Deutschland, das geteilte Land

  • Die Kirchen rufen für Sonntag zum Gedenken an die fast 80.000 Corona-Toten auf.
  • „Querdenker“ gehen am selben Wochenende gegen angeblich zu strenge Corona-Maßnahmen auf die Straße.
  • Und viele Bundesbürger gehen einfach in Deckung und hoffen auf bessere Zeiten.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

liegt es am Wetter, das für die Jahreszeit zu grau ist und zu kalt? Oder an den von Corona genervten Bürgern? Den einen ist die Politik seit Langem zu lasch, den anderen zu streng.

Frühlingshafte Fröhlichkeit jedenfalls will sich bislang nicht einstellen. Im Gegenteil. An diesem Wochenende präsentiert sich Deutschland einmal mehr als geteiltes Land.

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Die Kirchen rufen für Sonntag auf zum Gedenken an die mittlerweile fast 80.000 Corona-Toten. In der Pandemie war der Tod eines geliebten Menschen oft doppelt hart, betont Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz im RND-Interview mit Thoralf Cleven und Markus Decker: Viele konnten „nicht so Abschied nehmen, wie man es sich wünscht“.

Die „Querdenker“ dagegen planen für heute bereits wieder neue Kundgebungen gegen die aus ihrer Sicht völlig übertriebenen Schutzmaßnahmen des Staates. Geht es da noch um bloße Meinungsäußerungen? Oder schon um systematische Diffamierung und Verhöhnung der freiheitlichen Ordnung? Die immer häufigeren Anschläge auf Impfzentren, berichtet Felix Huesmann aus unserem Berliner Büro, künden von einer schnell wachsenden Radikalisierung der Szene.

Die kontaktlose Gesellschaft

Erst brachte die Pandemie das kontaktlose Bezahlen. Jetzt gewöhnen wir uns auch an die insgesamt kontaktlose Gesellschaft: Große Gruppen leben mehr denn je aneinander vorbei, eiskalt, wie in völlig verschiedenen Welten. Man kennt das aus den USA. Die gleiche Tendenz hält nun auch hier Einzug, mit Macht.

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Eigentlich müsste man, Kontakt­beschränkungen hin oder her, im auseinander­strebenden Deutschland endlich mal die einen mit den anderen bekannt machen. Doch wer geht auf einen „Querdenker“ zu und erzählt ihm von einem an Corona verstorbenen Familienmitglied oder Freund?

Deutschland braucht spätestens nach der Pandemie eine große nationale Integrations­anstrengung. Kriegen wir das hin? Oder wird aus Anlass der Bundestagswahl alles zerschossen in einer großen neuen Polarisierung?

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In der Union tickt die Uhr

Genau diese Frage spielt auch eine Rolle im Machtkampf der Union zwischen den Parteichefs Armin Laschet (CDU) und Markus Söder (CSU). Einer von beiden müsste eigentlich an diesem Wochenende zurückziehen und auf die Kanzlerkandidatur verzichten. Eine Abstimmung in der Bundestagsfraktion, erst am Dienstag, gilt als letzte Möglichkeit der Klärung – aber als denkbar schlechte, schreibt Kristina Dunz aus unserem Berliner Büro.

Die Uhr tickt, der Druck auf beide im Sinne einer schiedlich-friedlichen Lösung ist groß. Seit CDU-Altmeister Wolfgang Schäuble sich klar für Laschet ausgesprochen hat, ist die Luft für Söder in der CDU etwas dünner geworden. Auch gewinnt das Argument an Bedeutung, für Söder sei im Fall des Verzichts der Schaden geringer.

Infratest Dimap für den ARD-Deutschlandtrend. © Quelle: ARD Deutschlandtrend

Beiden Parteichefs bleibt ein gewisser Trost. Ganz so schädlich, wie es oft gesagt wird, ist der Streit vielleicht gar nicht. Bei Infratest Dimap bekam die CDU/CSU am Ende dieser wirren Woche sogar einen Pluspunkt und liegt jetzt bei 28 Prozent – 7 Punkte vor den Grünen. Vor 14 Tagen betrug der Abstand im ARD-Deutschlandtrend nur 5 Prozent.

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Zitat des Tages

Ich danke allen, die sich in der Impfkampagne engagieren – und allen, die sich impfen lassen. Das Impfen ist der Schlüssel, um die Pandemie zu überwinden.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin, nach ihrer Erstimpfung mit Astrazeneca am Freitag in Berlin

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Berlin zieht die Notbremse: Im Video analysiert die stellvertretende RND-Chefredakteurin Eva Quadbeck die Debatte über das neue Infektions­schutzgesetz im Bundestag.

Aus unserem Netzwerk: Die Million für die Grünen

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Parteispenden gerieten schon oft in der Geschichte der Bundesrepublik zu einer düsteren Sache. Genau andersherum ist es jetzt bei den Grünen, den Glückskindern der deutschen Politik: Sie haben soeben eine Million Euro bekommen, die größte Einzelspende ihrer Geschichte – und alle Beteiligen fühlen sich edel, hilfreich und gut. Spender Moritz Schmidt, Softwareentwickler aus Greifswald, hatte das Geld mit Bitcoins verdient. Nun will er, wie die „Ostsee-Zeitung“ berichtet, „den unverdienten Reichtum gesellschaftlich einsetzen“.

Themen des Tages

Zweimal Jubel bei den Grünen: Der Landesverband Brandenburg von Parteichefin Annalena Baerbock will heute die Wahlliste für die Bundestagswahl beschließen. Erwartet wird viel Jubel für Baerbock vor der Entscheidung über die Kanzlerkandidatur, die am Montag bekannt gegeben wird. Auch Robert Habeck dürfte heute noch zwei Jubelszenen erleben: In Schleswig-Holstein wird er als Direktkandidat aufgestellt. Habeck hält außerdem eine Rede bei der bayerischen Landesdelegierten­konferenz der Grünen.

Sauerland-Duell im Stadion: Die CDU im Hochsauerlandkreis entscheidet heute über ihren Direktkandidaten – und wundert sich über das Interesse von Medienvertretern aus ganz Deutschland. Gegen Amtsinhaber Patrick Sensburg tritt ein noch bekannterer Sauerländer an: Friedrich Merz. Coronabedingt trifft man sich im Sportstadion Große Wiese, Beginn des Duells ist um 9.45 Uhr.

Rund um die Ukraine laufen derzeit die diplomatischen Drähte heiß. Berlin und Paris wollen wenn möglich noch an diesem Wochenende die gegenwärtige militärische Spannung entschärfen und eine Verabredung für einen Neubeginn der Vierergespräche mit Kiew und Moskau erreichen.

Wer heute wichtig wird

Annegret Kramp-Karrenbauer hält heute eine Rede zum Thema „Transatlantische Beziehungen und die Rolle Europas“. Die deutsche Verteidigungs­ministerin will darin ein positives Signal in Richtung USA senden, die in dieser Woche nicht nur den Truppenabzug aus Deutschland abgeblasen, sondern eine Aufstockung um 500 Soldaten angekündigt haben. In Sicherheitskreisen der USA genießt AKK wachsende Sympathie wegen ihrer harten Haltung gegenüber China. © Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Der Podcast des Tages

Die politischen Wochendurchblicker „Geyer & Niesmann“ analysieren mit Veit Medick („Der Spiegel“) die Chaostage in CDU und CSU, den Nervenkrieg von Armin Laschet und Markus Söder sowie die Schäden, die dadurch vermeintlich entstanden sind, außerdem die Bundesnotbremse und wer sie durchsetzen konnte und die neuen Wahlprogramme von AfD, FDP und Linkspartei.

„Der Tag“ als Podcast

Die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start ins Wochenende!

Ihr Matthias Koch

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