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Der Name des Bösen: Wie „Auschwitz“ die deutsche Nachkriegszeit prägte

Das Wort „Auschwitz“ steht heute als Symbol für das absolute Böse. Was dort geschah, verweigert sich dem Verstehen. Trotzdem darf das Gespräch darüber niemals enden. Das wird nicht leichter, denn die letzten Überlebenden sterben.

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Neun Buchstaben. Zwei Silben. Auschwitz. Als Symbol steht dieses Wort für ein Menschheitsverbrechen. Und für die Tatsache, dass keine zivilisierte Gesellschaft vor entsetzlicher Tyrannei geschützt ist. Auschwitz ist der Inbegriff des absoluten Bösen.

Begriff aber kommt von Begreifen. Und Auschwitz übersteigt jedes Begreifen. Was dieses Wort als Abbild des Barbarischen an Szenen und Assoziationen heraufbeschwört, ist eine permanente Überforderung. „Auschwitz hebt die Literatur auf“, hat Imre Kertész geschrieben. Jeder Ausdruck, jeder Satz, jeder Gedanke kann nur eine Annäherung sein. „Auschwitz kann man nicht erklären“, sagte der Überlebende Noah Klieger, der 2018 im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Dass er es trotzdem versuchte, dass er um Worte rang und sich wie andere Zeitzeugen den Horror immer und immer wieder vergegenwärtigte, um Zeugnis davon ablegen zu können, verpflichtet Nachgeborene zu tiefer Dankbarkeit.

„Das Ende der Menschlichkeit“

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75 Jahre ist es her, dass Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreiten. „Es war uns klar, dass etwas Schreckliches über diesem Ort lag“, berichtete Jakow Wintschenko, der am 27. Januar 1945 zu den ersten russischen Soldaten gehörte, die auf die überlebenden Häftlinge trafen. Nur 8000 Menschen, die zu krank und schwach für die letzten Todesmärsche gewesen waren, lebten noch. Wintschenko hatte Schreckliches erwartet. Aber nicht das hier. „Ich dachte an ein paar Tausend Tote, nicht an Zyklon B und das Ende der Menschlichkeit.“

1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Juden, Polen, Sinti und Roma, sowjetische Gefangene. Aber was helfen Zahlen? Am Ende ist ein einzelner Mensch in Auschwitz getötet worden – 1,1 Millionen-mal. „Nie werde ich diesen Rauch vergessen“, schrieb der Schriftsteller Elie Wiesel. „Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen.“

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“

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Nichts hat im späteren Ringen um eine deutsche Nachkriegsidentität eine größere Rolle gespielt als dieser Ort. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, schrieb Theodor W. Adorno 1949. Auschwitz, der deutsche Name des polnischen Ortes Oświęcim (was so viel wie „Heiliger“ oder „kräftig“ bedeuten kann), wurde freilich erst nach langen, stummen Jahren der Verdrängung zum Synonym für das industrielle Morden. Bis tief in die Siebzigerjahre herrschte jene „Unfähigkeit zu trauern“, die Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 in ihrem Buch beschrieben.

„Urgrund des Fühlens“: Das Foto zeigt Fritz Bauer, ab 1956 hessischer Generalstaatsanwalt. Bauer war maßgeblich am Zustandekommen der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main beteiligt. © Quelle: Karl Schnörrer/dpa
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Die bleierne Zeit des Nichtwissenwollens versuchte auch der beharrliche hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu beenden, der 1963 den Frankfurter Auschwitz-Prozess initiierte. 356 Zeugen sagten aus, darunter 211 Auschwitz-Überlebende. 20 ehemalige SS-Männer wurden verurteilt. Nur sechs mussten lebenslang in Haft. Trotzdem war es ein Wendepunkt der Geschichte: „Das Böse bekam plötzlich Namen und Gesicht, Alter und A­dresse“, sagte Micha Brumlik, früherer Leiter des Fritz-Bauer-Instituts.

„Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen“

Im gleichen Jahr prägte Hannah Arendt mit ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ über den Prozess gegen den deutschen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Israel den Begriff von der „Banalität des Bösen“. Sie beschrieb, wie sich Eichmann moralisch reinzuwaschen bemühte, indem er sich auf Befehle berief und auf die Überzeugung, das Richtige zu tun. „Das größte begangene Böse“, schrieb Arendt, „ist das Böse, das von Niemandem getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“ Berühmt wurde auch Eichmanns Versuch, den Begriff der „Wahrheit“ zu relativieren: „Jeder hat eben auf seine Weise recht.“

Die Täter – keine Monster, sondern kleingeistige Bürokraten? Inzwischen hat die Philosophin Bettina Stangneth widerlegt, dass Eichmann ein fantasieloser Pflichterfüller war. Er war gebildet, belesen und handelte aus „schwarzem Idealismus“. Im Kern aber gilt Arendts These weiter: Es waren keine diffusen Dämonen, die Besitz von den Tätern ergriffen. Sie waren Menschen. „Es gibt Ungeheuer“, schrieb der Überlebende Primo Levi, „aber es sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen.“

Kollektives Erinnern als BRD-Staatsräson

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Erst die Studentengeneration der Endsechziger zwang diese „normalen Menschen“ zu einer echten politischen und privaten Auseinandersetzung. „Das Auschwitz-Argument hatten wir besonders als schlagkräftige Waffe im Kampf gegen die Väter gebraucht“, schrieb „Zeit“-Autor Ulrich Greiner. Die US-Serie „Holocaust“ schließlich wühlte die Bundesrepublik 1979 so auf, dass das Ausmaß des Zivilisationsbruchs, das hinter den Worten und Zahlen steht, erstmals wirklich ins kollektive Bewusstsein eindrang. „Das menschliche Bewusstsein musste erst dazu erzogen werden, die Vorstellung von Massenmorden nach Auschwitzer Maßstäben in sich aufnehmen zu können“, hatte der Überlebende Rudolf Vrba schon 1964 notiert.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren wurde das kollektive Erinnern an die NS-Schrecken dann zur Staatsräson. Als wolle die (westdeutsche) Gesellschaft mit Macht nachholen, was sie in den Nachkriegsjahrzehnten versäumt hatte. Auschwitz wurde zum politischen Argument. Der damalige Außenminister Joschka Fischer begründete 1999 seine Kehrtwende im Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien auf dem Grünen-Parteitag ebenfalls mit Auschwitz („Ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz!“). Und Günter Grass begriff die deutsche Teilung auch als Strafe für Auschwitz. Im großen Historikerstreit ging es dann 1986/87 um die Frage, wie beispiellos der Holocaust wirklich war und welche Rolle er bei der Identitätsbildung der BRD spielte. Aber was hilft es, immer neue Superlative der Monstrosität zu finden?

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Auschwitz: Die Geschichte hinter der menschengemachten Hölle
1:50 min
Die Geschichte der Mordfabrik in Zahlen und Fakten.  © Ulrich Krökel/Lena Holzinger/RND

Dem Rest der Welt moralisch voraus?

Die „Zeit“ schrieb von einer „Aneignung der Auschwitz-Erinnerung“. Keine weltpolitische Debatte komme mehr ohne den Hinweis auf die „Lehre von Auschwitz“ aus. „In Deutschland entstand eine eigenartige neue Form des nationalen Selbstbewusstseins, das pointierte Kritiker mit dem Begriff ,Sündenstolz’ bezeichnet haben: Gerade weil wir Deutschen uns der eigenen Vergangenheit so schonungslos stellen, lautet die Logik dieser Denkfigur, sind wir dem Rest der Welt moralisch ein Stück voraus.“

Das mag zur Bildung eines nationalen Selbstbilds beigetragen haben. Bei der Aufarbeitung oder Erhaltung der Erinnerung an die eigentliche Tat half es wenig. Das war es wohl, was Martin Walser 1998 in seiner heftig kritisierten Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zu hinterfragen versuchte. Er beklagte eine „Monumentalisierung der Schande“. Auschwitz eigne sich nicht dafür, „Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule“. Das hörte sich für viele nach der alten, unseligen Schlussstrichsehnsucht an. Gemeint war aber wohl etwas Anderes. Walser wollte dazu aufrufen, Pathosformeln, Moralappelle und rituelle Beschwörungen zu vermeiden. Das führe nur dazu, dass Menschen ermüdet wegschauten. Heute nennt Walser seine Paulskirchenrede „menschliches Versagen“.

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Kaum Aufarbeitung in der DDR

Möglicherweise war es zu früh für solche Fragen. Schließlich hatte das Land gerade erst gelernt, überhaupt über Auschwitz zu sprechen. In der DDR blieb der Holocaust weitgehend ein Tabu. Faschisten gab es nur im Westen. Das war Staatsdoktrin, weil es zur ideologischen Abgrenzung nach Westen diente. Historiker sind sich weitgehend einig, dass es eine echte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der DDR-Nachkriegszeit nicht gegeben hat.

Wie also könnte eine Erinnerungskultur aussehen, die über rituelles Bedauern hinausgeht? Die Auschwitz quasi behutsam in die Sphäre des Historischen entlässt, aber gleichzeitig fest im gemeinsamen Bewusstsein verankert hält? Mit dem Verzicht darauf, Auschwitz zu bewerten oder zu benutzen, wäre schon manches gewonnen.

Es kann keinen Schlussstrich geben

Am Ende kann es nur darum gehen, „Auschwitz“ nicht als tagespolitischen Kampfbegriff auszuhöhlen, sondern die biografischen Berichte der Überlebenden über diese „siebenmal verriegelte lange Nacht“ (Elie Wiesel) in Wort und Bild auch nach dem Tod der letzten Zeitzeugen für sich selbst sprechen zu lassen. Wie nötig das bleibt, zeigt sich angesichts aktueller Geschichtsklitterungsversuche und antisemitischer Übergriffe. „Ich glaube nicht, dass Aufklärung allein genügt“, schrieb Fritz Bauer, der Generalstaatsanwalt vom Auschwitz-Prozess 1963. „Die Aufstellung eherner Tafeln ,Du sollst’, ,Du sollst nicht’ reicht nicht aus. Gebote und Verbote verlangen nach einem Urgrund des Fühlens.“

Diesen „Urgrund des Fühlens“ herzustellen wird nicht leichter ohne die Erzählungen derjenigen, die Auschwitz erleben mussten. Das Gespräch darüber aber muss auch ohne sie weitergehen. Es darf niemals enden. Es kann keinen Schlussstrich geben.

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