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Deutscher in Yad Vashem: „Sprache der Täter war lange verpönt“

  • Der Historiker Enno Raschke ging 2008 nach Israel, um dort über den Holocaust zu forschen.
  • Er war damals der einzige Deutsche am Institut Yad Vashem in Jerusalem.
  • Sein Alltag und seine Arbeit sind geprägt von den Geschichten der Opfer und Überlebenden des Holocaust.
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Jerusalem. Es sind die Biografien, die Enno Raschke auch nach mehr als zehn Jahren in Yad Vashem immer noch beeindrucken. Die der beiden Schwestern zum Beispiel, die ihr Leben lang dachten, da sei niemand mehr. Die überzeugt waren, die Nationalsozialisten hätten ihre gesamte Familie ausgelöscht. Beide hatten den Holocaust überlebt und waren unabhängig voneinander nach Israel ausgewandert. Erst der Besuch in Yad Vashem und der Blick in das dortige Archiv offenbarten ihnen, dass sie nicht allein waren.

Enno Raschke arbeitet seit 2008 am Yad Vashem in Jerusalem. © Quelle: Privat

Oder die Geschichte von Jakob, der als kleiner Junge von seinen Eltern kurz vor deren Deportation bei einer polnischen Familie versteckt wurde und dort als Christ aufwuchs. Erst als erwachsener Mann, nachdem er sich sogar zum Priester hatte weihen lassen, erfuhr er vom Schicksal seinen leiblichen, jüdischen Eltern, die von den Nazis ermordet worden waren. Er folgte seiner wiederentdeckten Identität und wanderte nach Israel aus. „Erst vor knapp einem Jahr feierte er in der Synagoge in Yad Vashem seine Bar-Mizwa. Normalerweise ein Fest des Erwachsenwerdens für 13-jährige Jungen, diesmal organisiert für einen 75-jährigen Mann“, erzählt Raschke. „Chasarti habaita“ – ich bin heimgekommen – bemerkte Jakob am Ende einer emotionalen Feier.

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Mit einem Stipendium in der Tasche setzte er sich in den Flieger

Enno Raschke entschied sich 2008, von Hannover nach Jerusalem zu Yad Vashem zu gehen. Mit dem Magister und einem Stipendium der Dr. Alexander-und-Ruth-Besser-Stiftung in der Tasche setzte er sich in einen Flieger nach Israel. „Als ich ankam, kannte ich weder jemanden in Israel, noch hatte ich eine Wohnung“, erinnert er sich. Doch es dauert nur ein paar Tage und Kollegen halfen ihm, ein kleines Apartment ganz in der Nähe von Yad Vashem zu finden. Yad Vashem, das ist Museum, Bildungs- und Forschungsstätte in einem. Hier, so das Ziel, soll jedes Opfer einen Namen bekommen. Fast 200 Millionen Dokumente umfasst das Archiv mittlerweile. Die zentrale Datenbank dokumentiert die Namen von 4,8 Millionen Opfern des Holocaust. Die genaue Zahl der Ermordeten ist bis heute nicht bekannt. Raschkes erstes Projekt waren die „Zugfahrten in den Untergang“, so der Titel. Es ging um die Erfassung aller Deportationen von 1941 bis kurz vor Kriegsende im April 1945.

„Damals, als ich in Yad Vashem anfing“, erinnert sich Raschke, „war ich der einzige Deutsche am Institut.“ Deutsch war zwar kein Alleinstellungsmerkmal in Yad Vashem, es gab deutschsprachige jüdische Kollegen, die eingewandert waren, „aber die Sprache der Täter war in Israel lange Zeit verpönt“. Für den Historiker waren die Biografien seiner Kollegen und Professoren ohnehin interessanter. Die von Professor Israel Gutman zum Beispiel, damals akademischer Berater in Yad Vashem und Vorsitzender des Internationalen Auschwitz-Komitees. 1923 wurde Gutman in Warschau geboren. Er kämpfte im Gettoaufstand, wurde gefangen genommen und überlebte bis zur Befreiung der Konzentrationslager Majdanek, Auschwitz und Mauthausen.

Oder Professor Yehuda Bauer, der 1926 in Prag geboren wurde und 1939, kurz vor dem Beginn der großen Vernichtungswelle, nach Palästina emigrierte. Bis heute arbeitet Bauer, einer der weltweit renommiertesten Holocaust-Forscher, als Berater am Internationalen Forschungsinstitut Yad Vashem. Oder Professor David Bankier, der 1947 in einem deutschen Kibbuz für Überlebende geboren wurde und später nach Israel ging. „Ich weiß noch, wie ich damals in meiner Bewerbung für Yad Vashem eine E-Mail formulierte und ganz höflich ‚Sehr geehrter Herr Professor Bankier …‘ schrieb“, erzählt Raschke. Viel zu förmlich für Israelis, lernte er später. Bankier schrieb kurz zurück: „Lieber Enno, das sollte passen!“

Die Arbeit wird mit jedem Tag wichtiger

Mittlerweile arbeitet Raschke im Verlagshaus von Yad Vashem an verschiedenen Buchprojekten und regelmäßigen Publikationen, die die Gedenkstätte herausbringt. Aktuell steht er mit Tomas Radil in Mailkontakt. Yad Vashem übersetzt die Memoiren des 89-jährigen Tschechen ins Englische. Auch Radil überlebte den Holocaust. „Erst war er im Vernichtungslager in Birkenau, später gelang es ihm, in die Maurerschule des Stammlagers Auschwitz verlegt zu werden, wo die Überlebenschancen besser waren“, sagt Raschke, dessen Arbeit mit jedem Tag wichtiger wird. Denn die Überlebenden werden weniger.

„Die Gespräche mit den Überlebenden sind zentral für die Holocaust-Bildung hier in Israel“, sagt Raschke. Über den Trend unter jungen Israelis, sich die Auschwitz-Nummer der Großeltern zu tätowieren, könne man zwar streiten. „Aber zum israelischen Leben gehört nun mal, dass der Tod und die Erinnerung immer nah sind.“

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