Tod in Berlin – Der Mörder, der aus Moskau kam

  • Der Fall des in Berlin ermordeten Georgiers droht zur Staatsaffäre zu werden.
  • Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass russische Hintermänner einen Auftragskiller in die deutsche Hauptstadt schickten.
  • Führt die Spur bis in den Kreml?
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Berlin. Es geschah am helllichten Tag mitten in Berlin, im Kleinen Tiergarten in Moabit, nicht weit vom Bundesinnenministerium entfernt. Bis zu diesem 23. August hatte sich Zelimkhan Khangoshvili in Deutschland sicher gefühlt. Zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellte.

Es ist sonnig und heiß, als sich der gläubige Moslem zur Mittagszeit auf den Weg zum Freitagsgebet in die Moschee macht. Plötzlich nähert sich von hinten ein Mann auf einem Fahrrad. Zwei Teenager, die zufällig in der Nähe sind, hören kurz hintereinander zweimal ein leises Klicken. Mit einer Pistole vom Typ Glock 26 samt Schalldämpfer schießt der Täter dem 40-Jährigen aus kurzer Distanz zweimal in den Kopf. Khangoshvili ist sofort tot.

Es geht um Staatsterrorismus

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Ein Mord auf offener Straße, ein schweres Verbrechen – das zugleich einen schweren Verdacht weckt: Haben russische Geheimdienste auf deutschem Boden einen unliebsamen Gegner kaltblütig ermorden lassen? Sollte dem so sein, wäre das eine weitere gewaltige Belastung für das ohnehin erschütterte deutsch-russische Verhältnis. Es ginge um nicht weniger als Staatsterrorismus – und um die Frage: Wie kann Deutschland angemessen auf ein solches Verbrechen reagieren?

Das Opfer, Zelimkhan Khangoshvili, ein Tschetschene mit georgischem Pass, lebte schon lange gefährlich. In Tschetschenien kämpfte er nach der Jahrtausendwende als Rebellenkommandeur gegen die russische Armee. Seither fürchtete er, ermordet zu werden. Das erste Attentat überlebte er vor vier Jahren in Georgiens Hauptstadt Tiflis, als mehrere Kugeln seinen linken Arm und die linke Schulter zerfetzten. Wenig später floh er in die Ukraine, entkam auch dort nur um Haaresbreite einem Anschlag. Vor drei Jahren kam er dann nach Deutschland.

Khangoshvili: “Die russischen Organe werden einen Mord inszenieren”

Der russische Staat sei hinter ihm her, erklärte er bei seiner Asylanhörung im brandenburgischen Eisenhüttenstadt im Januar 2017. Der Kreml lasse ihn suchen – im Kaukasus und weit darüber hinaus. “Die russischen Organe werden einen Mord inszenieren”, antwortete Khangoshvili einem Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge auf die Frage, was er denn zu befürchten habe, wenn man ihn nach Russland zurückschicke. In Deutschland wolle er ein neues Leben beginnen, betonte er.

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“Endlich fühlte er sich sicher. Er dachte an eine glückliche Zukunft für mich und unsere vier Kinder. Er wollte nicht mehr kämpfen. Und er wollte auch nicht mehr zurück”, sagte seine Frau Manana Tsatieva vor wenigen Wochen dem “Guardian”.

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Mord an Georgier in Berlin führt zu diplomatischer Krise
1:03 min
Nach dem Mord an einem Georgier in Berlin war schnell die Rede von einem russischen Auftragskiller.  © Jörg Köpke/dpa
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Bundesanwaltschaft wird ungewohnt deutlich

Für die Bundesanwaltschaft gibt es offenbar deutliche Hinweise, dass die Tat einen politisch motivierten Hintergrund besitzt. “Anhaltspunkte dafür, dass die Tat im Auftrag eines nicht staatlichen Akteurs erfolgt ist, liegen bislang nicht vor”, hieß es am Mittwoch aus Karlsruhe. Für die stets vorsichtig formulierende oberste deutsche Anklagebehörde sind dies ungewohnt deutliche Worte. Ohne Moskau direkt beim Namen zu nennen, zieht die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen wegen der Brisanz des Falles an sich. Karlsruhe sieht offenbar deutliche Anzeichen, dass russische Geheimdienstkreise hinter dem Anschlag stecken.

Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte am Mittwoch zwei russische Diplomaten zu unerwünschten Personen. Sie haben nun sieben Tage Zeit, Deutschland zu verlassen. Der Kreml kündigte Vergeltung an.

Stammen die Auftraggeber aus dem Umfeld Putins?

Das Rätsel von Moabit wirft viele Fragen auf. Wer genau steckt hinter dem Attentat? Stammen Auftraggeber gar aus dem Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin?

Kurz nach der Tat wird ein Verdächtiger festgenommen. Der Mann trägt einen Schnauzbart, ist untersetzt, massig und auffällig tätowiert. Er ist gerade dabei, die vermeintliche Mordwaffe und seinen E-Scooter, mit dem er weitergeflüchtet war, in einem Kanal zu versenken, als ihn Berliner Polizisten in Gewahrsam nehmen.

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Mutmaßlicher Täter mordet vermutlich unter falschem Namen

Die Ermittler finden bei ihm 3000 Euro in bar, zwei Hotelkarten und einen brandneuen russischen Pass. Das Dokument weist den Verdächtigen als den russischen Staatsbürger Vadim S. aus. Seitdem sitzt der Mann in Untersuchungshaft – und schweigt. Einmal soll er während seiner Haft in Deutschland von Mitarbeitern der russischen Botschaft in Berlin Besuch bekommen haben. Auf Nachfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) will sich dort niemand dazu äußern.

Deutsche Fahnder stoßen im Verlauf ihrer Ermittlungen auf eine Fahndungsausschreibung der russischen Behörden. 2013 soll der gebürtige Kasache Vadim K. einen russischen Kaufmann erschossen haben – per Kopfschuss mit einer Pistole samt Schalldämpfer. Auch damals nähert sich der Täter mit einem Fahrrad seinem Opfer, wie eine Videoaufnahme belegt. Ein Vergleich der Fahndungsbilder fördert nun Erstaunliches zutage: In beiden Fällen handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein und dieselbe Person.

Laut Hypothese des Bundeskriminalamtes ist Vadim K. unter dem falschem Namen Vadim S. vom russischen Geheimdienst nach Deutschland geschleust worden, um Khangoshvili zu ermorden. In russischen Datenbanken soll der Pass des Tatverdächtigen gesperrt sein – mit dem Hinweis, die Person sei “vom Staat geschützt”. So berichten es die investigativen Plattformen Bellingcat und The Insider.

Faxnummer führt ins russische Verteidigungsministerium

Ihren Verdacht stützen die Ermittler auch darauf, dass russische Behörden die Suche nach dem mutmaßlichen Mörder Vadim K. 2015 plötzlich und unvermittelt einstellten. Russische Geheimdienste sollen den mutmaßlichen Mörder angeworben und mit falscher Identität nach Deutschland geschickt haben.

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Und noch eine Spur führt nach Russland. Der mutmaßliche Mörder S. reiste über Frankreich nach Deutschland ein. Für seinen Visumsantrag im französischen Konsulat nutzte er eine Faxnummer, die deutsche Sicherheitsbehörden dem russischen Verteidigungsministerium zuschreiben. Verdächtig ist auch: S. angeblicher Arbeitgeber, eine Firma namens Zao-Rust, befindet sich in finanziellen Nöten und führt keinen Mitarbeiter namens S. auf ihren Gehaltslisten.

Der Weg tschetschenischer Rebellen führt über Polen nach Deutschland

Und noch ein weiterer Herrscher wird mit dem Fall in Verbindung gebracht: Ramsan Kadyrow, seit Mai 2007 kremltreuer Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Kadyrow soll laut “Guardian” in den vergangenen Jahren zahlreiche Morde an Ex-Rebellen in Auftrag gegeben haben, viele davon in der Ukraine, wo zahlreiche Tschetschenen an der Seite ukrainischer Regierungstruppen gegen prorussische Kräfte kämpfen. Der Weg vieler dieser tschetschenischen Soldaten führt später über Weißrussland und Polen nach Deutschland – wie der von Khangoshvili.

Die offizielle russische Seite streitet eine Tatbeteiligung vehement ab, verweigert aber gleichzeitig jede Form der Zusammenarbeit. “Wir haben den Typen, aber er spricht nicht, während Russland jede Hilfe verweigert”, klagte schon im September Patrick Sensburg (CDU), Mitglied im Geheimdienstausschuss des Bundestages. Sensburg fügte hinzu: “Russland sollte helfen, wenn es nichts zu verbergen hat.”

FDP-Politiker Thomae: “Diplomatischer Störfall allerersten Grades”

Für Stephan Thomae, Vizechef der FDP im Bundestag, spricht vieles dafür, dass der Mord von Russland aus gesteuert worden ist: “Zustände, wie wir sie schon lange nicht mehr gehabt haben. Das ist ein di­plomatischer Störfall allerersten Grades. Das ist ein gravierender Vorfall, der nicht ungeahndet bleiben kann.”

Was könnten Konsequenzen sein? Grünen-Außenexperte Omid Nouripour forderte die Bundesregierung auf, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verschärfen. “Wir können nicht immer nur Pappkameraden aufstellen. Geschäftsbeziehungen dürfen nicht über der Souveränität Deutschlands stehen. Was Russland in Moabit inszeniert hat, ist eindeutig eine Verletzung der deutschen Souveränität, die nicht geduldet werden darf”, sagte Nouripour dem RND. Moskau fühle sich geradezu ermutigt, die Grenzen des Machbaren immer weiter zu verschieben, “wenn wir weiterhin milliardenschwere Geschäfte wie den Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 zulassen”.

Wollte der mutmaßliche Mörder zurück nach Moskau?

Ob und wie tief der Kreml tatsächlich in den Berliner Mordfall verwickelt ist, werden die weiteren Ermittlungen zeigen. Doch erste Umrisse eines Bildes zeichnen sich bereits jetzt ab. So flog der mutmaßliche Mörder mit dem Alias-Namen Vadim S. am 17. August von Moskau nach Paris. Dort besorgte er sich ein französisches Visum für den Schengenraum. Zwei Nächte verbrachte er in Paris. Dann flog er nach Warschau, wo er sich für fünf weitere Nächte in einem Hotel eincheckte.

Schon nach drei Nächten, am Vorabend der Tat, brach er nach Berlin auf. Er ließ Gepäck, Kleidung und ein Handy in Polen zurück. Die Ermittler glauben, dass er nach dem Mord binnen 48 Stunden nach Warschau zurückwollte – und von dort weiter nach Russland, dorthin, wo wiederum er sich sicher fühlte.