Der Pistolenmoment in Pennsylvania

  • Unser Korrespondent Karl Doemens war in Scranton, Pennsylvania, unterwegs, im sogenannten Rostgürtel der USA.
  • Trump-Wähler und Biden-Anhänger begegnen einander hier noch ein bisschen unversöhnlicher als anderswo.
  • Und wer sich hier als Journalist mit eingefleischten Fans des Präsidenten zusammensetzt, bekommt im Lauf des Gesprächs auch schon mal eine Waffe zu sehen.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

spannend waren Wahlen in den USA schon immer, diesmal aber knistert geradezu die Luft.

Unser USA-Korrespondent Karl Doemens hat sich jetzt in Pennsylvania umgesehen, dem im Augenblick am härtesten umkämpften Bundesstaat.

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Im Jahr 2016 stimmte Pennsylvania für Donald Trump. Zuvor aber lagen, über Jahrzehnte hinweg, meist die Demokraten vorn. Und da deren Spitzenkandidat Joe Biden in Scranton, Pennsylvania, geboren wurde, gilt ein Sieg der Demokraten diesmal eigentlich als Ehrensache.

Joe Biden besucht sein Elternhaus in Scranton, Pennsylvania, und kniet nieder, um mit einem Kind zu sprechen. © Quelle: Matt Slocum/AP/dpa

Doch so einfach ist das nicht. Denn Scranton ist ein schwieriges Pflaster. Die gesamte Region ist noch immer damit beschäftigt, einen radikalen und für viele Familien ruinösen Strukturwandel abzuwettern – wie vor Jahrzehnten das Ruhrgebiet. Viele von denen, die sich heute als Verlierer dieses Prozesses sehen, haben sich auf die Seite Trumps geschlagen.

Bescheidene Gebäude, große Trump-Plakate

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Der Frührentner Dave Mitchko zum Beispiel, den Doemens als “massigen Kumpeltyp” beschreibt, lässt auf Trump nichts kommen: “Er ist endlich einer, der macht, was er sagt.” Mitchko hat nach 20 Jahren seine Arbeit bei einer CD-Fabrik, dem ehemals größten Arbeitgeber vor Ort, verloren, weil die Produktion nach Mexiko und China verlagert wurde. Dass Trump jetzt etwas tun wolle gegen die Abwanderung von Jobs, gefällt ihm.

Doemens notiert sich in Scranton: “Je bescheidener die Gebäude wirken, desto größer sind die Trump-Plakate.” Es ist ein Eindruck, den demoskopische Daten von Küste zu Küste stützen: Trump, der Milliardär im Weißen Haus, hat seine treuesten Anhänger kurioserweise in den untersten Einkommensschichten, vor allem unter weißen Arbeitnehmern und Rentnern ohne Collegeabschluss.

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Scranton ist inzwischen politisch so tief gespalten wie noch nie. Die Biden-Anhänger hoffen, ihre Stadt werde bald berühmt, als Heimat des 46. Präsidenten der USA, Joe Biden, dem es gelang, Donald Trump ein Ende zu setzen und die Nation wieder zu einen.

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Die Trump-Anhänger in Scranton dagegen winken ab: Daraus werde nichts. Sie trauen nicht nur den Demokraten nichts zu, sondern zeigen zugleich ein gewachsenes Misstrauen gegen die gesamte politische Welt da draußen. Die freie Presse? “Am besten sollte die für vier Monate vor der Wahl abgeschafft werden”, ließ Trump-Fan Dave Mitchko unseren Korrespondenten wissen – und legte dann Handy und Pistole mal eben neben sich ab. “Da wurde mir dann doch etwas anders”, sagt Doemens.

Pennsylvania erlaubt “open carry”, das offene Tragen von Waffen, sogar ohne Lizenz. Auch das sagt etwas aus über die tiefer liegenden Stimmungen und Strömungen in dem Staat, den Biden am 3. November gewinnen will.

Zitat des Tages

So oft wie jetzt hat mein Telefon seit den Castortransporten nicht mehr geklingelt.

Wolfgang Ehmke (71), einer der noch immer aktiven Gründer der Anti-Atomkraft-Bewegung im Wendland.
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Am Montag wird die Bundesgesellschaft für Endlagerung ihren Zwischenbericht präsentieren und mögliche Regionen für ein Endlager nennen. Die Gorleben-Gegner erwarten eine Neuauflage des alten Streits.

Leseempfehlungen

Seit Ende 2019 führt Norbert Walter-Borjans zusammen mit Saskia Esken die Bundes-SPD. Allensbach meldete diese Woche, nur 13 Prozent der Bundesbürger gefalle die SPD in ihrer derzeitigen Verfassung – einen so niedrigen Wert habe man für die Partei noch nie gemessen. Im Interview mit Tobias Peter und Andreas Niesmann steht der SPD-Chef Rede und Antwort. Zur positiven Bilanz rechnet “Nowabo”, dass die SPD mehr Hilfen für Kommunen und für Familien habe herausholen können. Das Problem der mangelnden Popularität seiner Partei umschreibt er auf ganz eigene Art: “Ich gebe zu, dass der Weg weiter ist, als ich gedacht habe.”

Erst Kitas, Behörden und Krankenhäuser, nun der ÖPNV: Die Gewerkschaft Verdi will Warnstreiks trotz Viruswelle durchziehen. Bei vielen Bürgern kommt das nicht gut an. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Gründen, weshalb die Verdi-Beschäftigten es nun wissen wollen: Christoph Höland berichtet über das trotzige neue Selbstbewusstsein der Gewerkschaft – und das wiederum hat ebenfalls unmittelbar mit Corona zu tun.

Viele sind stolz, wenn sie zwei Fremdsprachen beherrschen, vielleicht noch eine dritte. Doch über so etwas kann Judith Meyer nur müde lächeln. Die 36-jährige IT-Expertin spricht 13 Sprachen – und zählt somit zu den Hyperpolyglotten. Heike Manssen hat anlässlich des heutigen Europäischen Tages der Sprache mit Meyer gesprochen und sich erzählen lassen, welche Sprache sie am liebsten spricht und wie man am leichtesten fremde Vokabeln behält.

Impfstoffe gegen das neuartige Coronavirus werden in der Regel zuerst an Erwachsenen getestet, ehe dann Studien mit Kindern folgen. Die Konsequenz: Ein Impfstoff für die Jüngsten könnte wohl frühestens im Herbst 2021 verfügbar sein. Kinderärzte zeigen sich darüber bereits besorgt, wie unsere Autorin Laura Beigel schreibt.

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Die Termine des Tages

Markus Söder bittet heute zum digitalen Parteitag der CSU. Es ist bereits die zweite Zusammenkunft dieser Art bei den Christsozialen, die nur im Netz stattfindet. Außerhalb der offiziellen Tagesordnung wird in der CSU derzeit diskutiert, was von den immer neuen belastenden Details zu halten ist, die über Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in der Mautaffäre bekannt werden. Am 1. Oktober muss Scheuer im Untersuchungsausschuss des Bundestages aussagen. Es gibt die Theorie, dass Söders Geduld mit Scheuer bald ein Ende haben werde.

US-Präsident Donald Trump will heute seine Kandidatin für die Nachfolge der verstorbenen Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg verkünden.

In Nordrhein-Westfalen wird heute in 117 Städten und Gemeinden noch einmal kräftig Kommunalwahlkampf gemacht – vor den Stichwahlen am Sonntag. Die deutlich stärker gewordenen Grünen bringen an Rhein und Ruhr derzeit vieles durcheinander. Im bislang stets SPD-regierten Dortmund etwa haben die Grünen in dieser Woche erstmals zur Wahl eines CDU-Kandidaten aufgerufen. In Aachen und in Wuppertal könnten die Grünen vielleicht sogar selbst erstmals die OB-Jobs ergattern.

Heute beginnt die internationale Automesse in Peking. Die globale Bedeutung der Messe, die bis zum 5. Oktober läuft, ist immens: In keiner anderen großen Volkswirtschaft läuft es trotz Corona-Krise schon wieder so gut wie in der Volksrepublik – der größte Automarkt der Welt kommt gerade wieder in Schwung.

Wer heute wichtig wird

“Buffi”, wie er in seiner Partei genannt wird, will es noch mal wissen: Volker Bouffier, der hessische Ministerpräsident, tritt heute in Willingen beim Landesparteitag zur Wiederwahl als hessischer CDU-Chef an. Gestern setzte er einen klaren Akzent gegen rechtsradikalen Terror: In Wolfhagen bei Kassel wurde eine kooperative Gesamtschule nach Walter Lübcke benannt, dem im Juni 2019 ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten. Mit Spannung verfolgt die gesamte Bundespartei, wie Hessens CDU mit der offenen Personalfrage auf Bundesebene umgeht: Laschet, Merz oder Röttgen? Der NRW-Landesverband ist gespalten – deshalb wächst derzeit der Einfluss der großen Landesverbände Hessen und Niedersachsen. © Quelle: Swen Pförtner/dpa

Der Podcast des Tages

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Aus dem RND-Newsroom: Matthias Koch

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