Regenbogen entzweien die Türkei

  • Auch Kinder in der Türkei malen Regenbögen, um in der Corona-Krise Hoffnung zu verbreiten.
  • Doch ist der Regenbogen auch Symbol der Toleranz gegenüber Homo- und Transsexuellen.
  • Islamische Eiferer sehen einen “Komplott” und schüren Schwulen- und Lesbenhass – Präsident Erdogan mischt kräftig mit.
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Athen. Angefangen hat es in Italien und Spanien: Kinder malten Regenbogen, klebten die Zeichnungen in die Fenster, hängten sie an die Gartenzäune, oder teilten sie in sozialen Netzwerken. Die Bilder sollten in der Corona-Krise Zuversicht verbreiten. Inzwischen hat die Bewegung auch die Türkei erreicht. Das Istanbuler Museum für moderne Kunst, Istanbul Modern, rief Kinder dazu auf, Regenbögen zu zeichnen. Aber in der Türkei stiften die Kinderzeichnungen nicht Hoffnung, sondern sie polarisieren. Lokale Schulbehörden haben Lehrerinnen und Lehrer ermahnt, das Zeichnen von Regenbogen zu unterbinden, berichtete jetzt die Lehrergewerkschaft Egitim-Sen. Begründung: Die Aktion sei Teil eines “Komplotts”, Kinder zu Schwulen und Lesben “umzupolen”. Schließlich ist die Regenbogenfahne ein Symbol der Toleranz gegenüber Homosexuellen.

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Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind zwar in der Türkei nicht verboten. Homosexuelle werden aber gesellschaftlich häufig ausgegrenzt und immer wieder Opfer von Übergriffen, nicht selten auch Gewaltverbrechen. Konservativ-islamistische Kreise schüren gezielt Vorurteile gegenüber Schwulen, Lesben und Transsexuellen. Vergangenes Jahr ließen die Behörden, wie schon in den vier Jahren zuvor, eine geplante Gay-Pride-Parade in Istanbul wegen “Gefahren für die Volksgesundheit” verbieten, die Polizei setzte Tränengas und Gummiknüppel gegen die Teilnehmer ein.

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Chronologie des Coronavirus
2:33 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © Gerd Höhler/RND

Ausufernde Feindseligkeiten

Die Corona-Pandemie sorgt jetzt für neue Feindseligkeiten. Der Chef der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, hatte Ende April in einer Predigt zum Beginn des Fastenmonats Ramadan Homosexualität “verflucht”. Sie löse Infektionskrankheiten aus und führe zum “Verfall”. Erbas erwähnte zwar in seiner Predigt nicht ausdrücklich die Corona-Pandemie, wurde aber weithin so verstanden, als wolle er Homosexuelle für die Ausbreitung des Virus verantwortlich machen. Die Predigt löste in großen Teilen der türkischen Zivilgesellschaft Empörung aus.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte die “hasserfüllten Äußerungen” des Diyanet-Chefs “extrem besorgniserregend”. Die Anwaltskammer von Ankara erstattete sogar Anzeige gegen Erbas wegen “Volksverhetzung”. Die Regierung drehte den Spieß um und reagierte mit einem Ermittlungsverfahren gegen die Anwaltskammer wegen “Verletzung der religiösen Gefühle des Volkes”. Staatschef Recep Tayyip Erdogan, dem die Religionsbehörde direkt unterstellt ist, nahm den Diyanet-Chef in Schutz: Was Erbas gesagt habe, sei “von vorn bis hinten korrekt”. Jeder Angriff auf die Religionsbehörde sei ein “Angriff auf den Staat”, warnte Erdogan. Das klingt nach einem Terrorismusvorwurf. Für die Anwaltskammer könnte die Kontroverse massive Folgen haben, nicht nur wegen der eingeleiteten Ermittlungen. Erdogan kündigte bereits eine Gesetzesänderung an. Sie hat zum Ziel, die schon öfters unbequeme Anwaltskammer stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen.

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