Der unverdrossene Herr Laschet

  • Zwischen den Parteizentralen wird längst hektisch telefoniert, um mögliche Koalitionen zu sondieren.
  • Derweil gerät Unionskandidat und Wahlverlierer Armin Laschet unter Druck.
  • Sollte er das Feld räumen und eine Koalition der Wahlgewinner aus SPD, Grünen und FDP geschehen lassen?
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

nach der Wahl beginnt das Telefonieren. Das gilt nach diesem Sonntag ganz besonders. Es gibt schließlich viel zu besprechen. Da das Wahlergebnis nahelegt, eine im Bund seit Jahrzehnten nicht erprobte Dreierkonstellation zum Regierungsbündnis zu schmieden, müssen die Parteien nun verhandeln, wer mit wem was durchsetzen kann. So machte FDP-Chef Christian Lindner am Montag deutlich, er habe bereits mit Robert Habeck (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) gesprochen. Die Grünen werden ebenfalls ihre Fühler zu Union und SPD ausgestreckt haben. Und Laschet und Scholz bezirzen seit gestern Abend in jedem Statement Grüne und Liberale so liebevoll, als könnten sie sich nichts Schöneres als ein Bündnis mit ihnen vorstellen.

Das hat einen guten Grund: Nicht die erstplatzierte SPD und auch nicht die zweitplatzierte Union entscheiden über den nächsten Kanzler, sondern die kleineren möglichen Koalitionspartner FDP und Grüne. Das Besondere: Beide stammen aus unterschiedlichen Lagern, müssen sich aber auf einen gemeinsamen Kanzler einigen, wenn sie regieren wollen. Lindner hat für seine ersten Telefonate mit den Grünen zur Bildung einer kleinen Vorabkoalition eigens ein neues Wort erfunden: „Vorsondierungen“.

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Merkel unterm Weihnachtsbaum?

Das macht vor allem klar, dass die Regierungsbildung eine langwierige Sache werden könnte. Denn nach den Vorsondierungen kommen bekanntlich die Sondierungen und dann erst die Koalitionsverhandlungen. Es würde also kaum wundern, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel auch in diesem Winter noch ihre 17. Weihnachtsansprache ans Volk halten würde.

Auch wenn Armin Laschet unverdrossen an der Zahlenarithmetik festhält und am Montag erneut angekündigt hat, nun ein Jamaika-Bündnis schmieden zu wollen, hat er zumindest im ersten Zugriffsrecht wenig gute Argumente. Zu schlecht sind seine persönlichen Beliebtheitswerte, zu unbeliebt ist er in seinen Reihen – und zu massiv waren die Stimmenverluste.

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„Laschet wird Machtanspruch nicht aufrechterhalten können“: Analyse am Tag nach der Wahl
6:08 min
Die SPD hat die Bundestagswahl gewonnen, dicht gefolgt von der CDU. Eva Quadbeck, stellvertretende RND-Chefredakteurin, über die bevorstehende Regierungsbildung.  © RND

RND-Vizechefin Eva Quadbeck hat in ihrer Analyse genau aufgeschrieben, warum es SPD-Kandidat Olaf Scholz zusteht, sich als Erstes an einer Regierungsbildung zu versuchen. „Guter demokratischer Brauch ist es eigentlich, dass die unterlegene Partei ihre Niederlage einräumt und den Siegern das Feld überlässt – auch wenn der Vorsprung nur dünn ist.“

RND-Chefautor Matthias Koch sieht das etwas anders. In seiner Replik beschreibt er, wie ein Scheitern der Ampelverhandlungen am Ende für FDP und Grüne von Vorteil sein könnte – und die Union zum Retter würde. „Die Union würde sich dann in der Rolle des staatspolitischen Pannendienstes wiederfinden, der keine Fragen stellt, sondern einfach mit anschiebt. CDU und CSU werden billig zu haben sein, immerhin kriegen sie das Kanzleramt.“

So oder so: Es wird spannend. Und nicht einfach.

Zitat des Tages

Was ich gestern Abend aus dem Adenauer-Haus gehört habe, dass man einen Regierungsauftrag hat, erschließt sich mir nicht.

Michael Kretschmer, Sachsens Ministerpräsident (CDU)

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