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Wahlsiegerin im Saarland

Der große Wurf der Anke Rehlinger

Anke Rehlinger.

Berlin. Anke Rehlinger kennt das Gefühl aus dem Sport. Ganz oben sein. Jugendrekord im Diskuswurf, Landesrekord im Kugelstoßen. Das ist viele Jahre her, aber von ihrer Einstellung als Leichtathletin hat die Sozialdemokratin in der Politik profitiert. Die 45-Jährige sagt: „Man trainiert gemeinsam und hält zusammen.“ Aber: „Am Startblock steht man allein.“ Und das bedeutet dies: „Entweder liefere ich oder nicht.“ Am Sonntag hat sie geliefert.

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Die bisherige Vizeministerpräsidentin hat die Landtagswahl im Saarland so deutlich gewonnen, dass manche nach den ersten Hochrechnungen schon auf eine Alleinregierung hoffen. Der Jubel bei den SPD-Wahlpartys ist jedenfalls riesengroß. Rehlinger tritt schnell vor die Kameras. Sie spricht von einem „Ergebnis harter Arbeit“. SPD-Chef Lars Klingbeil formuliert es in Berlin genauso.

Anke Rehlinger

Anke Rehlinger

Diese Wahl ist der erste Stimmungstest nach der Bundestagswahl. Auch wenn es das kleinste Flächenland ist, wird mit dem Machtwechsel nach 23 Jahren CDU-geführter Landesregierung auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gestärkt. Die Welt ist in der Krise, Deutschland hat mit schwerwiegenden Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, des Klimawandels und der Corona-Pandemie zu kämpfen. Je mehr eigene Ministerpräsidentinnen und -präsidenten die Sozialdemokratie hat, desto leichter tut sich Scholz’ Ampelkoalition im Bundesrat.

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Das Saarland ist der Auftakt in diesem Jahr und soll nun die sozialdemokratischen Wahlkämpfer in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen beflügeln, ihre Wahlen im Mai zu gewinnen und die CDU-Ministerpräsidenten abzulösen, und im Oktober SPD-Regierungschef Stephan Weil in Niedersachsen klar im Amt zu halten. Die SPD träumt von einer sich rot färbenden politischen Landkarte.

Die Kampfeslust der Sportsfreundin

Die Rechtsanwältin Rehlinger, die seit 2004 im Landtag ist, gilt dafür jetzt als Hoffnungsträgerin. Sie ist in der Partei eine der beliebtesten Genossinnen. Beim Bundesparteitag im vorigen Dezember erreichte sie bei der Wahl der fünf stellvertretenden Vorsitzenden mit 90,7 Prozent der Stimmen das beste Ergebnis. Rehlinger überzeugte mit einer vor Motivation und Kampfeslust sprühenden Rede, die wiederum eine Folge des überraschenden Wahlsiegs der SPD bei der Bundestagswahl im Herbst 2021 war.

Rehlinger betont aber gern, dass sie sich bereits 2019 zur stellvertretenden Vorsitzenden habe wählen lassen – und damals habe die SPD in Umfragen noch recht desaströs unter 20 Prozent gelegen. Und damals war Rehlinger auch nur mit 74,8 Prozent in das Amt gewählt worden. Sie hat das Beste daraus gemacht und ihr Bestes gegeben. Eine Einzelkämpferin sei sie, sagen CDU-Anhänger im Saarland mit Respekt.

2017 war Rehlinger erstmals als SPD-Spitzenkandidatin im Saarland angetreten, aber nur Zweite geworden. CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte gedroht, entweder bleibe sie im Amt oder sie steige aus der Landespolitik aus. Vor fünf Jahren hatte das die Wählerinnen und Wähler an der Saar so beeindruckt, dass sie die Christdemokratin mit mehr als 40 Prozent ausstatteten.

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Breit aufgestellt, bestens vernetzt

Seither hat sich Rehlingers weitere Karriere aber sehr ähnlich wie die von Kramp-Karrenbauer entwickelt. Wie AKK vor ihrem Sprung in die Staatskanzlei hat Rehlinger als Ministerin so viele Ressorts zu verantworten, dass sie breit aufgestellt und weit vernetzt ist im Saarland. Anfangs war sie Justiz- und Umweltministerin, später Wirtschafts-, Arbeits-, Energie- und Verkehrsministerin und seit 2014 auch Vizeministerpräsidentin.

Das Saarland ist so klein, dass Rehlinger viele Menschen, Gewerkschafter, Unternehmenschefs sowie Funktionäre und Beschäftigte in der Industrie persönlich kennt. Die Sozialdemokratin gilt als Kümmerin, als Sportsfreundin. Mit vielen ist sie per Du. Sie lacht gern und laut, wirkt wie ein guter Kumpel und hat sich mit Freude und Energie in all die Termine gestürzt, die Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) ihr überlassen hat.

Tobias Hans.

Tobias Hans.

Im Landeswirtschaftsministerium haben sie sich immer wieder gewundert, dass der CDU-Mann zu Rehlingers Gunsten auch auf Auftritte verzichtete, die er gut selbst hätte wahrnehmen und sich damit profilieren können. Ob das Bequemlichkeit oder Unbedachtheit des Regierungschefs war, spielte für die Sozialdemokraten keine Rolle, sie freuten sich nur. Nach Analysen vom Sonntagabend war für den Wahlsieg die Kandidatin und weniger das Programm entscheidend.

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Vor der Landtagswahl hatte Rehlinger keinen Hehl aus ihrer Sympathie für die Fortsetzung einer großen Koalition gemacht – unter ihrer Führung. Am 27. März 2022 hat sie die CDU und Tobias deklassiert. Welche Regierung jetzt an der Saar gebildet wird, ist vorerst noch offen. Rehlingers Ansage noch am Abend lautet aber, sie werde „sehr schnell“ eine Regierung bilden, und zwar stabile.

Der letzte eigene Wahlsieg der SPD im Saarland liegt schon sehr weit zurück. Seit 1994 haben die Sozialdemokraten keine Landtagswahl mehr gewonnen: Der Sieger hieß damals Oskar Lafontaine. Er gehört der SPD schon lange nicht mehr an. Rehlinger ist nun ihr neuer Star an der Saar.

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