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US-Verteidigungsminister Lloyd Austin: der stille Amerikaner

  • Mit Verteidigungsminister Lloyd Austin kommt der erste Vertreter der Biden-Regierung nach Deutschland.
  • Der 67-jährige Afroamerikaner hat in seiner militärischen Bilderbuchkarriere nie das Rampenlicht gesucht. Aber der Ex-General besitzt das persönliche Vertrauen des Präsidenten.
  • Bei den Gesprächen in Berlin dürfte es um die US-Truppen in Deutschland, den Umgang mit Russland und den Abzug aus Afghanistan gehen.
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Washington. Übersehen kann man ihn eigentlich nicht. Mit seinen 1,93 Meter Körpergröße überragt Lloyd Austin die meisten Gesprächspartner. Auch die militärische Karriere des einstigen Vier-Sterne-Generals führte steil nach oben. Vor knapp drei Monaten wurde er als erster Afroamerikaner im Amt des US-Verteidigungsministers vereidigt. Doch noch immer hängt dem 67-Jährigen ein Spitzname aus seiner Army-Zeit an: „Der unsichtbare General“ wurde er da genannt.

Ihre Wurzeln hat diese Zuschreibung im Wesen des Ex-Offiziers, das einstige Kollegen als eher introvertiert beschreiben. Ins Rampenlicht gedrängt hat sich der Mann aus Alabama nie. Nur ungern gibt er Interviews. Sein Twitter-Account verrät gerade mal, dass der verheiratete Vater zweier Stiefkinder ein Footballfan ist. Die eigentlichen Tweets gleichen Pressemitteilungen. Militärkenner in Washington warnen jedoch davor, die äußere Verschwiegenheit des Oberkommandierenden mit Überzeugungslosigkeit zu verwechseln.

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Am Dienstag nun kommt Austin als erstes Mitglied der neuen Biden-Regierung im Rahmen eines Europa-Besuchs nach Deutschland – „einem der wichtigsten Verbündeten“, wie er betont. In Berlin wird der Gast seine Amtskollegin Annegret Kramp-Karrenbauer und den außenpolitischen Berater der Kanzlerin, Jan Hecker, treffen. Außerdem reist Austin nach Stuttgart, wo er das Europa- und das Afrika-Kommando der US-Truppen besucht – ein Termin mit hoher politischer Symbolkraft, nachdem Präsident Joe Biden den von seinem Vorgänger angeordneten Abzug von 12.000 US-Soldaten aus Deutschland gestoppt hat.

An Themen für die politischen Gespräche mangelt es nicht. Im Pentagon wird vor allem die Stärkung der bilateralen Beziehungen und der militärischen Partnerschaft genannt. Das liegt ganz auf der Linie von Biden. „Amerika ist am stärksten, wenn es mit den Verbündeten zusammenarbeitet“, hatte auch sein Verteidigungsminister bei der Vereidigung verkündet. In Berlin soll es im Übrigen um die amerikanische Truppenpräsenz gehen. Im Zentrum der Gespräche aber dürfte der Umgang mit den „gemeinsamen strategischen Rivalen“ stehen, wie es in Washington ausgedrückt wird.

Bis zum 1. Mai sollen die USA laut dem von der Trump-Regierung mit den Taliban ausgehandelten Abkommen ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Der neue Präsident Joe Biden hat den Termin infrage gestellt. Doch bislang ist unklar, wie lange Washington seine 2500 Soldaten vor Ort halten will. Ohne deren Präsenz kann auch die Bundeswehr ihre Mission nicht fortsetzen. © Quelle: Massoud Hossaini/AP/dpa

Gerade erst hat die amerikanische Regierungssprecherin Jen Psaki die russische Truppenkonzentration an der Grenze zur Ukraine kritisiert und erklärt, dass Präsident Biden „zunehmend besorgt“ sei. Beobachter schließen nicht aus, dass in diesem Zusammenhang auch das heikle Pipelineprojekt Nord Stream 2 zur Sprache kommt. Akuter Klärungsbedarf besteht außerdem beim Afghanistan-Thema. Biden hat zwar erklärt, dass der von seinem Vorgänger Donald Trump mit den Taliban vereinbarte Abzug der US-Truppen zum 1. Mai kaum eingehalten werden kann. Doch der neue amerikanische Zeitplan wirkt recht nebulös, und die Bundesregierung ist angesichts der Bundeswehrkontingente am Hindukusch sehr an einer Präzisierung interessiert.

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Der General überraschte das Establishment

Was immer Austin hinter verschlossenen Türen äußert, dürfte mit dem Präsidenten abgesprochen sein. Das politische Establishment in Washington war einigermaßen überrascht, als Biden den Ex-General im Dezember als neuen Verteidigungsminister präsentierte, während die Wetten eher auf die Karrierebeamtin Michele Flournoy abgegeben worden waren. Es wird gemunkelt, dass Flournoys interventionistischer Kurs und ihre Verbindungen zur Rüstungsindustrie einerseits sowie das Drängen der afroamerikanischen Abgeordneten auf einen schwarzen Kandidaten andererseits den Ausschlag gaben. Diese Faktoren dürften tatsächlich eine Rolle gespielt haben, obwohl Austin wegen seines Wechsels zu einem Waffenkonzern nach dem Ausscheiden aus der Armee im Jahr 2016 ebenfalls von den Parteilinken kritisiert wird.

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Die persönliche Komponente: Lloyd Austin ist wie Joe Biden praktizierender Katholik, und er war mit Beau Biden befreundet – dem 2015 verstorbenen Lieblingssohn von Joe Biden. Unser Bild zeigt Vater und Sohn bei den demokratischen Conventions 2008 in Denver. Kurz darauf wurde Beau Biden als Nationalgardist für ein Jahr in den Irak abkommandiert, wo er Austin kennenlernte. © Quelle: Shawn Thew/EPA/dpa

Nicht unterschätzen aber sollte man die persönliche Komponente der Personalentscheidung, die bei Biden stets eine große Rolle spielt. Den Ex-General hatte er 2010 als Kommandeur der US-Truppen im Irak kennen und schätzen gelernt. Dort hatte auch Bidens verstorbener Sohn Beau als Offizier der Nationalgarde gedient. Wie Austin war Beau Biden praktizierender Katholik: Beide besuchten nach Recherchen der Washington Post regelmäßig denselben Gottesdienst.

„Er ist ein Anführer von außergewöhnlichem Mut, Charakter, Erfahrung und Verdiensten“, pries Joe Biden zehn Jahre später seinen neuen Minister. Intern lobte er dessen Ruhe und Besonnenheit. Dass Austin kein Zivilist ist, hält der Präsident eher für einen Vorteil: Der Ex-General habe mit eigenen Augen das Grauen des Krieges gesehen: „Diese Erfahrung garantiert, dass die Anwendung von Gewalt wirklich das letzte Mittel unserer Politik ist.“

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