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Deutsche Wirtschaft: „Russland bleibt ein wichtiger Investitionsstandort“

  • Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind derzeit schwer belastet.
  • Oliver Hermes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, blickt trotzdem optimistisch ins Jahr 2021.
  • Er meint: Deutsche Unternehmen sollten vom russischen Wirtschaftswachstum profitieren.
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Berlin. Die deutschen Exporte nach Russland sind im vergangenen Jahr um 13 Prozent gesunken.

Nach der jüngsten Geschäftsklima-Umfrage „Russland 2021″ von dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer beurteilten 69 Prozent der deutschen Unternehmen die Entwicklung des Geschäftsklimas im vergangenen Jahr negativ.

An der Umfrage beteiligten sich über 100 Firmen, die in Russland 60.000 Mitarbeiter beschäftigen und 13 Milliarden Euro umsetzen.

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Auch die Erwartungen der deutschen Unternehmen in Bezug auf das Russland-Geschäft haben sich eingetrübt. Das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) sprach dazu mit dem Vorsitzenden des Ost-Ausschusses, Oliver Hermes.

Herr Hermes, die Erwartungen der deutschen Unternehmen auf dem russischen Markt für 2021 sind nicht unbedingt rosig. Wie sehen Sie das neue Jahr?

Es ist natürlich nicht überraschend, dass sich das Geschäftsklima in Russland und die Erwartungen der deutschen Unternehmen vor dem Hintergrund der Corona-Krise eingetrübt haben. Den deutschen Unternehmen haben vor allem die starke Abwertung des Rubel und die coronabedingten Grenzschließungen zu schaffen gemacht.

Aber wir sehen auch positive Entwicklungen: Mit ihrer eigenen Geschäftslage waren die deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft im vergangenen Jahr trotz der Corona-Krise überwiegend zufrieden. Und die Aussichten für 2021 haben sich zuletzt aufgehellt: Seit Ende letzten Jahres zeigen die Stimmungs­indikatoren wieder nach oben, der Rubel hat parallel zum Ölpreis zuletzt an Wert gewonnen, und die Prognosen für die russische Wirtschaft sagen 2021 ein Wachstum von 3 Prozent voraus. Davon sollten die deutschen Unternehmen profitieren.

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40 Prozent der Gasimporte kommen aus Russland

Wie wichtig ist der russische Markt für deutsche Unternehmen?

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Seit dem Rekordjahr 2012 mit einem Handelsumsatz von 80 Milliarden Euro hat der deutsch-russische Handel erheblich an Volumen verloren. Dies lag am Rückgang der Ölpreise, an Reformrückständen in Russland und an einem Wirtschaftsmodell, dass unter dem Eindruck der westlichen Sanktionen zunehmend protektionistisch geworden ist.

2020 belegte Russland mit einem bilateralen Handel von 45 Milliarden Euro nur noch Platz 4 in unserer Handelsstatistik – deutlich hinter Polen, Tschechien und erstmals auch hinter Ungarn. Der deutsch-russische Warenaustausch sank auch infolge der Corona-Beschränkungen auf den niedrigsten Stand seit 2005.

Aber der alleinige Fokus auf den Außenhandel ist irreführend: Man darf nicht vergessen, dass weiterhin ein wesentlicher Teil unserer Öl- und Gasimporte aus Russland stammt, nämlich rund 40 Prozent. Zudem bleibt Russland ein wichtiger Investitionsstandort. Nach Angaben der Bundesbank hatten deutsche Unternehmen Ende 2018 fast 21 Milliarden Euro in Russland investiert und beschäftigten dort fast 260.000 Menschen.

Digitale Transformation vom Kunden her gedacht

Der IT-Sektor gilt als wachstumsstärkste Branche in Russland. Sehen Sie da Chancen für deutsche Unternehmen?

Die IT- und Tele­kommunikations­branche wurde in unserer jüngsten Umfrage als die wachstumsstärkste Branche in Russland eingeschätzt und hat damit die Land- und Ernährungs­wirtschaft überholt. Das kommt nicht von ungefähr. Anders als Deutschland verfügt Russland über einige Global Player, die sich im IT-Sektor behaupten können.

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In diesem Punkt können wir von Russland lernen: Dort wird die digitale Transformation sehr stark vom Kunden her gedacht, bei uns unter dem Label „Industrie 4.0“ eher von der Beschaffungs- und Produktionsseite aus. In der Industrie müssen wir zum Beispiel lernen, durch Digitalisierung die Kundenbindung zu verstärken.

Der Ost-Ausschuss fördert die IT-Kooperation mit Russland übrigens seit vielen Jahren unter anderem durch seine Beteiligung an der Deutsch-Russischen Digitalisierungs­initiative (Grid).

Welche weiteren Ansatzpunkte gibt es für Kooperationen?

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Die Digitalisierung ist nur ein Beispiel für die Kooperations­möglichkeiten bei zentralen Zukunftsthemen. Hinzu kommen Themen wie die Dekarbonisierung des Energiesektors, Energieeffizienz und der Aufbau einer Wasserstoff­wirtschaft. Wir müssen unsere fossile Energiepartnerschaft perspektivisch in eine grüne Klimapartnerschaft verwandeln.

Nicht zu vergessen der Gesundheitssektor: Dass es russische und deutsche Forscher waren, die die ersten Corona-Impfstoffe entwickeln konnten, ist doch wirklich ein positives Zeichen in einer schwierigen Lage. Dass sich auch die EU jetzt für den russischen Impfstoff öffnen will, begrüßen wir ausdrücklich.

Abstimmung zwischen EU und USA

Die politischen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen haben sich 2020 eher verschlechtert. Wird es mit der neuen US-Regierung besser werden?

Zumindest deutet sich an, dass es mit der neuen US-Regierung keine Russland-Sanktionen mehr auf Kosten und ohne Abstimmung mit den europäischen Verbündeten geben wird, Stichwort Nord Stream 2. Dies wäre schon ein großer Fortschritt gegenüber den zurückliegenden vier Jahren.

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Nord Stream 2: US-Kongress beschließt Sanktionen
0:36 min
Mit der Pipeline Nord Stream 2 soll künftig noch mehr russisches Erdgas nach Europa transportiert werden.  © AFP

Joe Biden hat im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz auf die Herausforderung des Westens durch Russland hingewiesen, zugleich aber auch punktuelle Kooperations­möglichkeiten angedeutet. Er selbst hat ja auch als erste Amtshandlung einen Abrüstungsvertrag mit Russland verlängert.

Neue Impulse durch Themenjahr

Ende letzten Jahres wurde ein deutsch-russischer Unternehmerrat angekündigt. Was soll er bewirken?

Wir haben inzwischen eher zu wenige als zu viele Gremien mit Russland. Nachdem wir in den vergangenen Jahren viele wichtige Dialogrunden wie die EU-Russland-Gipfeltreffen und die bilateralen Regierungs­konsultationen wegen der Sanktionen verloren haben, werben wir für neue Dialogmöglichkeiten.

Der neue Deutsch-Russische Unternehmerrat, in dem sich Unternehmens­vertreter unserer beiden Länder engagieren, ist hier ein Ansatz. Von deutscher Seite teile ich mir den Vorsitz mit dem Präsidenten der Deutsch-Russischen Auslands­handels­kammer, Dr. Rainer Seele.

Medizintechnik und Pflanzenzucht

Wir wollen uns mehrmals im Jahr treffen und sehr praktische Fragen wie die Lokalisierung ausländischer Software­produkte in Russland, die Perspektiven für deutsche Medizintechnik­unternehmen oder die Zusammenarbeit im Bereich Pflanzenzüchtung besprechen. Wir tun dies übrigens in enger Abstimmung mit den jeweiligen Regierungen.

Neue Impulse soll auch das Deutsch-Russische Themenjahr „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung 2020–2022“ geben, das der Ost-Ausschuss auf deutscher Seite im Auftrag des Auswärtigen Amts betreut. Die derzeitige Beziehungskrise mit Russland muss für uns alle wirklich ein besonderer Ansporn sein, wieder stärker auf Zusammenarbeit und gemeinsame Themen zu setzen. Wir brauchen endlich wieder eine konstruktive Agenda.

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