Der Maradona in uns allen – und neue Regeln für alle

  • Das Phänomen Maradona ist rein sachlich schwer zu fassen: Andere haben mehr Tore geschossen oder mehr Titel gewonnen.
  • Keiner aber verkörperte so wie er den Willen nach Anerkennung durch andere, der tief in der Seele jedes Einzelnen siedelt.
  • Während viele seufzend zurückblicken auf diesen Weltstar, verlangt die Kanzlerin von ihren Deutschen schon wieder eine neue Kraftanstrengung.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

alle Welt redete gerade von Corona, da starb ein 60 Jahre alter Argentinier an einem Herzinfarkt.

Diego Armando Maradona, Weltstar des Fußballs, ist tot: Die Nachricht löste gestern Abend Betroffenheit und Trauer aus, rund um den Globus.

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Im Borussia-Park in Deutschland zum Beispiel, wo sich gerade Mönchengladbach und Donezk in der Champions League gegenüberstanden, wurde es vor gespenstisch leeren Rängen nun auch noch auf dem Rasen still: Man hielt inne, für eine Gedenkminute.

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Diego Maradona ist tot
1:19 min
Der Fußballweltmeister von 1986 ist nach Angaben seines Anwalts in seinem Privathaus in Buenos Aires an einem Herzinfarkt gestorben.  © Reuters

Zum besten Spieler aller Zeiten war Maradona in den letzten Jahren immer wieder ausgerufen worden, mit Inbrunst. Auch RND-Sportchef Heiko Ostendorp schreibt in seinem Kommentar: „Für mich war er einer der Größten.“ Woher kommt diese magische Wirkung? Rein sachlich ist das Phänomen Maradona nicht so leicht zu fassen.

„Pelé hat mehr Tore geschossen, Messi mehr Titel gewonnen“, notiert der britische Fußballkenner Andrew Murray. „Aber wenn man Maradona mit einem Ball am Fuß gesehen hat, dann versteht man.“

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„Diego war Argentinien“, sagt der Staatspräsident

In Argentinien beginnt jetzt eine nationale Trauerzeit. Gerechnet wird mit den größten Trauermärschen seit dem Tod von Evita Peron im Jahr 1952.

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Die Geschichte von Maradona, der als Arbeiterkind aufwuchs, sich nie für etwas anderes als Fußball interessierte und genau deshalb seine Nation zur Welt­meisterschaft führte, bewegt bis heute jeden Argentinier. „Diego war Argentinien“, sagte Staatspräsident Alberto Ángel Fernández gestern Abend der Zeitung „Buenos Aires Times“.

Doch es geht um mehr. Das Phänomen Maradona deutet auf etwas tief in der Seele des Menschen Sitzendes, das Streben nach Anerkennung durch andere. Thymos nennt das der amerikanische Politologe Francis Fukuyama in seinem Weltbestseller „Identität“. Wahrscheinlich wohnt in allen Völkern und auch in jedem Einzelnen ein Stück Maradona: der leise Traum, man werde eines Tages für eine anfangs von niemandem für möglich gehaltene Leistung gefeiert ohne Ende.

Unsere Kollegen im Sport haben den deutschen Maradona-Kenner Oliver Wurm für unseren Nachruf auf Maradona gewonnen. Aus Anlass des 60. Geburtstags von Diego Maradona hat Wurm gerade erst das 120-seitige Magazin „Diego“ herausgebracht, das sich dem Leben und dem Werk des legendären argentinischen Idols widmet.

Merkel dreht den Spieß noch einmal um

Bis nach 22 Uhr stellten sich gestern Abend die Kanzlerin und die Regierungs­chefs von Berlin und Bayern, Michael Müller und Markus Söder, den Fragen der Hauptstadt­journalisten. Die Gespräche verliefen zäh, teilweise hitzig, und zwischendurch musste die Runde mehr als eine Pause einlegen, damit sich die Gemüter abkühlen konnten.

Bei Verhandlungen zu normalen Zeiten soll Merkel in solchen Situationen Wein nachschenken oder die Streithähne auffordern, sich noch etwas zu essen zu nehmen. Durch die Videoschalte fiel diese Form der Deeskalation jedoch flach, berichten unsere RND-Hauptstadtkorrespondenten.

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Maximal fünf Erwachsene aus zwei Haushalten sollen sich künftig noch treffen, die Ferien beginnen etwas früher, Händler sollen weniger Leute in die Läden lassen. Zu Weihnachten gibt es dann begrenzte Lockerungen. Einen Überblick zum neuesten Stand der Regelungen finden Sie hier. Wirklich tröstlich aber, schreibt unsere Berliner Büroleiterin und stellvertretende Chefredakteurin Eva Quadbeck in ihrem Leitartikel, ist nur „die Aussicht auf ein Frühjahr, in dem eine dann hoffentlich rasch wachsende Zahl an Bürgerinnen und Bürgern geimpft sein wird“.

Merkel zeigte sich trotz der späten Stunde in aufgeräumter Stimmung. Beim vorigen Videogipfel war der Eindruck von schlechter Vorbereitung aufgekommen. Nun aber lautet der Beschluss: vorwärts zur Vertiefung der vorweihnachtlichen Harmonie.

Mehr noch. Merkel drehte gestern Abend, darin hat sie inzwischen Übung, den Spieß wieder um: „Wir sind sehr davon abhängig, dass die Bürger vernünftig sind, dass sie solidarisch sind“, sagte die Kanzlerin. Es gehe jetzt noch einmal um eine große, gemeinsame Kraftanstrengung. Ist es Taktik? Vielleicht ist einfach auch Redlichkeit im Spiel. Merkel hat eine ähnlich hanseatische Staatsauffassung wie einst der Karl-Popper-Fan Helmut Schmidt: Die Zukunft ist offen, sie hängt nicht allein daran, was „die da oben“ machen.

Zitat des Tages

Lame duck pardons turkey.

„Lahme Ente begnadigt Truthahn“, unter dieser Wortspiel­überschrift berichten diverse englisch­sprachige Zeitungen (unter anderem „Guardian“ und „Washington Post“) über die traditionelle Freilassung eines Thanksgiving-Truthahns durch den – diesmal schon abgewählten – US-Präsidenten.

Leseempfehlungen

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Notfall­zulassung: Die Pharma­unternehmen Biontech und Pfizer haben für ihren Impfstoff in den USA eine Notfall­zulassung beantragt. Wie läuft ein solcher Prozess ab und wie wird die Qualität bei einem beschleunigten Verfahren sichergestellt? Ein Überblick von Michèle Förster.

Todeszahlen: Mit 410 Toten wurde am Mittwoch die höchste Zahl an Todesfällen seit Beginn des Corona-Ausbruchs gemeldet. Warum das nicht zwingend heißt, dass sich das Infektions­geschehen weiter verschlimmert, beschreibt Irene Habich.

„Tatort“: Am Sonntag feiert Deutschlands beliebteste Krimiserie ihren 50. Geburtstag mit einer Jubiläumsfolge. Wissen Sie eigentlich, wem die Augen gehören, die von Beginn an im Vorspann zu sehen sind? RND-Redakteurin Hannah Scheiwe hat mit dem heute 79-Jährigen Horst Lettenmayer gesprochen. Er hat ihr erzählt, wie es überhaupt zu seinem Auftritt kam, warum er findet, dass er mehr Gage verdient gehabt hätte, und ob er selbst noch „Tatort“ guckt.

Termine des Tages

Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt um 9 Uhr im Bundestag eine Regierungs­erklärung zur Corona-Pandemie ab. Sie will dabei den Kurs von Bund und Ländern für die Wochen bis zum Jahresende erläutern, auf den sie sich am Mittwoch mit den Minister­präsidenten der Bundesländer verständigen wollte.

In Berlin stellt um 10 Uhr die Drogen­beauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, ihren Jahresbericht vor.

Der Bundes­gerichtshof in Karlsruhe verhandelt ab 10 Uhr über Informations­pflichten von Online­händlern – im konkreten Fall geht es um Angaben zu einem Taschenmesser auf Amazon.

Polens Minister­präsident Mateusz Morawiecki wird heute zu einem Besuch in Budapest bei seinem ungarischen Amtskollegen Viktor Orbán erwartet. Polen und Ungarn wollen eine gemeinsame Linie gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel abstimmen, die als amtierende EU-Rats­präsidentin beide Länder darum gebeten hat, ihren Widerstand gegen den EU-Rechts­staats­mechanismus aufzugeben.

In München sollen um 15 Uhr der aktuelle Restaurant­führer Gault-Millau vorgestellt und der Koch des Jahres bekannt gegeben werden.

Wer heute wichtig wird

Rainer Dulger (56), Unternehmer aus Heidelberg und bisher Chef des Arbeit­geber­verbands Gesamtmetall, soll heute zum neuen Präsidenten der Bundes­vereinigung der Deutschen Arbeitgeber­verbände gewählt werden. Von Dulger wird in Arbeitgeber­kreisen eine etwas härtere Gangart erwartet als vom bisherigen Amtsinhaber Ingo Kramer. Einen Vorgeschmack gab Dulger bereits, als er jüngst der IG Metall in einem Interview empfahl, sich Lohn­erhöhungen in nächster Zeit schon mal aus dem Kopf zu schlagen: „Die Verteilungs­spielräume sind momentan einfach nicht da.“

„Die Verteilungs­spielräume sind momentan einfach nicht da“: Arbeitgeber­vertreter Rainer Dulger.

Dulger leitet mit seinem Bruder Andreas die von seinem Vater gegründete Firma Prominent, die zu den sogenannten Hidden Champions in Deutschland zählt. Das Unternehmen entwickelte eine elektronische Magnet­dosier­pumpe, die kleinste Flüssigkeits­mengen für die Chemie-, Papier- und Getränkeindustrie präzise zu dosieren vermag. Prominent ist auf diesem hoch spezialisierten Feld Weltmarkt­führer.

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag!

Aus dem RND-Newsroom: Matthias Koch

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