sicherheitslage nach der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar hält das Team des künftigen US-Präsidenten Biden an der Vereidigung im Freien vor dem Parlamentsgebäude fest. © Quelle: J. Scott Applewhite/AP/dpa
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Was wird Biden sagen? „Eine Botschaft der Einheit“ stellt sein künftiger Stabschef Ronald Klain in Aussicht. Unser Washingtoner Korrespondent Karl Doemens schreibt in seinem großen Biden-Porträt, der 78-Jährige wolle „das öffentliche Fieber senken und das Land durch eine Beruhigung der aberwitzigen Polarisierung zur Normalität zurückführen“.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits geschehen. In der vergangenen Nacht haben Amerikaner gemeinsam geschwiegen, im Gedenken an die rund 400.000 Corona-Toten in ihrem Land. Parallel gab es Illuminationen und Glockengeläut, von New York bis Seattle. Dieser Moment der Besinnung ist auch das Thema in unserem heutigen Leitartikel. Wenn Amerika tatsächlich die Kurve kriegt, wenn Zusammenarbeit an die Stelle von Zynismus rückt, hätte dies Bedeutung für die ganze Welt.

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Zitat des Tages

Der Mob wurde mit Lügen gefüttert und provoziert, vom Präsidenten und von anderen einflussreichen Leuten.

Mitch McConnell, Chef der Republikaner im US-Senat, am Dienstag in seiner bisher deutlichsten Distanzierung von Donald Trump

Leseempfehlungen

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Der Lockdown wird verlängert – und die Bundesliga darf einfach so ihren Spielbetrieb weiterführen? Nicht jeder hat dafür Verständnis. Wenn dann noch ein Profi wie der Mönchengladbacher Breel Embolo im Zuge einer illegalen Party mitten in der Nacht von der Polizei aufgegriffen wird, gerät das System Profifußball zusätzlich in Legitimierungsnot. Aber deswegen gleich den Fußball-Lockdown verkünden? Der stellvertretende RND-Sportchef Sebastian Harfst erklärt in seinem Kommentar, dass das die falsche Entscheidung wäre.

Wegen des Klimawandels suchen Rentiere in Schweden nach neuen Futterstellen und überqueren dabei große Straßen. Das führt zu Problemen – und zu ungewöhnlichen Bauvorhaben: Zehn Rentierbrücken sind allein für dieses Jahr etwa über die E4 geplant, berichtet unser Korrespondent André Anwar. Die große Europastraße musste in der Vergangenheit bereits gesperrt werden, weil allzu viele Rentiere sie überquerten.

Am heutigen Mittwoch schickt RTL den nächsten „Bachelor“ ins Rennen, um unter 22 Singlefrauen die ganz große Liebe zu finden. RND-Reporter Thomas Kielhorn hat dem Junggesellen im Interview mal auf den Zahn gefühlt. Sein Fazit: trotz Vollbart ein aalglatter Typ.

Aus unserem Netzwerk: Beim BER tropft es aus der Decke

So wird der BER seinen Ruf als Pannenflughafen nicht los: Nach Stromschlägen und Corona-Verstößen gibt es schon wieder Probleme am neuen Hauptstadtflughafen. Dort läuft nun auch noch Wasser aus der Decke, wie die „Märkische Allgemeine Zeitung“ herausgefunden hat.

Termine des Tages

Am Vormittag tagt das Bundeskabinett unter Leitung von Angela Merkel. Zu den Themen zählen Kinderrechte im Grundgesetz sowie das Verbot des Massentötens von Küken.

Um 12 Uhr äußern sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), zur Integrationspolitik.

Um 13 Uhr eröffnet Heiko Maas eine Videokonferenz zum Thema „Menschenrechte im Zeitalter der künstlichen Intelligenz – Europa als internationaler Normengeber für künstliche Intelligenz“.

Am Nachmittag befasst sich ein Wirtschaftsforum der SPD per Videokonferenz mit der Frage: „Wie verändert die Pandemie unsere Innenstädte?“

Um 18 Uhr wird in Washington, D.C., Joe Biden als neuer US-Präsident vereidigt.

Wer heute wichtig wird

Kamala Harris (56) wird heute als erste Frau in der Geschichte der USA als Vizepräsidentin vereidigt. Der Aufstieg der Juristin aus Kalifornien ist zugleich ein Signal an alle Einwandererfamilien. Ihre Mutter kam aus Indien, der Vater aus Jamaika. Aus rechtsgerichteten Kreisen wird sie angefeindet und bedroht. Doch Sicherheitsbedenken angesichts der heutigen Vereidigung unter freiem Himmel schob sie beiseite: „Ich werde da stolz hingehen, Kopf hoch, Schultern zurück.“. © Quelle: Julio Cortez/AP/dpa

Der Podcast des Tages

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Ihr Matthias Koch

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