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Der Puma-Panzer: Wie aus einem Vorzeigeprojekt ein Problemfall wurde

  • Nach jahrelangem Warten bekommt die Bundeswehr ihren neuen Schützenpanzer Puma – allerdings sind die Kosten gestiegen und es gibt technische Probleme.
  • Es ist ein fast klassischer Ablauf bei Rüstungsprojekten – die Ursache liegt in Vertragsbedingungen und Abhängigkeiten.
  • Eigentlich will die Bundeswehr weitere Puma kaufen – dafür gibt es jetzt neue Bedingungen.
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Berlin. An manchen Stellen hat es der Puma schon ganz nach vorn geschafft. Auf der Bundeswehr-Broschüre “Waffensysteme und Großgeräte” etwa, einer Papierparade von Kettenfahrzeugen, Kampfflugzeugen, U-Booten und olivgrünen Lkws auf 200 Seiten. Der Panzer mit dem genreüblichen Wildkatzennamen rollt dort auf der Titelseite fotogen durch den Matsch.

Auf der Website der Bundeswehr wird geschwärmt: “Den Puma zeichnen vor allem Beweglichkeit, Feuerkraft und der Schutz seiner Besatzung aus.” Offiziere schwärmen von einem “Quantensprung”.

Derzeit zeichnet den Puma vor allem etwas anderes aus: das Etikett Problempanzer.

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Etwas mehr als 330 der Neukonstruktionen sind mittlerweile an die Bundeswehr ausgeliefert. Aber statt zu frohlocken, ist der oberste Soldat der Bundeswehr, Generalinspekteur Eberhard Zorn, grob geworden.

“Unbefriedigende Einsatzbereitschaft”

Im Einsatzbereitschaftsbericht, den Zorn Anfang Juni vorlegte, wird der Puma als “Negativbeispiel” für die Auslieferungsqualität der Industrie beschrieben. Er verlange “zum Ende des Jahres einen wahrnehmbaren Anstieg der materiellen Einsatzbereitschaft”, schreibt Zorn. Heeresinspekteur Alfons Mais beschwert sich ein paar Seiten weiter, beim Puma gebe es “unverändert eine unbefriedigende Einsatzbereitschaft”.

Mit anderen Worten: Der Puma steht herum, aber er fährt nicht. Oder zumindest nicht zuverlässig.

Es ist kein gutes Zeugnis für ein Produkt, erst recht nicht, wenn von der Idee bis zur Auslieferung aller Modelle fast 20 Jahre vergangen sind. 2002 gab es den ersten Projektvertrag, damals war der inzwischen verstorbene SPD-Politiker Peter Struck Verteidigungsminister und der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan hatte gerade begonnen. Der Schützenpanzer Marder galt als veraltet, das neue Projekt sollte genauer treffen und den Soldaten besseren Schutz bieten. Es bekam den Namen eines etwas größeren Raubtiers.

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Drei Jahre später, zum 50. Geburtstag der Bundeswehr, freute sich der Lobbyverband Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik, die Entwicklungsleistungen seien erbracht und die Rüstungsindustrie habe gezeigt, “dass absolute Spitzenprodukte auch in bisher ungewohnt kurzer Zeit erfolgreich durchgeführt werden können”. Bis der Haushaltsausschuss des Bundestags den Kauf der neuen Panzer absegnete, vergingen weitere vier Jahre.

Die Marder, mittlerweile über 40 Jahre alt, fahren immer noch. Die Pumas noch nicht wirklich.

Es ist eine fast unendliche Geschichte. Und es ist auch eine, die nicht untypisch ist für Rüstungsprojekte der Bundeswehr.

Verspätung, Mehrkosten, Rostansatz

Da ist das Transportflugzeug A400M, ein Ungetüm, in das zwei Hubschrauber passen – oder auch ein Puma. Bei dem Flieger gab es Probleme bei der Entwicklung, Mehrkosten, technische Schwierigkeiten. Rund elf Jahre Verspätung verzeichnet das Ministerium.

Auch die Auslieferung des Transporthubschraubers NH90 verzögerte sich um Jahre. Der Helikopter war dann alles andere als alltagstauglich. Immer wieder gab es Probleme – unter anderem wird Rostansatz bemängelt.

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Die Fregatte F125 kam vergangenen Sommer mit fünf Jahren Verzögerung. Der jüngste Rüstungsbericht bemängelt “nicht hergestellte Versorgungsreife, das heißt dauerhaft eingeschränkte logistische Betreibbarkeit”. Es fehlt wohl unter anderem an Munition.

Jahrelange Verspätungen gab es auch beim Kampfflugzeug Eurofighter, bei dem zwischendurch schon mal auffiel, dass Bohrungen nicht richtig entgratet, also abgeschliffen wurden.

Wenn der Rüstungsbericht nun vermerkt, einer der neuen Regierungsflieger, die wegen der häufigen Pannen bestellt wurden, verzögere sich wegen der Corona-Krise um zwei Monate, ist das dagegen geradezu superpünktlich.

Neue Strategie des Ministeriums

NH90 und A400M wurden zu Kürzeln, die im Ministerium, im Parlament und auch bei der Truppe spöttisches, allerdings auch hilflos wirkendes Grinsen auslösten.

52 Monate Verspätung im Durchschnitt listet der aktuelle Rüstungsbericht auf.

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Das hat seinen Preis: 12,8 Milliarden Euro mehr als zu Projektbeginn müssen insgesamt veranschlagt werden, rechnet das Ministerium. Der größte Teil der Kostensteigerung – fast zwei Drittel – ist vorhersehbar und sogar vertraglich vereinbart, als Inflationsausgleich. Immerhin noch 19 Prozent Mehrkosten gehen auf später eingereichte Sonderwünsche der Bundeswehr. Über ein weiteres Fünftel der Mehrkosten aber, also über 2 Milliarden Euro, schweigt sich der Bericht aus.

Der Ton, den das Ministerium gegenüber der Industrie anschlägt, hat sich seit einigen Jahren geändert. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stellte alle Rüstungsprojekte auf den Prüfstand und räumte als erste Amtschefin erstmals offensiv Probleme ein, unter anderem in der Vertragsgestaltung. Beim A400M pochte sie auf Schadenersatz bei der Industrie.

Bei ihrer Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer setzt sich das fort. Sie verweigert die Abnahme von Maschinen, statt quasi auf dem Kasernenhof direkt mit der Reparatur zu beginnen. Im November verwies die Bundeswehr zwei lang erwartete A400M zurück an die Herstellerfirma Airbus – unter anderem wegen lockerer Schrauben an den Propellern.

Wenig später mussten auch neue Transporthubschrauber des Modells CH90 am Boden bleiben. Die Dokumentation, also die Bedienungsanleitung, sei unvollständig, bemängelte das Ministerium.

Es ist auch der Versuch, den Ruf der Bundeswehr zu verbessern. Flugzeuge, die nicht fliegen und Panzer, die nicht fahren, haben dazu beigetragen, dass die Truppe als Pannenveranstaltung wahrgenommen wird. Nun weist der Finger aus dem Ministerium auf die Rüstungsunternehmen.

Kostenfaktor “Goldrandlösung”

Zum Beispiel nach Düsseldorf, zur Rheinmetall, und nach München, zu KraussMaffei. Die beiden Konzerne produzieren zusammen den Puma. Bei dem wurden aus ursprünglich genehmigten 3,1 Milliarden Euro für 450 Panzer nun rund 6 Milliarden Euro für 350 Panzer. Aus Spargründen hatte die Bundeswehr ihre Bestellung vor ein paar Jahren reduziert

Rheinmetall sieht den Grund für den Kostenanstieg nicht bei sich: “Es sind Faktoren hinzugekommen, die der Ursprungspreis nicht abgebildet hat”, sagt Konzernsprecher Oliver Hoffmann dem RND. Den vereinbarten Ausgleich der Inflationsrate, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, Extrawünsche nennt er. Und ein weiteres: Die nötigen Ersatzteile seien nicht eingepreist gewesen.

Tatsächlich verkündet der Einsatzbereitschaftsbericht stolz, man habe jetzt mal 44 Sonderwerkzeugsätze bestellt.

Die Kosten würden vom Ministerium von vorneherein zu niedrig angesetzt, kritisieren von jeher Linkspartei und Grüne.

“Es gibt kaum Rüstungsprojekte, bei denen es keine Schwierigkeiten gibt”, sagt ein ehemaliges Regierungsmitglied. Er sieht eine geteilte Verantwortung für die Probleme: Detailverliebte Ingenieure in den Firmen stießen auf Militärs, die sich immer noch ein bisschen mehr vorstellen könnten. Die “Goldrandlösung”, so heißt das in der Bundeswehr. “Über die Frage, ob der NH90 mit einer Außen- oder einer Innenwinde versehen wird, hat es fast einen Gelehrtenstreit gegeben”, spottet der Mann.

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Ausbildung von Corona-Spürhunden
1:45 min
Die ersten Corona-Schnüffelhunde werden heute in der Bundeswehr-Kaserne in Ulmen vorgeführt.  © Reuters

Dazu komme aber noch etwas anderes: Die Bundeswehr sei für die Industrie ein bequemer Partner, sagt das Ex-Regierungsmitglied. “Das ist ein geduldiger Auftraggeber.” Die Unternehmen setzten sie gerne als Puffer ein, für auftragsärmere Zeiten. “Andere Produkte werden vorrangig ausgeliefert”, beschwert sich ein Ministeriumsmitarbeiter. Der Puma sei zwar großartig, aber eben auch teuer.

“Ein hochleistungsfähiges Vorzeigeprojekt”, versichert Rheinmetall-Mann Hoffmann. “Wir registrieren Stolz bei den Soldaten, die ihn nutzen, und großes Interesse auch bei Streitkräften unserer Partnerländer.”

Es ist durchaus vorstellbar, dass 1088 PS technisches Interesse wecken, genauso wie der Superlativ des schwersten Schützenpanzers und der Turmaufbau mit einer “vollstabilisierten 30-mm-Maschinenkanone, die auch aus der Fahrt Ziele präzise in einer Entfernung von bis zu 3000 Metern trifft”, von dem die Waffensystembroschüre der Bundeswehr schwärmt.

Aber außer an die Bundeswehr ist der Puma bislang nicht verkauft worden. Die Niederlande waren interessiert, haben sich aber gegen ihn entschieden. Es klingt eher nach einer Spezialanfertigung als nach einem Serienprodukt.

Bei dem ist mittlerweile einiges geändert worden.

Gewicht und überholte Technik

Mängellisten mit zum Teil über 1000 Posten sind abgearbeitet worden. Irgendwann fiel auf, dass er zu schwer war für den Transport im A400M.

Er kann nun auseinandergebaut und in zwei Chargen geflogen werden: In Einsätzen muss auf den Basispanzer dann erst mal der Spezialschutz wieder drangeschraubt werden. Wie praktisch das ist, ist die Frage.

Wegen einer neuen Arbeitsstättenverordnung, die den Schutz Schwangerer verbesserte und nicht nur für Büros, sondern auch für Panzer galt, mussten Kohlenmonoxid- und -dioxid-Sensoren eingebaut werden.

Schwarz-Weiß-Monitore wurden durch Flachbildschirme ersetzt, die während der langen Panzerentwicklungsphase zum Standard geworden waren.

Weil der Innenraum niedriger ist als der des Marders, gibt es eine Größenbeschränkung für Panzergrenadiere auf 1,84 Meter.

Demnächst steht eine Entscheidung an.

Darüber, ob die Bundeswehr 210 weitere Pumas kaufen soll, das sogenannte zweite Los. Dies stehe “weiter unter Vorbehalt”, hat Generalinspekteur Zorn sehr forsch verkündet. Die 40 Pumas, die die Bundeswehr im Jahr 2023 für die Schnelle Eingreiftruppe der Nato (VJTF) zur Verfügung stellen möchte, müssten die Einsatzprüfung bestehen. Diese Entscheidung steht in den nächsten Wochen an.

Für die übrigen Pumas müsse sich die Einsatzbereitschaft “signifikant” erhöhen, fordert Zorn.

Schriftlich ist nun von Ministerium und Industrie festgehalten, dass die Bereitschaftsquote bis Ende des Jahres von 30 auf 50 Prozent gesteigert werden solle. Bei der Hälfte der Pumas soll dann also nur noch ein leerer Tank das Losfahren verhindern.

50 Prozent kann man viel finden. Oder auch nicht.

Ob Zorns Ansage tatsächlich eine Drohung ist, ist die Frage.

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