Der Joker im Spiel: Kamala Harris

  • Nie war in einem amerikanischen Wahlkampf das TV-Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten so wichtig wie diesmal.
  • Kamala Harris ist der Joker, den die US-Demokraten jetzt ins Spiel bringen.
  • Demoskopen trauen ihr zu, in der Nacht zum Donnerstag den mittlerweile erstarrten Wettstreit alter Männer aufzumischen.
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Liebe Leserinnen und Leser,

es ist ein bisschen makaber. Aber die Viruskrise und das Alter der Präsidentschaftsbewerber Donald Trump (74) und Joe Biden (77) verschaffen in diesem Wahlkampf dem TV-Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten eine Bedeutung wie noch nie.

Jahrzehntelang war die Vize-Runde eher etwas zum Gähnen und zum Wegschalten. Das wird anders sein, wenn am Mittwochabend um 21 Uhr US-Ostküstenzeit Vizepräsident Mike Pence und die kalifornische Senatorin Kamala Harris in Salt Lake City aufeinander treffen. Denn vielleicht sitzt da tatsächlich der angehende Präsident Pence. Oder die künftige Präsidentin Harris.

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In der Nacht zum Donnerstag blickt ganz Amerika in diese Halle in Salt Lake City: Der Theatersaal Kingsbury Hall, in dem das TV-Duell der Vizes stattfindet, gehört zur Universität von Utah. © Quelle: Julio Cortez/AP/dpa

Das ZDF überträgt die Begegnung live, am Donnerstag ab 2.55 Uhr MESZ. Moderieren wird die 90 Minuten lange Runde Susan Page, die Washingtoner Büroleiterin der Zeitung “USA Today”.

Nach dem chaotischen Duell Trump/Biden vor einer Woche sind diesmal klarere Strukturen und Abläufe zu erwarten. Der physische Abstand wird angesichts des Corona-Ausbruchs im Weißen Haus noch ein Stück größer sein als bei Trump und Biden.

Simulierte Duelle hinter verschlossenen Türen

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Beide Lager stehen unter Hochspannung. Pence, gelernter Rechtsanwalt und früherer Gouverneur aus Indiana, hat sich, anders als sein Chef Trump, gründlich vorbereitet.

Die Aussicht, von Harris in die Mangel genommen zu werden, flößt dem 61-Jährigen offenbar einen Heidenrespekt ein. Die einstige oberste Staatsanwältin von Kalifornien ist in Washington gefürchtet für ihre messerscharfe Art, Fragen zu stellen. In Senatsanhörungen hat sie schon viele Gegner schlecht aussehen lassen.

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Kamala Harris flößt dem 61-Jährigen offenbar einen Heidenrespekt ein: Vizepräsident Mike Pence. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Pence hat viel geübt in den letzten Wochen, in simulierten Duellen. Zuletzt half ihm eine republikanische Parteifreundin, Pam Bondi, ehemals oberste Anklägerin im Staat Florida. Offenbar war es Pence wichtig, schon mal den Sound zu hören, der sich ergeben kann, wenn Vorwürfe nicht diffus vorgebracht werden, sondern stringent und schneidend, wie eine Beweissammlung der Staatsanwaltschaft.

Harris hat unterdessen in Testduellen mit ihrem Parteifreund Pete Buttigieg geprobt. Der 38-Jährige gehörte Anfang des Jahres zu den Präsidentschaftsbewerbern der Demokraten und entpuppte sich in den Vorwahlen als beeindruckendes politisches Talent. Buttigieg war Bürgermeister in South Bend, einer Stadt in Indiana – dem Bundesstaat, den Pence einst regierte. Die Demokraten haben sich genau befasst mit Stärken und Schwächen des früheren Gouverneurs.

Was tun mit den alten weißen Männern?

Buttigieg hat sich bemüht, sich so gut es geht in Pence hineinzuversetzen. Er konfrontierte seine Kollegin und Freundin Kamala in den simulierten Duellen hinter verschlossenen Türen mit allen denkbaren Attacken, auch solchen der fieseren Art. Sinn der Übung: Sie soll cool bleiben, egal was passiert.

Für Harris gibt es in der Nacht zum Donnerstag enorme, sogar historische Chancen. Sie ist erstens die einzige Frau in den Presidential Debates 2020. Zweitens ist die 55-Jährige die derzeit deutlich jüngste Figur auf der Bühne. Und drittens verkörpert sie als einzige das Amerika der erfolgreichen neuen Einwanderer: Ihr Vater, Professor für Wirtschaft, kam aus Jamaika, ihre Mutter, Medizinerin und Krebsspezialistin, aus Indien.

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Seine Parteifreundin Kamala soll cool bleiben, egal was passiert: Pete Buttigieg, im Frühjahr noch Mitbewerber um die Präsidentschaftskandidatur, jetzt Trainer von Senatorin Harris vor dem TV-Duell mit Vizepräsident Pence. © Quelle: imago images/ZUMA Press

In einer am Montag veröffentlichten YouGov-Umfrage schlägt Harris Pence mit 48 zu 45 Punkten. Doch wichtiger als solche Sympathievorsprünge sind mit Blick auf die nächsten vier Wochen die sogenannten Mobilisierungspotenziale. Demoskopen sehen in Harris einen Joker in der Hand der Demokraten: Die Frau könne möglicherweise sogar Leute zur Wahl bewegen, die daran noch nie teilgenommen haben – nicht zuletzt Zuwanderer aus Indien und Südostasien.

Umfragen zeigen, dass Harris in allen Wählergruppen positive Emotionen auszulösen vermag, besonders aber bei Jüngeren, bei Schwarzen sowie bei Wählern mit niedrigem Einkommen. Innerhalb der Vierergruppe mit Trump, Pence und Biden hat Harris den mit Abstand höchsten Wert beim “Emotional Value Index”.

Parteifreunde raten ihr allerdings, weniger ihren Migrationshintergrund zu betonen als auf ihre Mehrheitsfähigkeit zu achten. Über die vielzitierten alten weißen Männer in den USA, lautet die herrschende Meinung bei den Demokraten, dürfe Harris nicht herziehen, sie müsse sie gewinnen.

Streitthemen: Polizei, Corona und Abtreibung

Auf eine Gratwanderung könnte Harris beim Thema Polizeigewalt geraten. Übt sie allzu scharfe oder generelle Kritik an der Polizisten, könnte sie Polizisten als Wählergruppe verlieren. Spricht sie indessen allzu zahm über Themen wie die Tötung des schwarzen Amerikaners George Floyd, auf dessen Hals ein weißer Beamter knapp neun Minuten gekniet hatte, droht ihr eine Entfremdung von Bewegungen wie “Black Lives Matter".

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Was tun gegen Polizeigewalt und Gegengewalt? Straßenszene von Anfang September in Portland, Oregon, wo es wochenlang zu immer neuen Zusammenstößen zwischen Beamten und radikalen Gruppen kam. © Quelle: Noah Berger/AP/dpa

Das Feld, auf dem Harris mit Sicherheit Punkte sammeln wird, ist die Viruswelle. Zwar haben die Demokraten beschlossen, persönliche Angriffe auf Trump mit Blick auf dessen akute Erkrankung zu dämpfen. Pence aber, der seit dem Frühjahr die Corona-Task-Force des Weißen Hauses leitet, muss sich darauf einstellen, in der Sendung nicht geschont zu werden.

Eskalieren könnte das Duell Harris-Pence beim Thema Abtreibung. Während Harris als kalifornische Liberale das Selbstbestimmungsrecht der Frau betont, ist für den konservativen Evangelikalen Pence die befruchtete menschliche Eizelle heilig.

Harris will keine Kritik an religiösen Vorstellungen üben. In den vergangenen Monaten hat sie Gottesdienste diverser Bekenntnisse besucht. Aber sie will das altertümliche Frauenbild von Pence aufspießen.

Pence hat immer mal wieder eigentümliche Sichtweisen auf Frauen von sich gegeben. Unter anderem hat er einst erklärt, er gehe “nie allein abends essen mit einer Frau, die nicht meine Ehefrau ist”. Außerdem gehe er nicht zu Veranstaltungen, bei denen Alkohol serviert werde, außer wenn seine Frau dabei sei. Harris hatte diese Äußerungen als “lächerlich” bezeichnet.

Harris zelebriert die Ehe auf ihre Art

Lächerlich? Der eine oder andere Konservative zuckt da vielleicht im ersten Augenblick zusammen: Sind Ehe und Treue für Harris nicht so wichtig wie für Pence?

Ehemann und oberster Fan: Douglas Emhoff (links) mit Senatorin Kamala Harris, beim Besuch eines venezuelanischen Restaurants am Rande von Wahlkampfterminen in Florida. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Sind sie doch. Harris und ihr Mann, Douglas Emhoff, 55, Anwalt, in Brooklyn geboren als Sohn jüdischer Eltern und seit sechs Jahren mit Harris verheiratet, zelebrieren ihre Ehe sogar mehr als andere. Bei öffentlichen Auftritten und in den sozialen Netzwerken wirken sie noch immer wie frisch verliebt.

“Dougie”, wie Harris ihn nennt, ist nicht nur als Ehemann unterwegs, sondern auch als oberster Fan von Harris. Viele Frauen quer durch Amerika finden das super. Ein Videointerview mit Emhoff, in dem er begeistert über seine Frau spricht – die dann irgendwann auch noch zufällig dazu stößt –, wurde zu einem herzerwärmenden Youtube-Hit. Der Interviewer übrigens ist Chasten Buttigieg – der Ehemann von Pete Buttigieg.

Hinter den bröckelnden Fassaden der Trump-Präsidentschaft hat sich längst ein anderes, neues Amerika formiert, das viele in Europa nicht – oder noch nicht – auf dem Schirm haben.

Zahlen vor den Wahlen

Nach dem aktuellen Stand der Dinge würde Joe Biden mit einiger Sicherheit zum Präsidenten gewählt werden. Er müsste nur die nach Umfragen bereits deutlich von den Demokraten dominierten blauen Staaten gewinnen – keinen einzigen von den noch unentschiedenen (braun).

Präsident wird, wer im 538-köpfigen Wahlleutegremium mindestens 270 Stimmen bekommt. Die Wahlleute werden aus den Einzelstaaten entsandt, ihre Zahl richtet sich nach der Bevölkerungsgröße des Staates. Am meisten Gewicht haben Kalifornien (55 Wahlleute), Texas (38) und Florida (29).

Die “Consensus Map” der Webseite ″270 to win" fasst laufend die wichtigsten Umfragen zusammen und generiert auf transparente Art ein aktuelles Gesamtbild. Die blauen Staaten werden von den Demokraten dominiert, die rot markierten von den Republikanern. Die unentschiedenen sind braun. © Quelle: 270 to win

Donald Trump dagegen müsste, um zu gewinnen, drei Dinge schaffen: zunächst wirklich alle zu den Republikanern tendierenden roten Staaten holen, dann aber zusätzlich auch sämtliche unentschiedenen Staaten erobern und schließlich, ein kleines Stück weit jedenfalls, in das blaue Lager einbrechen. Dies ist nicht unmöglich, aber – nach dem jetzigen Stand aller zusammenfließenden Daten – sehr unwahrscheinlich.

Schwingungen in Swing States

In Florida läuft gerade nichts rund für Trump. Am letzten Freitag musste der Präsident wegen seiner Virusinfektion eine Kundgebung absagen – wenige Stunden vor Beginn. Gäste standen vor verschlossenen Gattern am Flughafen Sandford/Orlando, in lokalen Medien war von “bad timing" die Rede. Joe Bidens Veranstaltungen am gestrigen Montagabend fanden dagegen wie geplant statt. Auch Bidens Ehefrau, die promovierte Sprachwissenschaftlerin Jill Biden, trat am Montag in Florida auf.

Bald als First Lady im Weißen Haus? Dr. Jill Biden bei einer "Women-for-Biden"-Veranstaltung am Montagabend in Boca Raton, Florida. © Quelle: imago images/MediaPunch

Umfragen im “Sunshine State” zeigen unterdessen fallende Werte für Trump. Insbesondere hat er sich mit seinem Auftritt im nationalen TV-Duell offenbar keinen Gefallen getan. Schwarze Aktivisten in Florida zeigten sich verärgert über Trumps positive Signale (“stand by”) an die Proud Boys, eine rassistische Schlägertruppe. Hinzu kam, dass 65 Prozent aller Wähler sowohl in Florida als auch im Swing State Pennsylvania Anstoß nehmen an Trumps aggressivem Verhalten gegenüber Biden in der Debatte. In einer Umfrage von Siena College/New York Times ergibt sich inzwischen ein Vorsprung Bidens in Florida von fünf Punkten (47 zu 42). Auch eine Umfrage der Florida Chamber of Commerce ergab eine Differenz von fünf Punkten zugunsten Bidens. Wochenlang war Bidens Vorsprung in Florida deutlich kleiner.

Sollte das bevölkerungsreiche Florida, wo 2016 Trump vorn lag, tatsächlich an die Demokraten gehen, hätte Biden die Wahl schon deshalb klar gewonnen – unabhängig von allen anderen Swing States.

Die Schicksalswahl Der Newsletter mit Hintergründen und Analysen zur Präsidentschaftswahl in den USA.

Arizona könnte indessen ebenfalls ein blauer Staat werden – nachdem es 20 Jahre lang ununterbrochen republikanisch gewählt hat. Alarmierend für die Republikaner: 56% der Befragten im konservativen Arizona haben nach einer neuen Umfrage den Eindruck, die USA seien insgesamt “auf dem falschen Weg”. 53 Prozent haben “keinen guten Eindruck von Trump”. Zum Stimmungsumschwung trug Cindy McCain bei. Die Witwe des langjährigen republikanischen Senators John McCain hatte aus charakterlichen Gründen ihre Landsleute in Arizona aufgerufen, für Biden zu stimmen.

Im hart umkämpften Pennsylvania, wo Trump 2016 knapp gewonnen hat, liegt Biden mittlerweile in allen jüngeren Umfragen vorn. Hier wirken zwei Faktoren zusammen. Biden verbrachte seine Kindheit in Scranton, Pennsylvania, als Sohn eines Autohändlers; er hat hier ein Heimspiel – anders als die damalige New Yorker Senatorin Hillary Clinton, die 2016 auf Wähler aus Pennsylvania elitär und arrogant wirkte. Zudem hat Biden als Katholik die Chance, die zahlreichen katholischen Wähler im Südwesten Pennsylvanias anzusprechen – auch wenn Trump genau dieser Gruppe gerade mit der Nominierung der katholischen Juristin Amy Coney Barrett zur Richterin am Supreme Court ein großes Geschenk machen will. Im Fernsehen in Pennsylvania laufen derzeit Werbeblöcke, die Biden als einen biederen Mann des Glaubens zeigen.

Mit Blick auf Pennsylvania freilich muss auch – und da schließt sich der Kreis – Kamala Harris ihren Auftritt gegen Pence ein wenig dämpfen, zumindest beim Thema Abtreibung. Die USA sind und bleiben ein kompliziertes, vielgestaltiges Land.

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Zitat der Woche

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What’s next? Termine bis zur Wahl

­7. Oktober: TV-Duell zwischen Vizepräsident Mike Pence und der Kandidatin der Demokraten für die Vizepräsidentschaft, Kamala Harris, in Salt Lake City/Utah (live im ZDF am Donnerstag, 8. Oktober, um 02.55 Uhr)

­15. Oktober: Joe Biden und Donald Trump sollen in Miami zum zweiten Mal aufeinander treffen. Trump hat bislang trotz seiner Covid19-Erkrankung keinen Zweifel daran geäußert, dass dieser Termin eingehalten werden soll. Zweifel daran sind jedoch gewachsen.

­22. Oktober: Die letzte TV-Debatte der beiden Kandidaten soll in Nashville, Tennessee, über die Bühne gehen.

Wir begleiten Sie gern weiter durch diese spannenden Zeiten. Im nächsten Newsletter am Freitag fasst Marina Kormbaki für Sie den neuesten Stand der Dinge zusammen.

Stay tuned – and stay sharp!

Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

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