Der Traum vom guten starken Mann – Fehlt der Welt ein neuer Willy Brandt?

  • Nicht nur Rechte, auch viele Linke wünschen sich einen starken Mann.
  • Einen, der allein durch seine wundersame Überzeugungskraft alles neu ordnet, am besten gleich die ganze Welt.
  • Doch in Wirklichkeit haben Heilserwartungen wie diese etwas Unreifes, fast Kindisches.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Vor 50 Jahren geschah im Deutschen Bundestag etwas Sensationelles. Etwas, das heute, inmitten der tiefen Krise der SPD, sogar noch einen Tick sensationeller erscheint als damals. Die Abgeordneten des Hohen Hauses wählten am 21. Oktober 1969 einen Sozialdemokraten zum Bundeskanzler – es war eine Premiere auf den damals noch in Bonn befindlichen Bühnen der jungen Bundesrepublik.

Ach ja, seufzen Sozis heute. Willy Brandt. Der war natürlich eine Klasse für sich.

Typen wie Brandt, sagen auch CDU-Leute, gebe es ja inzwischen leider nicht mehr. Typen, an denen man sich reiben kann. Weder in der SPD noch sonst irgendwo. Leute mit so viel Energie. Mit so viel Ausstrahlung. Mit so viel Willen zur Veränderung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Brandt ging es um das große Ganze

Brandt hatte Charisma. Er gehörte zu jenen, die es im Saal schon knistern ließen, bevor sie auch nur das erste Wort sagten. Und wenn er dann ans Pult trat, verließen seine Botschaften schon bald die Dimension des bloß Sprachlichen und gingen vibrierend über in etwas Emotionales, etwas Bewegendes. Ob es um die Ausbildungsförderung für Kinder aus einfachen Verhältnissen ging, um eine neue Ostpolitik oder um ein neues Verhältnis zu den Entwicklungsländern: Nie hielt Brandt sich auf mit bloßer Faktenhuberei oder allein mit dem heute oder morgen kurzfristig Erreichbaren.

Er markierte Ziele, die ruhig ein bisschen weiter entfernt liegen durften. Es ging ihm ums große Ganze, eine neue Moral in Deutschland, einen neuen Zusammenhalt und eine neue Zuversicht, nicht zuletzt für die Schwachen im Lande.

Anzeige

Im Schaffen von historischen Szenen und im Erspüren von historischen Gelegenheiten bewies dieser Kanzler mehr Talent als alle Vorgänger und Nachfolger. Unvergessen ist sein Kniefall im Warschauer Getto, über den er später sagte: „Ich hatte nichts geplant. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Ehrfürchtig notierte Peter Glotz, ein langjähriger Weggefährte und Berater Brandts: „Wenn das Charisma durchbrach, ging er schlafwandlerisch auf dem Dachfirst. Niemand von uns erreichte ihn dann. Aber er ist nie vom Dach gefallen.“

Anzeige

Fehlt der Welt ein neuer Willy Brandt?

Charisma. Schon Max Weber, der 1920 gestorbene Soziologe, erkannte den Wert dieser „übernatürlichen oder mindestens außeralltäglichen“ Begabung. Menschen, die damit ausgestattet seien, schrieb er, würden als besonders vorbildlich empfunden oder gar als von Gott gesandt – und deswegen prompt „als Führer gewertet“.

Der gute starke Mann: Ist es das, was der Welt heute fehlt? Ein neuer Willy Brandt, ein neuer John F. Kennedy, ein neuer Nelson Mandela? Eine Art Wunderheiler, der auf die Weltbühne tritt und sich den vielen bösen Männern entgegenstellt, die rund um den Globus gerade so viel Schaden anrichten?

Auf den ersten Blick spricht manches dafür. Weltweit wird derzeit debattiert, ob nicht ein schwungvoller Populismus von links den rechten Populismus noch am ehesten beiseite fegen könnte. So entfernen sich derzeit auch die oppositionellen US-Demokraten von der Mitte und nehmen von links her einen neuen Anlauf gegen Donald Trump. Eine „progressive Mobilisierung“ soll jetzt die Wende bringen.

Doch wohin führen am Ende die dabei absehbaren Aufschaukelungen des Emotionalen? Liegt nicht in jedem sich vor allem aufs Emotionale stützenden Führungsanspruch immer auch etwas Zweischneidiges, gar Gefährliches? Bei näherem Hinsehen entfaltet sich eine verblüffend lange Liste von Risiken und Nebenwirkungen für alle Beteiligten, nicht zuletzt für den Politiker selbst. Mit jeder Steigerung seines Pathos steigert er zugleich die eigene Absturzhöhe für den Fall des Scheiterns.

Anzeige

Die Bürger müssen aktiv werden

Vor allem aber muss das Publikum auf sich selbst aufpassen. Es mag sich anfangs fähnchenschwenkend begeistern für die Art und Weise, wie ein Politiker etwas sagt, wie er durch Gesten etwas unterstreicht, welches schöne Gemeinschaftsgefühl er stiftet. Irgendwann aber fällt der Blick doch wieder auf die Realitäten. Dann werden aus Fans Frustrierte. Und den Schaden hat das System als Ganzes. Das Vertrauen in die Demokratie lässt nach, wenn in jedem Wahlkampf immer wieder so getan wird, als könnten Einzelne kraft ihrer besonderen Begabungen Wunder wirken.

Helfen würde eine gesunde Skepsis. Doch wenn Wahlen anstehen, neigen Menschen auch in den modernsten Demokratien der Welt alle Jahre wieder dazu, verklärt zu dem einen oder anderen Spitzenpolitiker aufzublicken, als betrete nun ein Sinnstifter die Bühne. Hören wir doch auf mit solchen Übersteigerungen. Natürlich muss für ein hohes Amt jemand gefunden werden, der gute Absichten hat, ein gutes Herz, einen guten Charakter. Zugleich aber muss man Erwartungen dämpfen, die in Richtung einer Erlösung von allem Übel gehen.

Machen wir doch mal den Rücken gerade. Die Bürger selbst haben mehr und die Politiker haben weniger Einfluss auf die Zukunft des Landes, als immer gesagt wird.

Nichts könnte den Populismus besser bremsen als ein erwachsenes, stets differenzierendes und selbstbewusstes Herangehen der Bürger an die Politik. Dazu passt keine übertriebene Hingabe an irgendeinen Kandidaten oder irgendeine Partei. Dazu passt auch nicht das begeisterte Sich-führen-Lassen großer Massen durch einen, der irgendwie auserwählt erscheint. Und dazu passt es auch nicht, die Politik mit immer neuen Entertainment-Erwartungen zu befrachten.

Anzeige

Blinde Gefolgschaft ablegen

Politiker müssen nicht ständig etwas Neues, Unterhaltsames von sich geben. Sie müssen auch keine Prediger sein, die wie Seher in der Antike auftreten, umwölkt von angeblich besonderen Einsichten in das noch Kommende. Wo immer solche als charismatisch empfundenen Auftritte bejubelt werden, deuten sie weniger auf die Kraft der Redner hin als auf die mitunter geradezu kindische Schwäche und Orientierungslosigkeit des Publikums.

Als Barack Obama, damals noch Senator aus Illinois, im Sommer 2008 an der Berliner Siegessäule einfach nur darlegte, wie in der heutigen Welt alles mit allem zusammenhängt, bekamen seine Fans schon Gänsehaut. 200.000 Deutsche waren ihm in Berlin auf den Fersen wie Pilger. „Während wir hier reden, schmelzen Autos in Boston und Fabriken in Peking die Polkappen ab“, sagte Obama, den Kopf leicht zu Seite gedreht, den Blick auf unendlich gestellt. Und: „Die Mohnblumen in Afghanistan werden zum Heroin in Berlin.“ Applaus. Nachdenkliche Blicke. Toll, wie der Mann Verbindungslinien zieht, rund um den Globus.

Heute wissen wir: Nichts wird dadurch besser, dass ein Politiker seine guten Absichten beschreibt. Misst man Obama an den von ihm hinterlassenen weltpolitischen Realitäten, sieht es trübe aus. Nichts wurde besser in Syrien, nichts in Afghanistan, nichts beim weltweiten Kohlendioxidausstoß. Und weil Obama, typisch für Charismatiker, im eigenen Land viele Frustrierte hinterließ, war innenpolitisch der Boden bereitet für Donald Trump.

Die Welt braucht Teamplayer

Der Welt fehlt es nicht an starken, sondern an kooperationsbereiten Männern. Eine Riege leiser Normalos in wichtigen Regierungsposten könnte auf simple Art die ganze Welt verändern – wenn sich nur alle an die gemeinsamen Regeln halten würden.

In diesem Punkt waren sich zwei norddeutsche Pathosverweigerer übrigens immer einig: Helmut Schmidt und Angela Merkel, protestantische Pflichtmenschen, die Politik stets als Dienst an der Gemeinschaft definierten. Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, hat Schmidt einmal gesagt – in unverkennbarer Abkehr von „Willy Wolke“. Merkel erwähnte diese Äußerung im November 2015 in ihrer Trauerrede für Schmidt – und ließ dann eine Bemerkung folgen, die auch auf ihre eigene Kanzlerschaft passen würde: „Zu nüchternem Pragmatismus gesellte sich Resistenz gegenüber ideologischer Einengung.“ Es waren Worte, die kühl widerhallten von den Wänden der Hamburger Michaeliskirche.

Aber sie deuteten auf brauchbare Grundsätze für Politik im 21. Jahrhundert.