Deutschland sollte mehr Unklarheit wagen

  • Der Hang der Deutschen zu Recht und Ordnung ist sprichwörtlich. Möglichst alles soll genau geregelt sein.
  • Doch die Pandemie lehrt uns gerade das Gegenteil: Seit das Impfen etwas chaotischer läuft, läuft es auch etwas effektiver.
  • Ohne einen Schuss Unklarheit – so lautet eine moderne Managerweisheit aus den USA – klappt gar nichts.
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Der Tag in der Praxis neigte sich gerade seinem Ende zu, da wurde es dem Hausarzt Dr. K. (54) aus Emsdetten im Münsterland zu blöd. Wieder mal war noch ein kleiner Impfstoffrest übrig. Warum sollte man den wegwerfen?

Da riss K. das Fenster auf und rief aus seiner zentral gelegenen Praxis über die Fußgängerzone: „Hey, will noch jemand geimpft werden?“

Als erster meldete sich ein Gärtner, der gerade in der Nähe war und sein Glück kaum glauben konnte. Einen Impfpass hat in solchen Momenten natürlich niemand dabei. Ist auch egal. Es gibt einen neuen.

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Also: Schuss in den Arm, Datum, Stempel, Unterschrift. Der nächste bitte.

Die Szene trug sich zu in der Himmelfahrtswoche. Es war eine Zeit, in der sich endlich ein neues Denken breitmachte in Deutschland. Und es war eine Zeit, in der Rekorde aufgestellt wurden. Am 12. Mai zum Beispiel wurden 1,35 Millionen Dosen verabreicht. Im Juni wird die Zahl noch steigen.

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Mehr Tempo durch weniger Regeln

Von allen Lockerungen, über die in den vergangenen Wochen und Monaten diskutiert wurde, war die Lockerung der Impfvorschriften die wichtigste und segensreichste.

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Der nächste bitte: Eine Sammlung von Bildern der Oberarme von frisch Geimpften zeigt diese Collage des Fotografen Rolf Vennenbernd aus Essen. © Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Gewiss: Ganz am Anfang war es wichtig und richtig, Prioritäten zu setzen. Die am meisten Gefährdeten zuerst zu impfen war ethisch geboten, und es hätte sich auch nicht von selbst ergeben, zumal der Impfstoff anfangs noch knapp war.

Nach dieser ersten Phase aber fand Deutschland allzu lange nicht heraus aus seiner unproduktiven Überregulierung. Da durfte etwa ein Mann geimpft werden wegen seiner Vorerkrankung oder seines Alters, seine vielleicht gesündere und jüngere Ehefrau aber nicht: Die in sich blitzsaubere Logik des Gesetzgebers schuf mitunter schwer nachvollziehbare Schrägheiten in der Wirklichkeit.

Als endlich die Hausärzte zum Zuge kamen, setzten sie mit ihrem Pragmatismus solchen Seltsamkeiten ein Ende: durch einen weiteren Schuss in einen weiteren Arm.

Deutschland schraubt sich tief rein ins Grundsätzliche

Wo sollte wohl auch der Schaden liegen? Lange galt in Deutschland der Vorbehalt, wenn der Hausarzt zum Zuge komme, werde er erstmal den Kumpel aus dem Sportklub impfen. Die Ärzte empfanden das als bodenlose Unterstellung. Am Ende aber bleibt die Frage, wem solche Debatten wirklich nützen in einem Prozess, bei dem es vor allem aufs Tempo ankommt.

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Allzu grüblerisch hatte sich das Land der Dichter und Denker hineingeschraubt in die Klärung von Grundsatzfragen – und dabei das Hauptziel aus den Augen verloren: einfach möglichst viele Menschen möglichst schnell zu impfen.

Während die Deutschen immer neue Regelwerke konstruierten, die „dem Wahren, Schönen, Guten“ (Goethe) ihres stets gründelnden und stets gerechten Denkens entsprechen sollten – keine Regel ohne Ausnahme, keine Ausnahme ohne Gegenausnahme – hatten Millionen Amerikaner das Thema schon erledigt, oft ganz nebenbei, nächtens am Drive-through.

Warum passiert uns Deutschen so etwas? Allein mit der etwas späteren Verfügbarkeit der Impfstoffe ist das unterschiedliche Herangehen nicht zu erklären.

Liegt es an Immanuel Kant?

„Wir Deutschen sind halt ein Volk, das ein bisschen zu Fundamentalismus neigt“, erklärte bereits im März Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann in einem verblüffenden philosophischen Exkurs während eines Fernsehauftritts.

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Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804) lehrte: Moralisch gut ist eine Handlung, wenn sie Grundsätzen folgt, die für alle gelten können, jederzeit und ohne Ausnahme. © Quelle: University of Minnesota

Die Deutschen, sagte Kretschmann, stünden seit Jahrhunderten unter dem Eindruck von Immanuel Kant: „Der hat gesagt: Der Mensch ist ein Wesen, das nach Grundsätzen handeln kann.“ Dagegen dominiere bei den Angelsachsen eine Tendenz zum Utilitarismus, einer Weltanschauung, die weniger im Grundsätzlichen verharrt, als nach dem praktischen und ethischen Nutzen aller Dinge fragt.

Damit trifft der Grüne ins Schwarze. Vor allem der Nutzen der mittlerweile grotesken Vielzahl immer neuer Regelungen wurde von den Deutschen allzu wenig hinterfragt. Vieles, was gut gemeint war, führte in der Praxis nur zu neuen Schwierigkeiten.

Zum Beispiel wurden Vorfahrtsregelungen fürs Impfen erlassen für Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen oder Schwangeren. Das klingt gut, doch die Tücke liegt im Detail: Plötzlich wedelte fast jeder, der sich impfen lassen wollte, mit einer solchen Bescheinigung.

Energieverschwendung durch Zettelwirtschaft

Das erregte natürlich Verdacht. Und so wurde, in Millionen von Fällen in Deutschland, umso genauer geprüft, ob die Voraussetzungen wirklich erfüllt sind. Die Bürokratie erschuf einen neuen Gegner, den Impfvordrängler.

Der britische Philosoph Jeremy Bentham (1748 bis 1832) lehrte: Moralisch gut ist eine Handlung, wenn sie – unabhängig von inneren Beweggründen – unterm Strich der Gemeinschaft Nutzen bringt. © Quelle: The Ethics Center

Ein großes Forschen, Prüfen und Scannen hob an – das sich nur leider weniger um das Virus drehte als um die Zettelwirtschaft: Existiert die Person, die den angeblichen Vorrang des Impfwilligen begründet, wirklich oder nur auf dem Papier? Sind Pflegebedürftigkeit oder Schwangerschaft glaubwürdig dokumentiert? Und schließlich, ein besonderer bürokratischer Clou: Liegt auch eine Erklärung des Pflegebedürftigen oder der Schwangeren vor, wonach sie nur für höchstens zwei Kontaktpersonen entsprechende Erklärungen unterschrieben haben?

Es klingt nach Satire, ist aber wahr: Auch zur Zahl der ausgestellten Bescheinigungen wurden Bescheinigungen verlangt.

Erst nach und nach entdeckt Deutschland jetzt, dass das weniger geregelte Impfen seinen ganz eigenen Charme hat. Nicht nur in sozialer Hinsicht, auch epidemiologisch gesehen ist es sinnvoll, ganze Familien zu impfen, ganze Abteilungen, ganze Firmen und sogar, horribile dictu, ganze Sportklubs.

Ein Fehler, der im Management verpönt ist

Seit mehr Impfstoff unterwegs ist, braucht die Politik sich eigentlich keine Gedanken mehr zu machen über Priorisierungen unter normal integrierten Bürgern. Ihr Hauptaugenmerk hätte längst mehr auf Impfanreizen für die sozial schlecht Integrierten liegen sollen.

Mit ihrer Überregulierung haben die Regierungen in Berlin und in den Ländern einen Fehler gemacht, der im modernen Management seit Langem verpönt ist, besonders in den USA. Dort gilt der Grundsatz, dass man besser nicht jedes Detail vorab bis ins Letzte klären solle – sonst bringe man am Ende alles zu spät in Bewegung oder gar nicht.

Impfung bei Ikea – warum eigentlich nicht? Eine Szene aus Israel vom Februar dieses Jahres. © Quelle: dpa

In Zeiten der Pandemie sei weniger denn je Regelungswut gefragt, sagt Cheryl Strauss Einhorn, Buchautorin („Problem Solved“) und Gründerin einer Unternehmensberatung in New York. Angesagt ist indessen „ambiguity management“: ein Stil, der auch Fragezeichen stehen lässt.

Gute Unternehmensführung ereignet sich nach dieser neuen Lesart vor allem in der klaren Beschreibung von Zielen und Sinn. „Purpose“ hat einen höheren Stellenwert denn je. Aus der Definition einzelner Vorgehensweisen indessen solle der kluge moderne Manager sich idealerweise raushalten.

Alles „endgültig“ regeln? Nein, danke!

Höchstes Lob bekommen inzwischen jene Chief Executive Officers, die ihre Teams tastend vorangehen lassen, Komplexitäten anerkennen und eigene Pläne gegebenenfalls auch ändern. Unten durch sind dagegen alle, die sich breitbeinig vor die Mannschaft stellen und im Stil von Unternehmern der Fünfziger- oder Sechzigerjahre verkünden: „Eigentlich ist alles ganz einfach.“

Navigieren durch die VUCA-Welt: volatility (Unbeständigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität), ambiguity (Mehrdeutigkeit). © Quelle: WrightStudio / Adobe Stock

Schon seit Jahren macht in amerikanischen Managerkreisen die ursprünglich vom Militär übernommene Abkürzung VUCA die Runde. Sie steht für die Addition von vier problematischen Befunden: volatility (Unbeständigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit). Die Pandemie, lautet die herrschende Meinung, habe die Bedeutung dieser vier Faktoren noch verstärkt: In der „VUCA-Welt“ seien Entscheider aus Wirtschaft oder Politik generell gut beraten, den Ball flachzuhalten.

Bob Frisch, Yale-Ökonom und Bestsellerautor („Who’s in the room?“), rät Managern in den USA schon seit vielen Jahren von „endgültigen“ und „glasklaren“ Entscheidungen aller Art ab. „Bauen Sie lieber ein paar Unklarheiten ein“, schrieb Frisch in einem Aufsatz in der „Harvard Business Review“, und fügte den Ratschlag hinzu: „Oft ist es besser, ein bisschen verschwommen zu sein.“ Fuzzy nennt man das im Amerikanischen.

Deutschlands Regierende indessen wollten nicht „fuzzy“ sein, sondern jedes Detail bis ins Letzte regeln. Erst jetzt weiß man: Etwas mehr Unschärfe hätte etwas mehr Effizienz gebracht.

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