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Deutsch-britisches Paar zum Brexit: „Wir werden Euch vermissen"

  • Die Deutsche Miriam Lawrence und der Brite Tom Lawrence sind verheiratet, haben drei gemeinsame Kinder und leben in London.
  • Den Brexit sehen sie mit Trauer.
  • Zugleich hoffen sie auf eine Wiederannäherung an die EU.
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Frau Lawrence, Herr Lawrence, der Brexit wird jetzt Wirklichkeit. Sind Sie deprimiert oder froh, dass die Hängepartei endlich ein Ende hat?

Miriam Lawrence Persönlich bin ich sehr enttäuscht. Bis zum letzten Moment hatte ich gehofft, dass es nicht zum Brexit kommt. Die Phase, die jetzt endet, war lähmend für alle.

Tom Lawrence Ich bin sehr enttäuscht – besonders von Politikern. Nicht nur wegen der Konsequenzen des Brexit, sondern auch weil er Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus geweckt hat. Es gibt einen Abgrund zwischen der sogenannten städtischen Elite in Süd-Ost-England, den Großstädten und dem Rest des Landes. Es zieht sich durch Familien; mein eigener Vater lebt in Spanien und hat "leave" gewählt. Außerdem gibt es klare Spaltungen zwischen Ländern in der Union – Schottland, Nordirland und Wales waren alle für "Remain". Und das ist noch nicht das Ende. Wir müssen jetzt erst noch die zukünftigen Beziehungen verhandeln. Wir fangen gerade erst an!

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Wie ist die Stimmung im Land?

Miriam Lawrence Privat wird in meiner Umgebung fast gar nicht mehr vom Brexit gesprochen – eine Art der Verdrängung vielleicht. Aber hier in London sind wir sowieso unter Gleichgesinnten.

Tom Lawrence DIE Stimmung gibt es nicht – die Gefühle sind sehr unterschiedlich. Einige wollen feiern, andere trauern, und dem Rest ist es egal. Wir leben in London in einer "bubble" – wir sehen, hören oder verstehen die Menschen außerhalb, die "Leave" gewählt haben, nicht. Und sie sind in ihrer eigenen "bubble" und hören unsere Argumente nicht. Jeder hasst den anderen und hält ihn für ignorant oder dumm. Man muss nur zehn Minuten auf Twitter verbringen und sieht den ganzen Hass. Ich glaube nicht, dass das anders wird. Persönlich bin ich ärgerlich, besorgt und enttäuscht – mit wenig Hoffnung, was unsere Beziehung bringen wird. Aber vielleicht werde ich ja positiv überrascht.

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Was wird der Brexit Großbritannien bringen?

Miriam Lawrence Im besten Fall wird es den Briten nicht schlechter gehen, und hoffentlich wird immer eine enge Beziehung mit Europa bestehen bleiben. Der Brexit war nie eine logische, sondern mehr eine emotionale Entscheidung – insofern werden die "Leavers" wohl immer Recht behalten.

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Tom Lawrence Ich sehe keine Vorteile, die mir wichtig sind. Ein positiver Aspekt ist aber, dass ein größerer Teil der Bevölkerung sich mit Politik auseinandersetzt. Vielen war nicht klar, was es bedeutete, in der Europäischen Union zu sein. Deshalb hat "Remain" verloren. Jetzt wissen wir es, aber es ist zu spät.

Und was wird er Ihnen persönlich bringen? Miriam, Sie als deutsche Staatsbürgerin sind ja anders betroffen als Sie als Brite, Tom.

Miriam Lawrence Ungewissheit. Alle Verhandlungen stehen noch vor uns. Der Teufel steckt im Detail. Ich fürchte, dass ich in Zukunft zwischen der deutschen und der britischen Staatsbürgerschaft wählen muss, wenn ich hier bleiben will – und dass Familienbesuche unnötig kompliziert werden.

Tom Lawrence Es ist mehr ein psychisches Problem. Der Morgen, an dem wir aufwachten und das Resultat der Abstimmung hörten, war ein furchtbarer Moment für alle Nicht-Briten, die hier leben. Ich hätte gern, dass wir größer denken, offener sind, Grenzen aufmachen – deshalb bin ich enttäuscht und beschämt. Ich dachte, dass Großbritannien besser ist. Wir waren ein modernes Land. Jetzt laufen wir davon und suchen eine alte Welt von gestern, die es nicht mehr gibt.

Manche hoffen ja, dass Großbritannien der EU früher oder später wieder beitreten wird. Sie auch?

Tom Lawrence Ja, natürlich! Ich denke, die Stimmung wird sich ändern, und irgendwann wird es ein neues Referendum geben. Aber dafür brauchen wir eine große politische Richtungsänderung. Es wird Gegner geben, und die Labour Partei wird irgendwann wieder in die politische Mitte rücken. Das wird wahrscheinlich 20 bis 30 Jahre dauern.

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Miriam Lawrence Nach dem Drama der letzten Jahre scheint mir das nur möglich, wenn es zu einer neuen und anderen europäischen Verbindung kommt. Aber die nächste Generation wird sicher wieder an einer Horizonterweiterung interessiert sein.

Was geschieht, wenn es nicht dazu kommt?

Miriam Lawrence So viele Europäer sprechen Englisch, deshalb wird Großbritannien immer ein populäres Reise- oder Lebensziel bleiben. Und Europa bietet so viel, gleich nebenan. Es wird immer eine enge Beziehung geben.

Tom Lawrence Wenn sich meine Befürchtungen bewahrheiten und es außerhalb der EU schlechter sein wird als in der EU, dann wird sich die Stimmung im Land wieder mehr pro EU bewegen. Das Risiko ist, dass sich die EU von uns mit der gleichen Geschwindigkeit entfernt, mit der wir uns der EU wieder annähern. Dann würde die Lücke nicht geschlossen. Überhaupt zielen Ihre Fragen nur auf die Entscheidung der Briten. Es ist aber nicht nur unsere Schuld. Die EU sollte auch mal in sich gehen, um ein weiteres Auseinanderbrechen zu verhindern. Persönlich kann ich nur sagen: Viele hier lieben die EU. Wir werden Euch vermissen.

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