Der Kampf in den Städten – und um die Vorstädte

  • Laut US-Präsident Donald Trump versinken Amerikas Städte in Chaos und Gewalt – und schuld daran trügen allein die Demokraten.
  • Stimmt das? Und was erhoffen sich Trumps Strategen vom rhetorischen Feldzug gegen die Metropolen?
  • In unserem Briefing zur Präsidentschaftswahl werfen wir einen genaueren Blick auf den US-Wahlkampf.
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Liebe Leserinnen und Leser,

herzlich willkommen zu unserem Newsletter “Die Schicksalswahl – der Kampf ums Weiße Haus”. In dieser Woche zoomen wir hinein in Amerikas Städte. Wir prüfen, was dran ist an der Behauptung von US-Präsident Donald Trump, die Metropolen des Landes würden in Chaos und Gewalt versinken. Und wir beleuchten das wahltaktische Kalkül hinter der Schwarzmalerei und verraten, was der einstige US-Präsident Richard Nixon damit zu tun hat.

Kein Tag vergeht mehr, an dem Trump nicht vor Gewalt und Zerstörung in Amerikas Großstädten warnt. “New York, Chicago, Philadelphia, Detroit, Baltimore, Oakland – ein einziges Chaos. Wir lassen das in unserem Land nicht zu”, verkündete er jüngst.

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Die Erklärung für den angeblichen Verfall der Städte liegt für Trump auf der Hand: Die US-Demokraten seien schuld. Wo sie regieren, gehe die Kriminalität durch die Decke. Auf Twitter illustriert Trump seine Behauptung mit Videos von brennenden Barrikaden und gewaltsamen Auseinandersetzungen, aufgenommen während der anhaltenden Proteste gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt und Diskriminierung.

Die Polizei setzt in Portland Tränengas und Spezialmunition zur sogenannten “Crowd Control” ein, um Demonstranten zu vertreiben. Die Proteste in Portland nach dem Tod von George Floyd dauern nun schon über 100 Tage an. © Quelle: Noah Berger/AP/dpa

Ironisch zitiert er das Wort von den “friedlichen Protesten” und wirft den Demokraten vor, mit angeblichen Linksradikalen zu paktieren. Trump kriminalisiert die Black-Lives-Matter-Bürgerbewegung. In seinen Augen stellt sie ein “Sinnbild des Hasses” dar.

Eine ungewöhnliche Kriminalstatistik

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Was ist dran an der These von den Städten des Schreckens? In einer Hinsicht hat Trump recht: Die Zahl der Mordopfer nimmt stark zu. Nach Berechnungen des Datenspezialisten und früheren CIA-Analysten Jeff Asher lag in den 25 größten US-Städten die Mordrate von Jahresbeginn bis Ende Juli um 26 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Aber: Gewaltverbrechen insgesamt verharren auf dem Vorjahresniveau, und Eigentumsdelikte gehen zurück.

© Quelle: twitter/@Crimealytics
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Die ungewöhnliche Verbrechensstatistik gibt Kriminologen Rätsel auf. Gut möglich, dass die Polizei angesichts der zahlreichen Proteste im Land nicht zu ihren sonst üblichen Aufgaben kommt. Gut möglich, dass sie angesichts der dokumentierten Fälle von Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern seltener zur Hilfe gerufen wird, weil ihr misstraut wird. Gut möglich ist auch, dass die stark gestiegenen Verkaufszahlen für Schusswaffen in diesem Jahr deren Gebrauch befördern. Und wahrscheinlich erzeugen Pandemie und Arbeitslosigkeit psychischen Druck, der sich gewaltsam entlädt.

Mehr Mord und Totschlag: So rechnet Trump

Die Tötungsdelikte mehren sich allerdings nicht nur, wie der Präsident behauptet, in Städten, die von US-Demokraten geführt werden. So steigt die Zahl der Mordopfer auch in Jacksonville und Miami – zwei von republikanischen Bürgermeistern regierte Großstädte im republikanisch regierten Bundesstaat Florida. Überdies nehmen die Tötungsdelikte unter der Präsidentschaft des Republikaners Trump zu. Womöglich ist die steigende Mordrate also keine parteipolitische Angelegenheit, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Trump aber vermengt die Mordrate in Ballungszentren mit den Bildern gewaltsamer Black-Lives-Matter-Proteste, macht für die Gewalt die Demokraten verantwortlich und leitet daraus seine Kernbotschaft in diesem Wahlkampf ab: Gewinnt sein Herausforderer Joe Biden die Wahl, greift die Apokalypse der Städte aufs ganze Land über. Oder, wie es sein Vize Mike Pence ausdrückt: “Die harte Wahrheit ist: Ihr werdet nicht sicher sein in Joe Bidens Amerika.”

Biden ist jetzt darum bemüht, das ihm von Trump angedichtete Image zu widerlegen. “Sehe ich aus wie ein radikaler Sozialist?”, fragte er betont milde seine Zuhörer neulich im umkämpften Bundesstaat Pennsylvania. Eine rhetorische Frage, klar. Als radikaler Sozialist hätte er wohl kaum fünf Jahrzehnte dem Establishment der US-Demokraten angehören können.

Biden in der Zwickmühle

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Wahlkampf im Dilemma: Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger US-Vizepräsident. © Quelle: Carolyn Kaster/AP/dpa

Und doch treiben Trumps Strategen Biden in ein Dilemma: Distanziert er sich allzu deutlich von den Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung, verliert er den für einen Wahlsieg dringend benötigten Zuspruch der Afroamerikaner. Äußert er vorbehaltlose Solidarität mit den Aktivisten, verprellt er wiederum die weiße Mittelschicht in Amerikas Vorstädten. Aber eben dort, in Suburbia, wie die Amerikaner ihr Scheinidyll der Vorstadtsiedlungen nennen, wird nach Ansicht vieler Beobachter die Präsidentschaftswahl 2020 entschieden.

Die Städter wählen demokratisch, die Landbevölkerung republikanisch – in den sich weit erstreckenden Vorstädten aber sind die Fronten nicht geklärt. Suburbia ist die Kampfzone dieser Wahl. Auf deren Bewohner zielt Trump ab, wenn er den Untergang der Innenstädte beschwört. Im Falle seiner Wahlniederlage werde niemand mehr da sein, der die Chaoten und Anarchisten davon abhalten könnte, von den Zentren in die Außenbezirke vorzudringen – das ist Trumps Botschaft. Bekräftigt hat er sie, indem er Gesetzesvorhaben kippte, die eine stärkere soziale und ethnische Durchmischung der überwiegend weißen Vorstädte zum Ziel hatten.

Auf ihrem Parteitag ließen die Republikaner die Eheleute Mark und Patty McCloskey über ihre Angst vor gewalttätigen Demonstranten berichten. Die McCloskeys stilisierten sich als Kronzeugen für das bedrohte weiße Vorstadt-Amerika – ausgerechnet jenes Paar, das vor seiner abgeschotteten Wohnsiedlung in St. Louis mit Pistole und Sturmgewehr auf vorbeiziehende Aktivisten zielte.

Patricia McCloskey und ihr Ehemann Mark griffen Ende Juni während eines Black-Lives-Matter-Protests in ihrer Nachbarschaft in St. Louis zu den Waffen. © Quelle: imago images/UPI Photo

Wiederholt sich Geschichte? Trump kopiert Nixon

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Die Vorstadtstrategie Trumps ist eine Kopie aus Richard Nixons Wahlkampf von 1968. Die Parallelen sind frappierend: Auch damals wurden Amerikas Städte – nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King – zu Schauplätzen wütender Proteste. In seinen Reden beschwor Nixon immerzu Bilder von Stadtzentren in Rauch und Flammen. Wer angesichts dessen nach “law and order” rufe, nach Recht und Ordnung, der sei kein Rassist, so Nixon, sondern gehöre zur “schweigenden Mehrheit”. Allesamt Begriffe, die heute die Tweets von Trump durchziehen.

Die Strategie der Angst verfing in den friedlichen, prosperierenden Vorstädten. Nixon gewann die Präsidentschaftswahl im Jahr 1968. Trumps Team hofft nun darauf, dass sich Geschichte wiederholt. Doch die Ähnlichkeiten zwischen damals und heute sind begrenzt. Zum einen sind Amerikas Vorstädte ökonomisch und ethnisch diverser, als sie es Ende der Sechziger waren.

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Zum anderen treibt deren Bewohner derzeit nicht so sehr die Angst vor Kriminalität um. Die größte Sorge der Leute gilt Umfragen zufolge der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Unsicherheit mit Blick auf Job, Krankenversicherung und die Beschulung der Kinder. Themen, von denen Trump lieber nicht spricht.

Doch bis zum Wahltag am 3. November vergehen noch acht Wochen. Offen ist, ob bei weiteren Fällen von Polizeigewalt und neu aufflammenden Protesten die Sorge um die eigene Sicherheit nicht doch auch in den Vorstädten um sich greift.

Die RND-Videoanalyse aus Washington

Video
Videoblog zur US-Wahl: Warum sich Trumps Anhänger kaum beeinflussen lassen
5:00 min
Werden die Berichte zu Trumps abfälligen Äußerungen über gefallene US-Soldaten die Wahl beeinflussen? US-Korrespondent Karl Doemens ist da skeptisch.  © RND

Zahlen vor den Wahlen

Haben die USA ein Rassismusproblem? Je näher der Wahltermin rückt, desto stärker hängt die Beantwortung dieser Frage mit der persönlichen Parteipräferenz zusammen. Zu diesem Befund, der die gesellschaftspolitische Spaltung der USA illustriert, kommt eine Umfrage des Instituts SSRS im Auftrag von CNN.

Im Juni, kurz nachdem der Afroamerikaner George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten erstickt war, gaben unter den Anhängern der Republikaner noch 43 Prozent an, Rassismus stelle ein großes gesellschaftliches Problem dar. Jetzt stimmen dieser Aussage nur noch 22 Prozent von ihnen zu. Unter den Wählern der Demokraten hielten im Frühsommer 90 Prozent Rassismus für ein gravierendes Problem – jetzt sind es 84 Prozent. Die Problematisierung von Rassismus ist damit über Parteigrenzen hinweg rückläufig – wenn auch auf sehr unterschiedlichem Niveau.

Auch der Zuspruch für die Proteste im Zuge von Polizeigewalt ist entlang der Parteilinien klar verteilt. Insgesamt halten 72 Prozent aller Amerikaner die Demonstrationen für angebracht – aber nur 60 Prozent der Anhänger der Republikaner. Auch interessant: Jeder vierte Amerikaner ist der Meinung, dass gewaltsamer Protest gerechtfertigt ist.

Unsere Leseempfehlungen

Trumps böse Botschaft in Richtung Berlin: Der amerikanische Präsident will Douglas Macgregor als neuen Botschafter nach Deutschland schicken. Der einstige Colonel der US-Armee wurde seit seiner Verrentung immer radikaler. Wie die Demokraten im US-Senat jetzt die Notbremse ziehen wollen, beschreibt Matthias Koch.

Können diese Republikaner Trump stürzen? The Lincoln Project ist ein Angriff aus den eigenen Reihen. Die Vereinigung ehemaliger konservativer Wahlstrategen will die Wiederwahl Trumps verhindern. Die Gruppe tritt scharf und bissig auf – ob sie Chancen auf Erfolg hat, erläutert RND-Autor Alexander Krenn.

Wer liegt vorne, wer wählt wen? Johannes Christ trägt stets aktuelle Daten zum Duell Trump gegen Biden zusammen.

Zitate der Woche

Bitte, ändert euer Leben da draußen. Wir können zusammenhalten, ein bisschen Geld verdienen, für unsere Leute alles leichter machen.

Jacob Blake, der von Polizeischüssen schwer verletzte Afroamerikaner, in einer Videobotschaft aus dem Krankenhaus

Schiffbruch in Texas

Hier noch eine Begebenheit, die nicht untergehen sollte: Bei einer Bootsparade von Trump-Fans in Texas sind fünf Boote gesunken. Dabei war das Wasser des Lake Travis nahe der Hauptstadt Austin am Samstag ruhig, kein Sturm weit und breit.

Auf dem sinkenden Schiff: Anhänger veranstalten eine Parade mit Booten für US-Präsident Trump auf dem Lake Travis in Texas. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Die Behörden vermuten, dass die große Anzahl der Boote und ihr geringer Abstand zueinander einige so stark ins Schwanken brachte, dass sie vollliefen. Ein Betroffener führte den Untergang seines Bootes darauf zurück, dass er wohl zu viele “Make America Great Again”-Fahnen aufgestellt hatte. Verletzt wurde niemand.

What’s next? Termine bis zur Wahl

29. September: Trump und Biden begegnen sich zum ersten Fernsehduell. Die Veranstaltung findet in Cleveland statt.

7. Oktober: Mike Pence und Kamala Harris treffen im Duell der Vizepräsidentenkandidaten aufeinander.

15. Oktober: Trump vs. Biden, zweite Runde im Fernsehduell

22. Oktober: Trump vs. Biden, dritte und letzte Runde

Amerika startet jetzt in die heiße Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfs. Wir hoffen, dass unser Newsletter zu einem besseren Verständnis der nicht immer übersichtlichen Nachrichtenlage beiträgt. Wenn Sie mögen, empfehlen Sie uns gern weiter.

Ihre Marina Kormbaki

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