Der neue Star im Weißen Haus

  • Jen Psaki (42) ist die Sprecherin des neuen amerikanischen Präsidenten – doch sie ist mehr als das.
  • Nach vier Jahren, in denen Donald Trump das Weiße Haus zu einem Lügengebäude gemacht hat, geht es jetzt um einen Kulturwechsel.
  • Tagein, tagaus muss Psaki das andere, das redlichere Amerika verkörpern, das Joe Biden will. Schafft sie das?
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Liebe Leserinnen und Leser,

erinnern Sie sich noch an Sean Spicer? Das war der erste der vier unglückseligen Sprecher, die Donald Trump in seinen vier Jahren im Weißen Haus verschlissen hat.

Natürlich kann man Spicer, diese verkniffene Gestalt, getrost vergessen. Doch der Mann hat bleibende Fußabdrücke hinterlassen: durch eine systematische Abkehr von der Wahrheit, in großen wie in kleinen Dingen. Gleich an seinem ersten vollen Arbeitstag im Weißen Haus präsentierte Spicer seine erste regierungsamtliche Lüge, es ging um die Menschenmenge bei Trumps Amtseinführung: „Das war das größte Publikum, das jemals bei einer Vereidigung dabei war. Punkt.“

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Es stimmte einfach nicht. Bei Barack Obama waren es mehr. Unter Trump begann damals eine krankhafte Entgleisung des amerikanischen politischen Systems, die schon von Anfang an eine viel heftigere Immunabwehr hätte auslösen müssen: der Versuch einer Festlegung des Faktischen durch das Staatsoberhaupt. Man schrieb damals den 21. Januar 2017.

What's up, America Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur - immer dienstags.

Herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von „What’s up, America?“. Unser Newsletter beschreibt diesmal eine politische Wende besonderer Art. Sie hat nichts zu tun mit einer Bewegung nach links oder rechts, mit Klimaschutz oder internationalen Allianzen. Es geht um etwas noch viel Grundsätzlicheres: eine Kurskorrektur in Richtung Wahrheit.

Die Mächtigen und die Fakten: Das war immer ein spannungsreiches Verhältnis, überall, seit Jahrhunderten. Bis heute neigen Potentaten aller Couleur dazu, wenn schon die Realitäten sich nicht beugen wollen, doch wenigstens die Berichterstattung in ihrem Sinne zu diktieren.

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Die große Last auf Psakis Schultern

Joe Biden will der Wahrheit wieder Raum verschaffen. Deshalb ist seine Sprecherin jetzt mehr als nur eine Sprecherin. Jen Psaki, ein politisches und kommunikatives Ausnahmetalent, ist in diesen Tagen auf Schritt und Tritt immer auch als eine Art Botschafterin des Wahren, Schönen, Guten unterwegs: ein Postergirl neuer intellektueller Redlichkeit.

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Schafft die 42-Jährige das? Dem Sender CNN gab sie zu Beginn dieser Woche erstmals ein Interview, bei dem es um sie selbst ging. Deutlich wurde darin zweierlei:

- Einerseits wirkt Psaki selbstbewusst und entspannt. Das tun Sprecher in der Politik immer dann, wenn ihre Chefs sie nicht nur sprechen, sondern ein Stück weit auch für sie denken lassen. Biden, das ist mit Händen zu greifen, stärkt Psaki offenbar massiv den Rücken.

- Andererseits kennt Psaki auch die besondere Bürde, die sich aus der historischen Konstellation nach Trump ergibt. Blamiert sich Psaki, heben in sozialen Netzwerken sofort Hohngesänge von rechtsaußen an.

Zuletzt geschah dies, als sie eine Frage nach der „Space Force“, einer Sondereinheit des Militärs, nicht gleich richtig einordnen konnte. Psaki greift inzwischen auf ein System zurück, das sie unangreifbar macht: Weiß sie sachlich nicht weiter, stellt sie eine individuell nachgereichte Antwort in Aussicht: „I will circle back with you.“

Die Sprecherin hat sich freigeschwommen

Anfängerpannen aber passieren ihr bereits seltener. Immer stärker fällt indessen auf, dass Psaki nicht nur frischer und präsenter wirkt als alle Vorgänger der letzten vier Jahre. Sie strahlt auch eine verblüffende intellektuelle Autorität aus. Psaki dominiert den Presseraum des Weißen Hauses vollständig: freundlich im Ton – aber mit einer unglaublichen Festigkeit in ihren Botschaften.

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Jüngst gab es Fragen zu der abgedrehten republikanischen Kongressabgeordneten Marjorie Taylor Greene und ihren Verschwörungstheorien, wonach Amokläufe in Schulen ebenso von interessierter Seite inszeniert gewesen sein könnten wie die Waldbrände in Kalifornien. Psaki sagte, das Weiße Haus gebe der Abgeordneten und ihren Äußerungen keinerlei Bedeutung – und fügte dann einen Satz hinzu, der aufhorchen ließ: „Ich werde in diesem Briefing Room nicht mehr über sie sprechen.“ Oops?! Die Reporter blickten einander staunend an: Psaki hatte soeben Greenes Streben nach Öffentlichkeit nicht nur gekontert, sie hatte es auf intelligente Art erstickt, ein für alle Mal.

Eine Journalistin wollte bei anderer Gelegenheit wissen, warum es beim 1,9-Billionen-Paket zu den Corona-Hilfen noch immer keinen Konsens gebe – wo doch Biden mit dem Versprechen angetreten sei, zu versöhnen statt zu spalten. Antwort Psaki: „Der Präsident ist angetreten mit dem Ziel, dieses Land wieder zusammenzubringen. Er hat nicht gesagt, er wolle aus Demokraten und Republikanern eine einzige Partei machen.“

Diese Retourkutsche gefiel den Psaki-Fans: „Das ist Perfektion“, hauchte der frühere Obama-Berater Dan Pfeiffer, Co-Host von „Pod Save America“ auf Twitter.

Die fünf Geheimnisse von Psakis Erfolg

Wie war es möglich, dass ein Neuling in einem so schwierigen und extrem sichtbaren Job schon binnen drei Wochen zum neuen Star wird? Fünf Faktoren wirken zu Psakis Gunsten:

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1. Sie ist keine Anfängerin. Psaki kennt das Weiße Haus von innen, sie war schon Kommunikationsdirektorin unter Obama. Auch in der Konfrontation mit Journalisten live vor der Kamera hat sie Erfahrung: Zu ihren Stationen gehörte auch der Sprecherjob im State Department unter dem früheren Außenminister John Kerry, schon damals kam es in vielen Situationen auf jedes einzelne Wort an.

2. Sie ist ein Fernsehprofi. Psaki mag Kameras, und die Kameras mögen sie. Auch in den vier Trump-Jahren ging Psaki oft auf Sendung, als politische Kommentatorin für CNN.

Weißes Haus, Westflügel: Hier finden sich drei wichtige Arbeitsorte von Jen Psaki. Ihr Büro („Press Secretary), der „Briefing Room“, zugänglich für akkreditierte Journalisten – sowie, wenn Gespräche mit dem Chef anstehe, das „Oval Office“ am unteren Rand der Grafik, mit Blick auf den Rosengarten. © Quelle: Wikimedia Commons

3. Sie ist zu Gast bei Freunden: Wenn sie sich dem Pressecorps im Weißen Haus nähert, sehen viele in ihr noch immer die frühere Kollegin von CNN. Als Psaki unlängst in der Fernsehshow der liberalen NBC-Moderatorin Rachel Maddow auftrat, sah es aus, als würden beide einander bald um den Hals fallen.

4. Sie hat ein besonderes Team: Psaki ist umgeben von dem ersten rein weiblichen Kommunikationsteam in der Geschichte des Weißen Hauses. Dieses Team scheint täglich beweisen zu wollen, dass es auch ohne Männer geht – oder sogar besser geht.

5. Sie hat einen guten Chef: Biden erfreut sich am Erfolg anderer – auch darin unterscheidet er sich von seinem Vorgänger. Der 78-Jährige tritt nicht noch einmal an, sondern hat selbstlosere Pläne. Biden wird Vizepräsidentin Kamala Harris stark sichtbar machen. Er wird seinem Außenminister Antony Blinken eine ganz eigene Autorität zugestehen. Er wird den Infrastrukturminister Pete Buttigieg glänzen lassen, in dem viele schon den nächsten oder übernächsten Präsidenten sehen. Und er erhöht schon jetzt die Relevanz seiner Sprecherin. Dazu muss sich Biden gar nichts Besonderes ausdenken, es genügt, dass er nicht täglich selbst etwas mitteilt oder twittert. Washingtons neue Normalität lässt Psaki wachsen.

FACTS AND FIGURES: Das überschätzte Impeachment

Im Senat beginnt am heutigen Dienstag das zweite Impeachment gegen Donald Trump. Mit einer Zweidrittelmehrheit könnte der Senat nicht nur eine Verantwortung Trumps für den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar feststellen. Er könnte Trump auch dauerhaft davon ausschließen, jemals wieder ein öffentliches Amt auf Bundesebene zu bekleiden.

Es geht jetzt leider nicht ums Faktenfinden, nur um Parteipolitik. In seinem Feature über Trumps giftiges Erbe beschreibt unser Washingtoner Korrespondent Karl Doemens als Kern des Themas die noch ausstehende Richtungsentscheidung der Republikaner: Lösen sie sich aus der Umklammerung ihres Übervaters – oder verkommen sie zur rechtsextremen Sekte? Dass sich die rechnerisch nötigen 17 Republikaner finden werden, um am Ende mit den Demokraten gegen Trump zu stimmen, erscheint, Stand heute, eher unwahrscheinlich.

Übertrieben wäre es aber, einen Triumph Trumps vorherzusagen und dessen baldige strahlende Wiederkehr. Vieles spricht eher dafür, dass Trump, Impeachment hin oder her, in den kommenden Jahren noch in große Schwierigkeiten kommen wird: juristisch, politisch und finanziell. Während das Impeachment derzeit allseits überschätzt wird, werden drei andere Aspekte unterschätzt.

– Wegen Trumps Einflussnahme auf Wahlleiter, etwa in Georgia, könnten noch Strafverfahren wegen Nötigung in Gang kommen. Gestern erst berichtete die „New York Times“ über entsprechende Erwägungen der zuständigen Staatsanwältin in Atlanta, Fani Willis.

Sie wurde im Jahr 2020 als erste Frau ins Amt der Bezirksstaatsanwältin von Fulton County, Georgia gewählt – und könnte jetzt ein Verfahren gegen Donald Trump wegen Nötigung der Wahlleiter in Atlanta starten: Fani Willis. © Quelle: Screenshot WSB-TV Atlanta, Georgia

– Unabhängig vom Impeachment wird in den kommenden Monaten in einer Untersuchung durch den Kongress jedes kleine Detail der Vorgänge vom 6. Januar durchleuchtet. Dies kann noch zu einer Vielzahl weiterer Enthüllungen und Strafverfahren führen, aber auch dazu, dass sich eine Rückkehr Trumps politisch erledigt.

– Zusätzlich braut sich für Trump eine Flut von Straf- und Zivilprozessen zusammen, in denen mögliche Betrügereien in seiner Zeit als New Yorker Baulöwe beleuchtet werden sollen. Parallel dazu muss Trump klären, wie er aus einem nicht zuletzt wegen der Pandemie angeschlagenen Hotelkonzern heraus die angeblich 400 Millionen Euro Schulden gegenüber der Deutschen Bank begleichen will.

POPPING UP: Mehr Kultur wagen in New York

Es ist ein Experiment in Zeiten mittlerer Corona-Inzidenzen und schlummernder Mutanten. Aber New Yorks Gouverneur Andrew M. Cuomo will es trotzdem wagen. Am 20. Februar beginnt die Aktion „New York Pops Up“. Hochpoppen sollen, quer durch die Stadt, 300 überraschende und kostenlose Aufführungen von Musikern, Sänger und Schauspielern. Zugesagt haben laut „New York Times“ unter anderem Amy Schumer, Chris Rock, Mandy Patinkin, Renée Fleming and Hugh Jackman.

Noch bleiben die Theater geschlossen: ein Blick in die 44. Straße in Manhattan. © Quelle: Getty Images

Es gehe darum, ein Lebenszeichen zu zeigen, sagt Cuomo. „Was wir nicht wollen, sind Massenansammlungen, große Menschenmengen.“ Die Veranstaltungen sind geplant in Parks und Museen, auf Parkplätzen und in Bahnhofshallen. Über den Twitter-Account @NYPopsUp wird sich manches auch live verfolgen lassen. Bands sollen vor Kliniken auftreten, für Krankenschwestern werden Ticket im Javits Center reserviert.

DEEP DIVE: Ein Republikaner klagt an

Alles nur politisches Theater! So lautet die spontane Reaktion vieler US-Republikaner auf das Impeachment gegen Donald Trump. Welchen Sinn, fragen viele, soll es wohl haben, jemanden des Amtes zu entheben, der das Amt schon gar nicht mehr hat?

Adam Kinzinger, selbst sein ganzes politisches Leben lang Republikaner, hält jetzt dagegen. Als Kongressabgeordneter aus Illinois hat er im Repräsentantenhaus dem Impeachment zugestimmt, in einem heute erschienenen Gastbeitrag in der „Washington Post“ bittet er seine Parteifreunde im Senat, das Gleiche zu tun.

„Genug ist genug“: Der Kongressabgeordnete Adam Kinzinger (42) aus Illinois, Republikaner und ein überzeugter Gegner Donald Trumps, fordert ein Ja seiner Parteifreunde zum Impeachment. © Quelle: Congressman Kinzinger's press office

Das Impeachment, schreibt Kinzinger, „bietet die Möglichkeit zu sagen, dass genug genug ist“. Donald Trump zu verurteilen sei notwendig, „um Amerika davor zu bewahren, einen traurigen, gefährlichen Weg weiterzugehen“.

Bei Vorstößen dieser Art hängt die politische Wirksamkeit vom Timing ab und vom Absender. Beides ist gut gewählt: Die Anhörungen beginnen heute. Und wer sollte den Republikanern wohl eher Gewissensbisse machen können als ein Republikaner, den seine Partei einst dazu inspirierte, wie Kinzinger schreibt, „in Uniform zu dienen und dann für ein öffentliches Amt zu kandidieren“?

WAY OF LIFE: Der nackte Cowboy hält durch

In Cowboystiefeln, nur mit einer Unterhose bekleidet, steht ein Mann im Schneetreiben auf den Straßen von Manhattan und spielt Gitarre. Ist er psychisch krank? Muss man Mitleid haben? Nein. Die New Yorker kennen ihn schon lange. Robert John Burck (50) ist fast täglich auf dem Times Square. Bei den Touristen, die ihn fotografieren, kassiert sein Kompagnon zwei Dollar pro Foto ab.

Auftritt nach längerer morgendlicher Selbstmotivation: Der nackte Cowboy am Times Square in New York. © Quelle: imago images/UPI Photo

Reporter haben gelegentlich vorgerechnet, Burck verdiene an guten Tagen 1000 Dollar täglich. Doch mit dieser Geschäftsidee kann man auch in Gegenwind geraten, in einen sehr kalten noch dazu. Als jetzt ein Schneesturm durch New York fegte, glaubten viele, nun gebe Burck sich geschlagen. Der nackte Cowboy aber hielt durch. Er spricht von längeren Momenten morgendlicher Selbstmotivation, die regelmäßig seinen Auftritten vorausgingen, in seinem Apartment in Queens. Anerkennend notierte das „Wall Street Journal“ schon im Dezember, weder Pandemie noch Unwetter könnten den Cowboy stoppen: „Er klimpert und singt, selbst wenn das Viertel völlig verlassen ist und er keinen Cent verdient.“

Inzwischen gilt der Typ, der anfangs nur Augenrollen auslöste, schon als Wahrzeichen der Stadt: ein Symbol der Widerstandskraft. Lady Liberty hält ja auch immer noch die Fackel hoch.

Bleiben auch Sie stark und gesund. Der nächste USA-Newsletter kommt am 16. Februar.

Stay tuned!

Ihr Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

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