Deutschland ist schlecht auf das nächste Schuljahr vorbereitet

  • Die Kultusminister setzen auf Präsenzunterricht im kommenden Schuljahr.
  • Das ist einerseits richtig – andererseits ist Deutschland auf die Zeit nach den Sommerferien nicht gut genug vorbereitet.
  • Das liegt vor allem an zwei Gründen, kommentiert Tobias Peter.
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Berlin. Die Ausnahmesituation in einer Pandemie lässt sich auch daran erkennen, dass etwas eigentlich Gewöhnliches zu einer politischen Frage wird. Die Kultusminister­konferenz hat sich darauf verständigt, dass es im kommenden Schuljahr dauerhaft Regelbetrieb an den Schulen geben soll. Regelbetrieb, dieses bürokratisch anmutende Wort ist für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern von größter Lebensnähe. Es bedeutet Unterricht, der tatsächlich für alle in der Schule stattfindet – in allen Fächern, ohne weitere Einschränkungen.

Für das Votum der Kultusministerinnen und ‑minister gibt es sehr überzeugende Gründe. Kinder und Jugendliche haben unter den Einschränkungen in der Pandemie massiv gelitten. Dabei geht es nicht nur um Lerninhalte, die nicht vermittelt werden konnten. Mitschüler und Freunde über so lange Zeit kaum oder gar nicht persönlich sehen zu können, zehrt an der Psyche junger Menschen. So etwas darf nicht länger andauern als nötig.

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Auch unter Gesichtspunkten des Kampfes gegen die Corona-Pandemie gibt es derzeit wenig gegen das Vorhaben der Kultusministerinnen und ‑minister einzuwenden. Das Infektionsgeschehen ist deutlich zurückgegangen, die Impfquote unter den Lehrerinnen und Lehrern dürfte nach den Sommerferien sehr hoch sein – und auch unter den Eltern werden viele mindestens einmal geimpft sein.

Und wie ist es mit den Kindern und Jugendlichen? Die Ständige Impfkommission hat keine generelle Impfempfehlung für die unter 18-Jährigen ausgesprochen. Sie begründet das in ihrer Risikoabwägung damit, dass „tatsächlich die Krankheitslast bei den Kindern sehr gering“ sei. Das ist dann aber wiederum ein weiteres Argument für den Schulbetrieb.

Was ist mit vorerkrankten Kindern?

Die Kommission empfiehlt die Impfung allerdings für Zwölf- bis 17-Jährige mit Vorerkrankungen. Sie müssen jetzt schnell mit Impfangeboten versorgt werden, damit sie im kommenden Schuljahr nicht Nachteile erleiden müssen. Auch bei den Älteren sind die Vorerkrankten priorisiert worden. Wir dürfen jetzt die Jüngsten, die dringend eine Impfung brauchen, nicht im Stich lassen.

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Doch ist Deutschland auch gut auf das kommende Schuljahr vorbereitet? Die Antwort ist leider in zweierlei Hinsicht eher nein. Erstens ist nicht auszuschließen, dass es im Fall einer vierten Welle doch zu einer Situation kommen könnte, in der auch bei den Schulen wieder Einschränkungen nötig sind. Dafür kann niemand etwas.

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Doch wären die Schulen für den Umstieg auf Hybrid- oder Distanzunterricht diesmal optimal gerüstet? Es gibt zwar einzelne Fortschritte, aber noch immer kommt das Geld aus dem Digitalpakt nur spärlich bei den Schulen an. Lehrerinnen und Lehrer haben unter dem Druck der Situation einiges dazugelernt. Aber an guten Fortbildungen für das digitale Unterrichten mangelt es noch immer. Dabei wären die dringend nötig, wenn von der Pandemie zumindest etwas Positives ausgehen soll: nämlich ein dauerhafter Kulturwandel an den Schulen, bei dem der pädagogisch sinnvolle Einsatz digitaler Mittel zu einer neuen Selbstver­ständlichkeit wird.

Auch wenn die Schulen nach den Sommerferien dauerhaft geöffnet bleiben können, stehen sie vor riesigen Herausforderungen. Gerade diejenigen, die zu Hause nicht so gut gefördert werden konnten, leiden unter Lernrückstand. Das droht die ohnehin große Bildungs­ungerechtigkeit in Deutschland über viele Jahre weiter zu verschärfen.

Die Bundesregierung hat dafür zwar ein Nachhilfe­programm aufgelegt. Doch noch ist unklar, ob auch die Bundesländer sich ausreichend engagieren. Lehrerverbände und Schülervertreter fürchten darüber hinaus, dass das Geld – einmal mehr – zu spät bei den Schulen ankommt. Die Politik muss hier erst noch zeigen, dass sie wirklich liefert.

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