Wie ein Fotograf ins Visier der Stasi geriet

  • Frank Tornow teilte mit vielen anderen die Leidenschaft, Flugzeuge zu fotografieren - in der DDR aber galt er dadurch als Systemfeind.
  • Der paranoid-misstrauische Staat zerstörte das Leben des technikbegeisterten Hobbyfotografen.
  • Selbst nach der Wende noch.
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Hannover. Frank Tornow weiß noch genau, was er am 3. Oktober 1990 gemacht hat, am Tag eins der neuen Bundesrepublik. Mit der Kamera legte er sich im Umfeld des Berliner Flughafens Tempelhof auf die Lauer – und machte Bilder eines Hubschraubers der russischen Baureihe Mi-8PS.

Für Laien ist dieses dreirädrige Fluggerät unspektakulär. Für den damals 31-Jährigen indes war es eine Sensation. Denn der Diensthubschrauber des letzten DDR-Innenministers Peter Michael Diestel trug bereits die neue Bundeswehrkennung “93+51” – untrügliche Zeichen der neuen Zeit.

Wie besessen von der Fotojagd nach Flugzeugen

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Dass Tornow an diesem Mittwoch vor 30 Jahren seinem Hobby nachgehen konnte, dem Fotografieren von Flugtechnik, Planespotting genannt, war ein Wunder. Und der Sieg über ein System, das sein Leben zerstört hatte. Gut 25 Jahre zuvor, im Sommer 1965, war der Sechsjährige aus Ostberlin mit einer Kamera vom Typ Beiretta an Rampe eins des neuen DDR-Flughafens Schönefeld erstmals auf die Pirsch gegangen, hatte eine IL-14M der jugoslawischen Luftwaffe abgelichtet.

Fortan war er wie besessen von der Fotojagd nach Flugzeugen, je ausgefallener, desto besser. Andere DDR-Kinder wollten in den Ferien ins Ferienlager, Tornow wünschte sich, zum Prager Flughafen zu fahren. Er hatte den Flugplan studiert und wusste, dass montags dort eine Boeing 707 landen würde. Also “urlaubten” Mutter und Sohn 1974 auf der Aussichtsterrasse, schliefen zwei Nächte im Wartesaal, aßen mitgebrachte Wurststullen.

Planespotting in der DDR: Ein Interflug-Flugzeug am Flughafen Berlin-Schönefeld. © Quelle: imago stock&people

Auf der Suche nach Planespottern im Westen

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Irgendwann registrierte der junge Planespotter, dass er mit dem seltsamen Hobby nicht allein war. Die Jäger mit ihren Kameras kannten sich bald. Die erschwerten Fotografierbedingungen – stets unter Zeitdruck und vom Flughafenzaun auf Distanz gehalten – führten dazu, dass man sich als Teil einer “Spotter-Familie” verstand.

Tornow suchte zudem Kontakt zu Gleichgesinnten jenseits des Eisernen Vorhangs. Weil man sich als Spotter auf seinen “Trophäen” nicht ausruht, sondern diese teilt. “Es gab da eine Ost-West-Arbeitsteilung”, sagt er. “Wir lichteten russische Baureihen ab, bekamen im Tausch aus der Bundesrepublik, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, Großbritannien, Frankreich Bilder von dort.”

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Das Hobby wurde Teil seiner Persönlichkeit. Er wurde nicht nur ein Technik-Nerd und begnadeter Fotograf, sondern bestand sein Abitur mit der Englischnote eins, was er globalen Briefkontakten sowie dem Hören britischer Militärsender wie BFBS und BFN verdankte. Aus ihm hätte vieles werden können – Pilot oder Konstrukteur. Tornow, der politisch desinteressiert war, schlug den systemkonformen Weg ein.

Nach dem Abitur 1978 auf der Erweiterten Oberschule (EOS), der ostdeutschen Variante des Gymnasiums, verpflichtete er sich zum verlängerten Dienst von drei Jahren als Unteroffizier bei der Luftwaffe der Nationalen Volksarmee (NVA). Das war der Preis, um danach einen der begehrten Studienplätze an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden zu ergattern. Die Zeit beim Militär empfand er nicht einmal als quälend – schließlich versetzte man ihn in eine Fla-Raketentruppe, dann zum Fliegeringenieurdienst für Hubschrauber, später zum Hubschraubergeschwader 34 nach Brandenburg-Briest.

Dort ging es vor allem um technisches Know-how. Die russischen Hubschraubertypen Mi-8, Mi-2 und Mi-4 kannte Tornow bald aus dem Effeff. Politik ließ ihn weiterhin kalt. “Willst du nicht mal in die Partei eintreten?”, wurde er gefragt. “Was denn für eine Partei?”, fragte er zurück. Eigentlich wollte er nur sicherstellen, dass Dinge fliegen können. Bis man ihn vom Himmel holte – mit aller Gewalt.

Schon als Kind von Flugzeugen fasziniert: Frank Tornow in jungen Jahren. © Quelle: privat
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Die Stasi hielt ihn für einen Spion

Das war im Juni 1981, kurz vor Ende seiner Armeezeit. Tornow hatte Urlaub, zudem eine Reisegenehmigung für das sozialistische Ausland, ausgestellt von der für Militärabwehr zuständigen Hauptabteilung I der Staatssicherheit. Also fuhr er nach Prag, hatte dort das Glück, eine IL-76M in den Farben der libyschen Libyan Arab Airlines (LAA) mit Heckkanonenstand zu knipsen.

Er gönnte sich einen Rückflug nach Berlin – und wurde in Schönefeld von Uniformierten zur “Klärung eines Sachverhaltes” gebeten. Tornow war in die Mühlen eines Systems geraten, das für sein paranoides Misstrauen den eigenen Bürgern gegenüber berüchtigt war. Man hielt ihn für einen Spion. Heute sieht er sich als eine Art Bauernopfer, um die Spotterszene, der man misstraute, einzuschüchtern.

Vielleicht hatte er auch nur Pech, weil die DDR-Staatsschützer nach einer Serie von Rückschlägen unter Druck standen. 1979 war Werner Stiller, Stasi-Oberleutnant der Hauptverwaltung Aufklärung, in den Westen übergelaufen – der schwerste Schlag, den der DDR-Geheimdienst je einstecken musste. Etwa zum Zeitpunkt von Tornows Verhaftung war der ebenfalls in der Hauptverwaltung Aufklärung als Hauptmann tätige Stasi-Offizier Werner Teske hingerichtet worden, auch er wollte überlaufen. Das Regime reagierte äußerst gereizt.

Zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt

Tornow warf man vor, er hätte während seines NVA-Dienstes “geheimzuhaltende Angaben über militärische Flugzeuge und Hubschrauber an Westberliner Personen übermittelt”. Obwohl Ermittlungen in der Stasi-Untersuchungshaft ergaben, dass “eine direkte nachrichtendienstliche Steuerung nicht erarbeitet werden konnte”, wie die Akten verraten.

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Und obwohl einer der Vernehmer protokollierte, dass Tornow nicht aus einer feindlichen Grundeinstellung gegen die DDR handelte, wurde der 22-Jährige zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Als einziger “Politischer” unter Kriminellen litt er unter Schikanen im Zuchthaus Brandenburg. “Dass Tornow regelrecht kaputt gehe”, befürchtete sogar der zuständige Stasi-Offizier.

Eine Szene aus dem Jahr 1982: Der Flughafen Berlin-Schönefeld in der Abenddämmerung. © Quelle: imago stock&people

In der DDR keine Zukunft

Allmählich wuchs in dem Planespotter die Gewissheit, in der DDR keine Zukunft zu haben, sodass er sich entschloss, eine Haftentlassung in den Westen anzustreben. Seit den Sechzigerjahren gab es geheime Verhandlungen zwischen West und Ost über den Freikauf politischer Häftlinge nach Verbüßen eines Teils der Strafe. Für Tornow ein schwerer Entschluss, vor allem mit Blick auf seine Familie – der Vater saß im Rollstuhl, äußerte mehrfach Suizidgedanken, bei seiner Mutter war Krebs diagnostiziert worden.

Vor diesem Hintergrund versuchte die Stasi, Tornow unter Druck zu setzen und für eine Mitarbeit zu gewinnen. Man hoffte, er könne im Westen die Spotterszene ausleuchten. Er ließ sich auf die Zusammenarbeit ein, lieferte aber schon im Knast nicht die gewünschten Spitzelresultate, sodass man ihn aufgab – und fast die gesamte Haftzeit absitzen ließ. Im Oktober 1984 starb sein Vater, man stellte ihm eine Teilnahme an der Beerdigung in Aussicht, falls er seinen Ausreiseantrag zurückzöge. Tornow lehnte ab.

Durch das Engagement westlicher Hilfsorganisationen öffneten sich im September 1985 für ihn die Gefängnistore – die kleinen wie die großen: Tornow wurde nach fünf Jahren und drei Monaten Haft in den Westen entlassen. Jetzt waren es westliche Geheimdienste, die sich für ihn interessierten, denn der Fall eines Ex-Unteroffiziers, der so lange inhaftiert war, weckte Aufmerksamkeit. Doch Tornow wollte nur eines: ein normales Leben führen – und endlich wieder Flugzeuge fotografieren. Er sah seine Mutter noch einmal, die als Invalidenrentnerin Westberlin besuchte, bevor sie kurze Zeit später starb.

Die Stasi zerstörte sein Leben

Die Stasi hatte nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Familie zerstört. Er begann, bei Audi zu arbeiten, versuchte ein normales Leben zu führen. Doch der Albtraum ging weiter. Die Stasi infiltrierte auch im Westen seinen Freundeskreis, brach in seine Wohnung ein. Es war wie ein niemals endender Fluch, von dem er erst mit dem Fall der Mauer befreit wurde.

“Nein, eine Befreiung war es nicht wirklich”, sagt Tornow heute, “denn jetzt kamen diese Leute in den Westen, man nannte sie Wendehälse.” Er musste bitter erfahren, dass der Traum vom normalen Leben eine Illusion war. Nach Problemen mit einem Arbeitgeber erlitt er 2001 Nervenzusammenbrüche, landete in der Psychiatrie, wurde 2009 für arbeitsunfähig erklärt, Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).

Heute ist Tornow zu 30 Prozent schwerbehindert. Er hat keine Familie mehr, führte nie eine Beziehung. Er wohnt in einem Berliner Stadtbezirk, wo die Straßen die Namen streitbarer “Helden der Lüfte” tragen: Oswald Boelcke, Manfred von Richthofen, Fritz Rumey. Auf die “Pirsch” geht er nicht mehr. “Es gibt keine Flugzeuge mehr, die mich interessieren”, sagt er. Sein einziger Triumph über die DDR, das ist ein Archiv von geschätzten 100.000 Dias aus 50 Jahren Planespotting – sein Lebenswerk.

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