Deutsche Einheit – bitte neu definieren

  • Dieses Land muss sich nach 30 Jahren Einheit mehr einfallen lassen als einen Blick in den Rückspiegel.
  • Wer die aktuellen Probleme sortiert, wird den Punkt “Integration von Ost- und Westdeutschen” kaum an Platz eins setzen.
  • Deutschland braucht inmitten von Virus- und Weltkrisen ein neues Wirgefühl – nicht nur von Ossis und Wessis, sondern auch von Einheimischen und Zuwanderern.
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Seufzend über eine noch immer existierende Mauer in den Köpfen zwischen Ost und West zu reden ist zum Ritual geworden in Deutschland. Alle Jahre wieder kramen viele das Thema hervor, wie einen alten Strohstern im Advent.

Soeben sagten gegenüber Forsa 72 Prozent der Ostdeutschen, dass nach ihrer Ansicht auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer “das Trennende überwiegt”. Bei den Westdeutschen sind es 44 Prozent.

Müssten Land und Leute sich nicht mal einen Ruck geben und sich abfinden mit gewissen Unterschieden und Eigenheiten? Auch wer Norddeutschland und Süddeutschland vergleicht – Einkommen, Lebensstil, Befindlichkeiten –, wird auf viel Trennendes stoßen.

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Lieber Leipzig als Lüdenscheid

In Wahrheit ging es doch nie um die eine oder andere faktische Abweichung als solche. Das entscheidende Problem im Verhältnis zwischen Ost und West lag stets woanders: in Verletzungen von Würde durch fehlende Anerkennung, darin, dass anfangs Westdeutsche den Eindruck erweckten, sie hielten sich selbst für etwas Besseres und betrachteten Ostdeutschland als eine Zone, um die man besser einen Bogen macht.

An diesen Stellen aber ist am Ende eben doch mühsam zusammengewachsen, was zusammengehört – auch wenn es drei Jahrzehnte gedauert hat. Die Überlegenheitsgefühle im Westen haben inzwischen ebenso nachgelassen wie die Minderwertigkeitskomplexe im Osten. Immer mehr junge Deutsche wollen, egal, wo sie geboren sind, lieber in Leipzig leben als in Lüdenscheid.

Dieses Land muss jetzt weiter denken – und sich auch am Nationalfeiertag mehr einfallen lassen als einen Blick in den Rückspiegel.

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Neue Prioritäten in einer “aggressiven Welt”

Wer die aktuellen Probleme sortiert, wird den Punkt “Integration von Ost- und Westdeutschen” kaum an Platz eins setzen. Mit Macht schiebt sich die Corona-Krise nach vorn, mit all ihren immer noch schwer kalkulierbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgewirkungen. Hinzu kommt eine ungewöhnliche Verfinsterung der internationalen Szenerie; die Kanzlerin spricht von einer “aggressiven Welt”, durch die man sich derzeit bewege.

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Deutsche Einheit: Dieses Ziel ist und bleibt gut, es muss nur neu definiert werden. Wehleidige Selbstbespiegelungen, von welcher Seite auch immer, passen nicht mehr in die Zeit.

Deutschland braucht ein neues Wirgefühl – nicht nur von Ost- und Westdeutschen, sondern auch von Einheimischen und Zuwanderern.

Was die Deutschen gelernt haben

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Immerhin haben wir einiges gelernt auf der emotionalen Rüttelstrecke der vergangenen Jahrzehnte. Die Starken wissen jetzt, dass man Fragen von Würde und Respekt nicht unterschätzen darf. Die Schwachen wissen jetzt, dass allein ein auf die Herkunft gestütztes Klagelied nicht weiterhilft. Nur ökonomische Dynamik schafft jenen Zug im Kamin, den man braucht, um am Ende Geschichten von Erfolg und Aufstieg erzählen zu können.

Die Deutschen eint jetzt immerhin eine zentrale Erfahrung. Gutwillige Menschen, die ein gemeinsames Wohin beschreiben, können zusammen erstaunlich viel bewegen – auch wenn sie anfangs getrennt erscheinen durch ein unterschiedliches Woher.

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