Deutsche sind sich einig: Kümmert euch um wirklich Wichtiges!

  • Gesellschaftliche Polarisierung? Die Deutschen sind laut einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung einiger als gedacht
  • Die Politiker und Politikerinnen sind gefordert, Antworten auf wirklich drängende Fragen zu finden.
  • Ein Gastbeitrag zu den Hoffnungen der Deutschen auf Veränderungen im Bereich Klima, Mieten und Verkehr.
Yasemin El-Menouar und Kai Unzicker
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Hannover. Mit der verheerenden Flutkatastrophe, die den Süden und Westen Deutschlands vor Kurzem getroffen hat, ist die Diskussion über den Klimawandel mit Macht zurück in den Mittelpunkt des Wahlkampfs gekehrt. Bis zum Abflauen der Infektionszahlen hatte die Pandemie drängende politische Fragen wie das Klimathema zeitweise in den Hintergrund gerückt.

Jetzt gilt es umso mehr, politische Antworten auf grundlegende Fragen zu finden, die über die Zukunftsfähigkeit und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft entscheiden werden. Zum Beispiel, wie wir mit den Folgen des Klimawandels umgehen können. Wie der gerechte Wandel der Gesellschaft gelingen kann. Wie wir unsere Demokratie weiterentwickeln wollen. Wie sich Niedrig- und Normalverdiener das Wohnen in Großstädten leisten können. Und wie sich eine wirksame und sozial verträgliche CO₂-Bepreisung umsetzen ließe.

Breiter Konsens über elementare Werte

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All diese Fragen und viele mehr lassen sich nach unserer Analyse drei grundlegenden Themenkomplexen zuordnen: Klimaschutz, Verteilungsgerechtigkeit und Zusammenleben in Vielfalt. In einer repräsentativen Befragung haben wir untersucht, was die Deutschen zu diesen Themenfeldern generell denken. Die Ergebnisse zeigen, dass das in vielen Medien und von einigen politischen Akteuren und Akteurinnen heraufbeschworene Bild gesellschaftlicher Zersplitterung und Polarisierung trügt.

Aus unserer Sicht ist das eine wichtige Erkenntnis für die Wahlprogramme und eine wichtige Botschaft für die Wahlkämpfer und Wahlkämpferinnen: „Die Wählerinnen und Wähler sind weiter und einiger, als ihr denkt! Führt keine Scheindebatten und Pseudostreitereien. Kümmert euch um die Fragen des alltäglichen Lebens, die wirklich drängen.“ Denn es gibt in Deutschland über elementare Werte einen breiten Konsens. Auf den kann der demokratische Streit konstruktiv aufbauen. Allerdings mit einer gravierenden Ausnahme.

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In unserer Studie unterscheiden wir sieben Wertemilieus, die in Deutschland mit jeweils 10 bis 15 Prozent etwa gleich stark vertreten sind. Sechs dieser Milieus unterscheiden sich zwar darin, wie sie Werte gewichten, teilen aber einen grundsätzlichen Wertekonsens. Wir haben diese Gruppen typisiert als: Idealisten/Idealistinnen, Humanisten, Beziehungsmenschen, Konservative, Macher/Macherinnen und Selbstverwirklicher/Selbstverwirklicherinnen.

Das siebte Milieu verkörpert dagegen ein anderes gesellschaftliches Leitbild und trägt den gesellschaftlichen Konsens nicht mit: die individualistischen Materialisten und Materialistinnen. Diese Menschen orientieren sich, im typischen Fall, stark an Wohlstand, Konsum und Autonomie, sind eher pessimistisch und misstrauisch sowie politisch AfD-nah. Sie sind die oben erwähnte Ausnahme.

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Nur 11 Prozent der Deutschen lehnen Vielfalt gänzlich ab

Die Materialisten und Materialistinnen empfinden sich selbst als vom gesellschaftlichen Konsens entfernt – und unsere Studie zeigt: Sie haben sich tatsächlich teilweise von den Werten einer liberalen Demokratie verabschiedet. Es gibt also eine Polarisierung zwischen den Materialisten und Materialistinnen und allen anderen Wertemilieus, und diese Polarisierung nährt Hass und Hetze in den sozialen Medien. Und nicht nur da.

Damit müssen wir umzugehen lernen. Aber wir sollten würdigen, dass es in allen anderen Wertemilieus – und damit in der Breite der Gesellschaft – keine unversöhnlichen Haltungen gibt, sondern: Gewichtungen und Abwägungsentscheidungen zwischen grundsätzlich geteilten Werten. Es gibt einen Grundkonsens, der die Basis liefert, wichtige Fragen und Details politisch zu verhandeln.

So glauben 72 Prozent der Deutschen, dass wir tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen brauchen, um den Klimawandel zu bewältigen. Das ist eine solide demokratische Mehrheit! Auf dieser Basis können wir diskutieren, was genau nun für den Klimaschutz gemacht werden soll. Die einzige Gruppe, in der es für entsprechende Veränderungen keine Mehrheit gibt, sind die materialistisch Eingestellten.

Auch beim Thema Vielfalt sehen wir ein breit geteiltes Verständnis des Miteinanders. Nur 11 Prozent der Deutschen lehnen Vielfalt gänzlich ab oder wollen ein homogenes kulturelles Umfeld – auch hier sind es vor allem die Materialisten und Materialistinnen. Das heißt umgekehrt: Fast 90 Prozent erkennen Vielfalt in ihren verschiedenen Facetten an.

Unterschiede gibt es lediglich darin, ob nur das Grundgesetz oder auch Traditionen und kulturelle Werte die Basis des Zusammenlebens bilden sollen. So herrscht etwa Dissens, ob eine muslimische Erzieherin während der Arbeit im Kindergarten ihr Kopftuch tragen darf. Hier geht es nicht um die Frage, ob wir in Vielfalt, sondern wie wir in Vielfalt leben wollen. Diese Diskussion müssen wir führen.

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Und: Alle Wertemilieus – mit Ausnahme der Materialisten und Materialistinnen – teilen die Gerechtigkeitsprinzipien der sozialen Marktwirtschaft: das Leistungsprinzip, dass hart arbeitende Menschen belohnt werden sollten, und das Bedarfsprinzip, dass eine Gesellschaft sich um Arme und Bedürftige kümmern muss. 85 Prozent stimmen beiden Prinzipien zu. Dissens besteht bei der Balance: Wie viel Sozialstaat brauchen wir? Wie viel Steuern? Diese Abwägungs- und Umsetzungsfragen aber können wir vor dem Hintergrund eines geteilten Wertehorizonts diskutieren. Eine grundsätzliche politische Polarisierung großer Teile der Bevölkerung bei der Frage der Verteilungsgerechtigkeit gibt es, laut unserer Studie, nicht.

Sachfragen müssen diskutiert werden

Für den anstehenden Wahlkampf heißt das, dass die demokratischen Parteien nicht ohne Not eine gesellschaftliche Spaltung, die es in dieser Form nicht gibt, befeuern sollten. Politischer Streit gehört zum Wahlkampf. Dieser sollte aber keine Gräben aufreißen, die im Nachgang konstruktive Politik verhindern. Innerhalb des breiten gesellschaftlichen Konsens gibt es spannende, wichtige, teils sehr komplizierte Sachfragen – und genau die müssen offen diskutiert werden, über genau die sollten sich die demokratischen Parteien profilieren. Wenn dieser Streit konstruktiv gelingt, können in einer vitalen und gestärkten Demokratie auch wieder Brücken in das Milieu der Materialisten und Materialistinnen geschlagen werden.

Zu diesem Text

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Für die Studie „Klimawandel, Vielfalt und Gerechtigkeit – Wie Werthaltungen unseren Blick auf die Gesellschaft bestimmen“, an der die Autorin und der Autor mitgearbeitet haben, hat die Bertelsmann Stiftung im November 2020 über 1000 Personen befragt. Die Quotenstichprobe ist repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.

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