Der neue Pflege-TÜV allein ist keine Hilfe

  • Der alte Pflege-TÜV brachte nur Bestnoten für Deutschlands Heime und hatte deshalb keinerlei Aussagekraft.
  • Gut, dass jetzt ein neues System eingeführt wird.
  • Das ist allerdings so komplex, dass Betroffene dringend Beratung benötigen werden, kommentiert Rasmus Buchsteiner.
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Berlin. Die Entscheidung für ein Pflegeheim ist etwas grundlegend anderes als alle anderen Entscheidungen, die Verbraucher tagtäglich treffen. Einmal getroffen, bedeutet es viel Aufwand, sie wieder zu revidieren.

Einem Stromanbieter, den man für zu teuer hält, kann man ohne Probleme kündigen und ihn durch einen anderen ersetzen. Ein Restaurant, das die Erwartungen nicht erfüllt, wird man wohl nie wieder besuchen. Für eine Pflegeeinrichtung gilt das alles nicht.

Das Bedürfnis nach möglichst objektiven Informationen über das Heim, in dem man selbst, der Vater oder die Mutter mutmaßlich die nächsten Jahre verbringen wird, ist groß.

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Etwas neues Aussagekräftigeres

Der einmalige Augenschein reicht schließlich nicht aus, um sich ein vollständiges Bild zu machen. Der alte Pflege-TÜV, der Noten präsentierte, war ein leeres Versprechen. Statt Transparenz zu schaffen, verschleierte er Qualitätsunterschiede und -defizite. Im Schnitt erreichten die Heime die Note 1,2. Die Aussagekraft solcher Bewertungen geht gegen Null.

Deshalb ist es gut, dass der Pflege-TÜV nun durch etwas Neues und vor allem Aussagekräftigeres ersetzt wird. Allerdings ist das neue System von großer Komplexität: Mit allein 16 Kategorien, die vom Medizinischen Dienst beurteilt werden, und unzähligen weiteren Angaben, die das Pflegeheim selbst beizusteuern hat.

Dabei geht es unter anderem darum, wie die Mobilität der Bewohner gefördert wird, ob es ausreichende Vorkehrungen gegen Wundliegen gibt und Unterstützung beim Essen. Alles wird fein säuberlich aufgelistet.

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Dass auf die eine Note als Gesamtbewertung, die für die Qualität des Heimes als solches steht, verzichtet wird, ist nachvollziehbar. Die Bestnoten der Vergangenheit sind schließlich vor allem dadurch entstanden, dass Betreiber Defizite im pflegerischen Bereich an anderer Stelle ausgleichen konnten – etwa durch das Angebot besonders übersichtlicher Speisekarten.

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Man muss sich schon einfuchsen

Camouflage, Schönfärberei und Irreführung werden mit dem reformierten System sicherlich schwieriger. Es ist deshalb richtig, dass nun viel mehr Informationen zur Qualität der Pflege aufbereitet und sichtbar werden. Wunder sind von alledem allerdings nicht zu erwarten.

Vom neuen Pflege-TÜV, der bis Ende 2020 Aufschluss über die Qualität aller Einrichtungen geben soll, wird nur derjenige etwas haben, der sich tief in die Materie einfuchst, der vergleicht, abwägt, gegebenenfalls auch nachfragt.

Genau dafür jedoch fehlt, wenn es darauf ankommt, oftmals die Zeit. Der Wahl eines Pflegeheims geht nur in den seltensten Fällen eine Phase der intensiven Auseinandersetzung voraus.

Meist muss binnen Tagen eine Lösung her, weil sich die Situation des Pflegebedürftigen rapide verschlechtert hat – und eine Betreuung daheim keine Alternative (mehr) ist.

Unangemeldete Kontrollen bleiben wichtig

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Betroffene und Angehörige benötigen deshalb Unterstützung und Entscheidungshilfe weit über das hinaus, was der über Internet abrufbare Pflege-TÜV künftig bieten kann. Denn dabei handelt es sich letztlich um nicht mehr als ein umfangreiches Datenkonvolut.

Pflegestützpunkten, Sozialverbänden und Verbraucherzentralen kommt deshalb eine wichtige Beratungsfunktion zu. Das Bedürfnis nach Orientierung jedenfalls wird zunehmen. Heute werden noch etwa drei Viertel aller Pflegebedürftigen nicht in Heimen betreut, sondern daheim von Angehörigen und ambulanten Diensten versorgt. Angesichts der zunehmenden Mobilität und Individualisierung sind hier grundlegende Veränderungen absehbar. Der Trend geht zur stationären Pflege.

Umso wichtiger ist es, dass hier Qualität gewährleistet und der weit verbreiteten Angst davor, das Alter im Heim verbringen zu müssen, etwas entgegengesetzt wird. Berichte über schreckliche Missstände in Heimen, oftmals mehr oder weniger direkte Folge von Personalnot, sind allgegenwärtig.

Mehr Qualität erfordert auch mehr Personal

Die Macher des neuen Pflege-TÜVs haben bewusst darauf verzichtet, K.-o.-Kriterien zu definieren, bei deren Unterschreitung von der Wahl der jeweiligen Einrichtung abzuraten ist.

Deshalb kommt es darauf an, unangemeldete Kontrollen in Fällen zu intensivieren, in denen Hinweise auf schwerwiegende Missstände vorliegen – und darauf, vor Sanktionen bis hin zur Schließung von Einrichtungen nicht zurückzuschrecken.

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Ist der neue Pflege-TÜV erst einmal etabliert, sollte das System genutzt werden, um Qualitätsvorgaben zu machen und so einen höheren Standard zu setzen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass mehr Qualität in vielen Heimen vor allem eines erfordert: deutlich mehr Personal.

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