Der Wald braucht Hilfe: Was vom Waldgipfel gefordert wird

  • Der deutsche Wald steht vor dem Kollaps.
  • Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will beim "Nationalen Waldgipfel" Hilfemaßnahmen diskutieren.
  • Umweltorganisationen und Verbände fordern finanzielle Unterstützung und eine ökologische Waldwende.
Fabian Boerger
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Der Wald braucht nach zwei Dürresommern und Schädlingsplagen Hilfe. Naturschützer, Waldeigentümer, Förster und die Politik sind sich in diesem Punkt einig. Doch wie soll diese Hilfe aussehen? Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will sich am Mittwoch mit Wirtschaft und Verbänden zusammensetzen und bei einem "Nationalen Waldgipfel" über Hilfsmaßnahmen diskutieren. Unter anderem über die Frage: Wie kann man den Wald klimafreundlich umbauen, wie viel Geld ist nötig, wer bekommt es? Nun stellen Umweltorganisationen und Verbände ihre Forderungen.

Mehr zum Thema: Waldsterben in Deutschland - das sind die wahren Probleme

Schwerpunktthema des Gipfels werden unter anderem übergreifende Klima-Nothilfen für unter Dürren und Schädlingen leidende Forstflächen sein. Außerdem soll über die Unterstützung bei der Räumung von beschädigten Waldflächen und der Wiederaufforstung sowie weniger Steuern für Forstbetriebe diskutiert werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Der thüringische CDU-Spitzenkandidat und Landesvorsitzende Mike Mohring spricht sich dafür aus, Waldbesitzer mit staatlicher Förderung zur Aufforstung anzuregen. Der Waldgipfel „sollte sich für eine CO2-Bindungsprämie für Waldbesitzer aussprechen, schließlich ist der Wald ein natürlicher Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel“, sagte Mohring dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Für Waldbesitzer würde sich dann nachhaltiges Wirtschaften und Aufforstung mehr lohnen als heute, weil es neben dem Holzhandel eine zweite Säule der Vergütung gibt.“ Bedingung für die Auszahlung der Prämie müsse es sein, dass ein breites Spektrum von Baumarten angepflanzt und auf Monokulturen verzichtet werde. „Mir ist ‘Forest for Future’ wichtiger als ‘Fridays for Future’”, sagte Mohring.

Mit Blick auf die massive Kritik von Wissenschaftlern und Opposition am von der großen Koalition in Berlin in ihrem Klimapaket vereinbarten Einstiegspreis für den CO2-Zertikatehandel, sagte Mohring: “Statt sich mit der Zehn-Euro-Frage aufzuhalten, sollten wir lieber überlegen, wie man CO2 noch anders binden kann. Dafür gibt es beim Waldgipfel eine Chance.“

Anzeige

Zustand der Baumkronen verschlechtert sich deutschlandweit

Dass es deutschen Wäldern immer schlechter geht, verdeutlichen Zahlen der aktuellen Waldzustandserhebung. Demnach hat sich der Kronenzustand gegenüber dem Vorjahr bei allen Baumarten verschlechtert. Anhand der Belaubung der Krone wird der Zustand der Wälder eingeschätzt. Beim Durchschnitt aller Arten lag 2018 der Anteil der deutlichen Kronenverlichtung bei 29 Prozent. Das bedeutet, dass dort die Baumkronen zwischen 26 und 100 Prozent weniger Blätter tragen, im Vergleich zu gesunden Bäumen. Gegenüber 2017 ist dies ein Anstieg um 6 Prozentpunkte.

Anzeige

Einer der Gründe für das vorzeitige Abwerfen der Blätter sei laut Bericht die anhaltende Dürre in der Vegetationszeit 2018. Bei der Fichte begünstigte sie zudem die Massenvermehrung von Borkenkäfern. Das volle Ausmaß der Dürreschäden wird aber voraussichtlich erst in der kommenden Vegetationsperiode 2019 sichtbar werden. Der Waldzustandsbericht wird alljährlich vom Landwirtschaftsministerium (BMEL) erstellt.

Die Waldbesitzer fordern 2,3 Milliarden Euro Soforthilfen

„Wir fordern Soforthilfen in Höhe von rund 2,3 Milliarden Euro für die Räumung der Schäden", sagte Larissa Schulz-Trieglaff, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der privaten Waldeigentümer (AGDW), dem RN). Extremwetterereignisse wie Stürme, Dürre und Trockenheit hätten zuletzt zu schweren Schäden in den Wäldern geführt. 110.000 Hektar Wald seien nach Angaben des Verbands betroffen.

Das Geld solle dazu dienen, um die Schädlingsvermehrung einzudämmen und mit klimaneutralen Baumarten zerstörte Regionen wieder zu bewalden, sagt Schulz-Trieglaff. Eine zentrale Forderung der AGDW ist zudem eine CO2-Abgabe, die dem Wald und seiner Stabilisierung zugutekommt. „Schließlich leisten Wald und Holz einen Klimaschutzbeitrag von rund 127 Millionen Tonnen CO2 im Jahr.“

Auch der Bund Deutscher Forstleute (BDF) erhofft sich finanzielle Unterstützung zu Wiederaufforstung der zerstörten Wälder. Ziel müsse sein, artenreiche Mischbestände aufzubauen und die Weiterverbreitung des Borkenkäfers wirksam zu verhindern, sagt Jens Düring, Sprecher des BDF. Ein weiterer Punkt: Der geplante Waldumbau naturferner Nadelholz-Monokulturen hin zu vielfältigen Laubholz-Mischbeständen dauere zu lang. "Der bisherige Flächenfortschritt von circa 23.500 Hektar pro Jahr war angesichts der weiter zu erwartenden Klimaänderungen viel zu langsam", sagt Düring.

Anzeige

Der BDF kritisiert, dass die Forstwirtschaft in Deutschland personell und organisatorisch nicht mehr krisensicher aufgestellt sei. "Die zahlreichen Organisationsreformen und Rechtsformwechsel haben in den vergangenen 30 Jahren zu einem massiven Personalabbau von 60 Prozent geführt", sagte Düring dem RND. Im Jahr 2018 seien Fördermittel in Millionenhöhe aus der GAK, der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und Küstenschutz des BMEL, für den Wald nicht abgeflossen. Grund sei der Personalmangel bei Forstbehörden. "Dort stapeln sich die Anträge für Fördermittel, die dringend gebraucht werden."

Mehr zum Thema: Rettet den Wald! Denn der Wald rettet uns

Umweltorganisationen fordern ökologische Waldwende

In einer gemeinsamen Pressemitteilung forderten Umweltorganisationen wie der NABU, BUND, Greenpeace und der WWF eine ökologische Waldwende. Es gelte, konsequentere und wirksame Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen und gleichzeitig alles zu tun, um den Wald in seinen Funktionen als Kohlenstoff-Speicher, Lebensraum oder Trinkwasserproduzenten zu erhalten. Sie fordern unter anderem, ökologische Mindeststandards für eine schonendere Waldwirtschaft im Bundeswaldgesetz festzuschreiben.

Außerdem sollen mindestens zehn Prozent des öffentlichen Waldes seiner natürlichen Entwicklung überlassen werden - frei von forstlichen Eingriffen. Nur dann hätten Wälder in Deutschland eine Chance, den bereits jetzt häufiger auftretenden Klimaextremen zu trotzen, so die Umweltorganisationen.

Anzeige

Von Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner erwarten die Umweltorganisationen, sämtliche geplanten Investitionen auf ihren Beitrag zum Gemeinwohl und zum Schutz der Wälder zu prüfen. Öffentliche Gelder sollten nur dann fließen, wenn sie zur Stärkung des Waldökosystems beitragen. "Eine Subventionierung der Forstwirtschaft, die den Status quo erhält und auf eine Maximierung des Holzertrags hinwirkt, dürfe es nicht geben", heißt es von Seiten der Organisationen.

Dürre-Tanne und Borkenkäfer-Baum als Zeichen gegen die aktuelle Waldpolitik

Direkt vorm Verhandlungsort wollen mehr als 100 Forstbeschäftigte auf die Dringlichkeit konkreter Lösungen aufmerksam machen. Unter anderem ziehen sie mit einem Traktor eine von der Dürre beschädigte Tanne durch die Straßen, pflanzen symbolisch Laubbaum-Setzlinge auf das Berliner Polit-Pflaster und zeigen einen durch Borkenkäfer befallenen Baum.

Auch Ex-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat sich angekündigt. Deutschlands Forst-Gewerkschaft will mit der Aktion im Vorfeld des Gipfels ein deutliches Zeichen setzen: „Jahrzehnte sind private und staatliche Wälder als ‚Holzfabriken‘ genutzt worden. Das Forstpersonal war dabei ein Kostenfaktor, der im Laufe der Jahre immer radikaler zusammengestrichen wurde“, sagt Harald Schaum, Forst-Experte und Bundes-Vize der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Dies räche sich nun: Denn mit dem Klimawandel treffe den Wald jetzt auch noch ein fataler Mix aus Dürre, Schädlingsbefall, Stürmen und Bränden.