Deutschland braucht jetzt einen Kick

  • Warum will eigentlich keiner ein Deutschland-Fähnchen in diesen Tagen? Bislang gibt es bei dieser EM ein Problem mit der Emotionalität, beim Publikum ebenso wie bei der Mannschaft.
  • „Ich wünsche mir einfach mehr Offensivkraft und mehr Mut“, sagt RND-EM-Experte Michael Ballack.
  • Kommt heute Abend im Spiel gegen Portugal die Wende?
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

im Supermarkt meines Vertrauens, direkt an der Kasse, lag gestern Abend in einem großen Pappkarton ein schwarz-rot-goldener Haufen: Deutschland-Fähnchen zum Anstecken ans Auto im Format 45 mal 30 Zentimeter.

Ich: „Äh, was kosten die denn?“

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Kassiererin: „Die sind umsonst. Die verschenken wir jetzt.“

„Oh, das ist ja nett. Dann nehme ich gern mal eine mit.“

„Sie können auch gern mehr als eine mitnehmen.“

Ist das der Mats-Hummels-Effekt?

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Hallo Deutschland? Was ist denn nun schon wieder los mit uns? Mehr als 50 Prozent der Deutschen haben seit gestern zumindest eine erste Impfung, unsere Inzidenzen sind niedriger als in Großbritannien und den USA. Und bei der Fußball-EM haben wir, Jogi Löw hat es gesagt, doch eigentlich immer noch alle Chancen.

Warum wollen trotz allem die meisten derzeit kein Deutschland-Fähnchen, nicht mal geschenkt? Wirkt etwa die Delta-Variante schon als neue deutsche Spaßbremse? Oder ist das der Mats-Hummels-Effekt?

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Deutschland braucht jetzt einen Kick. Wir müssen rauskommen aus der Endlosschleife aus Verstimmung, Verspannung und Verzagtheit, die dem Land auf allzu vielen Feldern zu schaffen macht. Ein Lifecoach würde sagen: Schultern runter, tief ausatmen und sich auf die eigenen Kräfte konzentrieren.

Dazu passen die Tipps, die Michael Ballack für das heutige Spiel Deutschland gegen Portugal (ARD, Anstoß: 18 Uhr) gibt. Unser Sportressort hat den ehemaligen DFB-Kapitän als EM-Experten gewonnen. Ballack begleitet uns durch diese Zeit mit exklusiven Videointerviews. Im Gespräch mit Roman Gerth und RND-Sportchef Heiko Ostendorp stellte Ballack jetzt das Emotionale in den Mittelpunkt (6 Uhr): „Ich wünsche mir einfach mehr Offensivkraft und mehr Mut.“

Video
Vor Deutschland gegen Portugal: Ballack erinnert sich an EM-Duell 2008 - und regt neues System an
8:24 min
Bei der EM 2008 gewann Deutschland im Viertelfinale gegen Portugal mit 3:2. RND-EM-Experte Michael Ballack war Torschütze - im Video erinnert er sich.  © RND

Spahn in den letzten Wellen der Kritik

Dritte Welle? Vierte Welle? Politiker erleben in Zeiten der Pandemie noch sehr viel mehr Wellen, nämlich die Wellen der Kritik. Die kommen immer erst zeitversetzt. Gesundheitsminister Jens Spahn zum Beispiel muss sich jetzt, der Bundesrechnungshof will es so, dafür rechtfertigen, im Frühjahr 2020 allzu hektisch und allzu teuer Masken eingekauft zu haben.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Gespräch mit Eva Quadbeck und Kristina Dunz. © Quelle: Florian Gaertner/photothek.de
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Hat der Rechnungshof recht? Eigentlich schon. Aber ist Spahn deshalb ein Schuft? Nein.

Im Interview mit Eva Quadbeck und Kristina Dunz, den Chefinnen unseres Berliner Büros, schlägt Spahn sich wacker. „Das ist die größte Krise seit Bestehen der Bundesrepublik“, hält Spahn fest. „Wenn Sie dann als Gesundheitsminister die Wahl haben, ob in der nächsten Woche Kliniken den Betrieb einstellen, weil sie keine Masken mehr haben, oder ob Sie unkonventionell Masken besorgen – da habe ich mich für den unkonventionellen Weg entschieden. Und ja: Es war teuer. Aber keine Masken zu haben wäre uns deutlich teurer zu stehen gekommen.“

Generell hat es wohl wenig Sinn, allzu viel Zeit und Energie in gesundheitspolitische Vergangenheitsbewältigung zu investieren. Alle haben Fehler gemacht, und alle haben hoffentlich dazugelernt. Die EU-Kommission übrigens, oft gescholten, hatte schon im Januar (!) vorigen Jahres eine gemeinsame Beschaffung von Masken in ganz großem Stil empfohlen – und wurde von sämtlichen Gesundheitsministern ausgelacht: Man habe in den Nationalstaaten alles im Griff, hieß es damals. Pustekuchen.

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Zitat des Tages

Die Zahlen nehmen sehr rapide zu.

Vitor Almeida, Chef des Krisenstabs der portugiesischen Ärztekammer, zur Abriegelung des Großraums Lissabon wegen der steigenden Zahl von Corona-Infektionen mit der Delta-Variante
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Leseempfehlungen

In Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein beginnen am Montag die Sommerferien 2021, bald sind alle Bundesländer dran. Gleichzeitig sinken die Inzidenzwerte rapide. Erwartet die Schülerinnen und Schüler jetzt nach einer langen Phase des Frusts der Sommer ihres Lebens? Zumindest herrscht, wie Geraldine Oetken herausfand, unter jungen Leuten in Deutschland derzeit viel Optimismus.

Die Briten blicken auf den „Sun“-Untergang. Rupert Murdochs seit vielen Jahren angeschlagene Boulevardzeitung „The Sun“ steuert nun offenbar endgültig auf die Pleite zu, wie unsere London-Korrespondentin Katrin Pribyl berichtet. Der Medienmogul, dem auch der Trump-treue US-Sender Fox News gehört, hat das Blatt abgeschrieben und seinen Bilanzwert auf null gesetzt. In den Brexit-Debatten der letzten Jahre immerhin leistete die „Sun“ dem rechtsgerichteten Milliardär gute Dienste: Die Zeitung gehörte zu den führenden EU-feindlichen Stimmen in London.

Aus unserem Netzwerk

Hochsommerliche Temperaturen können gefährliche Straßenschäden verursachen. Vor den sogenannten Blow-ups warnt der ADAC. Die A1 bei Lübeck musste wegen eines Hitzeschadens am Freitag bereits teilweise gesperrt werden. Welche Straßen von dem Phänomen betroffen sind, berichten die „Lübecker Nachrichten“.

Termine des Tages

Bei einem Bundesparteitag der Linken wird heute ab 10 Uhr online über das Programm zur Bundestagswahl beraten.

Die SPD will heute ab 15 Uhr bei einem „digitalen Zukunftscamp“ die Lage von jungen Leuten zum Thema machen. Eine der zentralen Veranstaltungen läuft unter dem Titel „Garantie auf Zukunft – Jugend in und nach Corona“.

Das Programm von CDU und CSU zur Bundestagswahl wird zwar erst am Montag vorgestellt. Da jedoch seit gestern Abend Entwürfe kursieren, könnte die Debatte darüber schon von heute an erste Vibrationen auslösen.

Im Iran, wo am Freitag Präsidentschaftswahlen stattfanden, wird heute mit dem Wahlergebnis gerechnet. Als wahrscheinlicher Gewinner gilt der 61-jährige erzkonservative Kleriker Ebrahim Raeissi. Präsident Hassan Ruhani durfte nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten.

Wer heute wichtig wird

Der französische Präsident Emmanuel Macron – hier bei einem Auftritt während des Nato-Gipfels Anfang dieser Woche – muss an diesem Wochenende auf einen für ihn günstigen Verlauf der französischen Regionalwahlen hoffen. Wegen der allmählich näher rückenden Präsidentschaftswahl im April 2022 werden die Regionalwahlen jetzt als Stimmungsbarometer betrachtet. Bitter für Macron wäre eine Stärkung der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National von Marine Le Pen. Morgen findet die erste, am 27. Juni die zweite Runde der Regionalwahlen statt. © Quelle: imago images/Le Pictorium

Der Podcast des Tages

Geyer & Niesmann verhandeln mit Fabian Köster und Lutz van der Horst (ZDF-„heute-show“) die Unterschiede zwischen Satire und Journalismus; den Sanierungsstau nach 16 Jahren Merkel; die Frage, ob den Deutschen der Wald oder ihr Portemonnaie mehr am Herzen liegt und was bei den Aktivistinnen und Aktivisten von Greenpeace eigentlich schiefgelaufen ist.

„Der Tag“ als Podcast

Die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Matthias Koch

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