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Der Westen ist in Afghanistan gescheitert

Bundeswehrsoldaten 2013 in Kundus.

Berlin. Noch sind keine Entscheidungen gefallen. Aber die Entscheidungen, die fallen werden, liegen in der Luft. Die Nato-Truppen werden demnach nicht bis Ende April aus Afghanistan abziehen. Sie werden, das jedenfalls sieht der Entwurf eines neuen Bundeswehrmandats vor, bis Ende des Jahres am Hindukusch bleiben. Und selbst das könnte nicht das letzte Wort sein. Damit wird die Mission am Hindukusch mindestens 20 Jahre alt werden und doppelt so lange währen wie der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen. Nur: Ein realistisches Ziel ist nach wie vor nicht in Sicht.

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Als es 2001 infolge des Terrorangriffs auf das New Yorker World Trade Center losging, da war neben der Bekämpfung des Terrors von „nation building“ die Rede und von Demokratisierung. Kinder sollten in die Schulen gehen, und Frauen sollten selbstbestimmt leben dürfen. Der Enthusiasmus war beträchtlich in jener Zeit. Nicht wenige deutsche Soldaten, von denen 59 umkamen, waren mit Herzblut dabei. Leider hat sich manches als nicht durchsetzbar erwiesen.

Ziele mehrfach revidiert

Als die Taliban später erstarkten, schraubte der Westen das Ziel zurück. Die Regierung in Kabul und ihre schütteren Organe sollten für ihre Sicherheit selbst sorgen können, hieß es. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass sie lediglich Teile des Landes kontrollierten.

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Der ehemalige US-Präsident Donald Trump hat dann aus rein innenpolitischen Erwägungen und über den Kopf der afghanischen Regierung hinweg einen schmutzigen Deal mit den Taliban abgeschlossen. Er sah vor, dass der Westen aus Afghanistan abzieht und die Taliban mit der Regierung verhandeln. Dafür sollten die Gotteskrieger garantieren, dass vom Hindukusch kein Terror mehr exportiert wird. Tatsächlich forcieren die Taliban die inländische Gewalt, ein Abkommen mit der Regierung ist nicht in Sicht. Der Kampf um die Macht wird in Afghanistan wie stets in den letzten Jahrzehnten blutig ausgefochten.

Es ist daher zwar richtig, dass die Nato ihren Einsatz abermals verlängern will. Freilich dürfte dies zu neuen Bedrohungen für die westlichen Truppen führen; schließlich haben die Taliban etwas anderes erwartet. Ohnehin bleibt schleierhaft, was Ende des Jahres grundsätzlich anders sein soll als jetzt. Denn die Taliban haben, was die Nato-Partner nicht haben: Zeit, viel Zeit, und nichts zu verlieren.

Die Flüchtlingsströme geben jedenfalls ein beredtes Zeugnis des westlichen Scheiterns ab. Zuletzt haben jährlich etwa 100.000 Menschen das Land verlassen, davon knapp 10.000 in Richtung Deutschland. Auch wenn wir einige davon gegen ihren Willen nach Afghanistan abschieben: Dies übertüncht das Scheitern nicht.

Grenzen des Militärischen

Überhaupt führt nichts an dem Befund vorbei, dass westliche Militäreinsätze die jeweiligen Lagen zuletzt bisweilen nicht verbessert, sondern eher verschärft haben – so im Irak oder in Libyen. Das Konzept „nation building“ hat sich als Fata Morgana erwiesen. Selbst auf dem Balkan – wo der Westen eingreifen musste, um das Gemetzel der Volksgruppen zu stoppen – stehen immer noch Nato-Soldaten.

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Es gibt letztlich bloß zwei tragfähige Begründungen dafür, Streitkräfte an Krisenherde zu entsenden. Erstens: der Schutz bedrohter Volksgruppen und die Verhinderung weiterer unkalkulierbarer Eskalationen wie auf dem Balkan. Zweitens: der präventive eigene Schutz. Um den ging es in Afghanistan auch. Doch er hätte sich gewiss anders herstellen lassen.

Nein, tradierte Konflikte lassen sich nicht ohne Weiteres auflösen oder einhegen – und wenn, dann allenfalls mit einem tragfähigen Plan und den dazugehörenden Mitteln, diesen Plan in absehbarer Zeit umzusetzen. In Afghanistan mangelt es an beidem bis heute.

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