Der Grauschleier lichtet sich

  • Eine Woche mit großen Entscheidungen geht zu Ende.
  • Und tatsächlich: Deutschland ist in wichtigen Fragen einen großen Schritt vorangekommen.
  • Auf der Stelle stehen geblieben scheint hingegen Deutschlands Schauspieler­landschaft – wie eine missglückte Videoaktion beweist.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

heute geht eine Woche zu Ende, an die wir uns vielleicht noch lange erinnern werden. Uns wurde eine „Woche der Entscheidungen“ versprochen – und tatsächlich: Wir haben Tage erlebt, in denen Deutschland nicht nur viele Nachrichten produziert hat, sondern auch viel Ballast abgeworfen hat. Lange war es auf verschiedenen Feldern nicht vorangegangen. Es machte sich, nicht nur wegen Corona, immer mehr das Gefühl breit, in einer bleiernen Zeit zu leben.

Ein wenig hat sich der Grauschleier nun gelichtet.

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  • Am Ende dieser Woche ist eine Debatte abgeschlossen, die die Corona-Politik seit Herbst vergangenen Jahres quälend begleitet hat: Wie viel Flickenteppich darf sein, wie viel Macht muss der Bund haben? Mit dem Beschluss des Bundesrates zur Corona-Notbremse gestern ist ein Weg beendet worden, den Kanzlerin Angela Merkel mit einem Talkshowauftritt vor gerade einmal drei Wochen eingeschlagen hat. Die Länder geben Kompetenzen an den Bund ab, ein wahrhaft historischer Schritt. Mit dem neuen Infektions­schutzgesetz sind sicher nicht alle Corona-Probleme gelöst. Aber die Regierenden haben die Kraft gefunden, sich selbst aus einem Föderalismus­dilemma zu befreien. Schon von nächster Woche an könnten bundeseinheitliche Regeln für den Umgang mit Inzidenzwerten gelten. Es wird sogar Ausgangssperren geben, eine schmerzliche Erfahrung für viele Deutsche. Aber hatte es nicht zuletzt immer wieder Umfragemehrheiten für härtere Maßnahmen gegeben? Man gewinnt am Ende dieser Woche den Eindruck zurück, dass Deutschland wieder regiert wird. Reichlich spät vielleicht, aber hoffentlich noch mit Wirkung auf die weitere Corona-Entwicklung. Der Minister­präsidenten­konferenz wird sicher niemand nachtrauern.
Leere Gassen in der Nacht wie hier in Freiburg: Schon ab nächster Woche können in ganz Deutschland Ausgangssperren gelten. © Quelle: Patrick Seeger/dpa
  • Am Ende dieser Woche kennen wir die Spitzenkandidaten, die bei der Bundestagswahl im September gegeneinander antreten werden. Die Grünen erklären erstmals in ihrer Geschichte, dass sie das Kanzleramt erobern wollen. Und sie schicken mit Annalena Baerbock eine 40-Jährige ins Rennen, die jetzt beweisen kann, dass sie das Zeug dazu hat. Sie ist in jedem Fall ein Angebot für eine ganze Generation, die das Gefühl hat, am Zug zu sein. Baerbock ist die Grünen-Kandidatin geworden, obwohl der Co-Vorsitzende Robert Habeck die besseren Umfragewerte hatte. Auch für die Union geht der Kandidat ins Rennen, der nach Ansicht der Demoskopen die schlechteren Wahlchancen hat. Armin Laschet hat sich in einem extremen Machtkampf durchgesetzt. Er steht gerupft da, aber die Frage ist entschieden, ohne dass es die Union zerrissen hat. Und wie Laschet zum Wahlkampf­auftakt im Sommer dastehen wird, kann jetzt noch niemand sagen. Olaf Scholz schließlich, der Kandidat der SPD, ist längst nicht so abgeschlagen, wie vor Wochen noch viele glaubten. Auch für die SPD gibt es noch Regierungsoptionen. Und für die Wähler gibt es echte Alternativen.

Alles dichtmachen?

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Freuen durfte sich zum Ende der Woche auch die politische Alternative, die in der ganzen Kanzlerfrage nicht mitmischt: die AfD. Der Grund? Am Donnerstagabend wurden unter dem Hashtag #allesdichtmachen mehr als 50 Kurzvideos prominenter deutscher Schauspieler veröffentlicht. Darin kritisieren namhafte Stars und Sternchen des deutschen Fernsehfilms die deutsche Corona-Politik. Nicht selten in Worten und Narrativen, die von „Querdenkern“, Verschwörungs­theoretikern und vehementen Gegnern der Corona-Maßnahmen seit Monaten bemüht werden. Wer hinter der Organisation dieser Videos steckt, ist zumindest an diesem Morgen noch unklar.

„Diese Aktion ist ein Schlag ins Gesicht der erschöpften Pfleger und Ärzte“, kommentiert mein Kollege Imre Grimm, „eine Unverschämtheit.“ In beißenden Worten seziert er eine Aktion, die wahrscheinlich witzig und ironisch rüberkommen sollte, aber im Ergebnis vor allem die Hinterbliebenen von mehr als 80.000 Corona-Toten in Deutschland verhöhnt. Vielleicht ist das mittlerweile auch einigen Teilnehmern der Aktion klar geworden: Die ersten Videos, etwa das von Heike Makatsch, sind bereits offline.

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Zitat des Tages

Wir brauchen einen grünen Planeten – aber die Welt ist auf Alarmstufe Rot. Wir stehen am Rande des Abgrunds.

António Guterres, UN-Generalsekretär, am Donnerstag in seiner Rede beim virtuellen Klimagipfel der USA

Leseempfehlungen

Viele Corona-Patienten, die ins Krankenhaus kommen, brauchen Beatmungsgeräte. Aber das ist längst nicht alles. RND-Chefreporter Thorsten Fuchs berichtet über den Alltag auf einer Berliner Intensivstation – und den aufwendigen Versuch herauszufinden, was die Schwerstkranken noch alles benötigen.

­Auch die Zoos mussten in der Corona-Krise immer wieder schließen, auch aktuell haben nicht alle offen. Doch die Kosten in den Tierparks laufen normal weiter, weil Tiere gefüttert und von Pflegern versorgt werden müssen. RND-Redakteurin Hannah Scheiwe wirft einen Blick auf Deutschlands Zoolandschaft in der Pandemie.

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Aus unserem Netzwerk

„Es muss eben auch Verrückte geben“, sagt Michael Rott. Der 36-Jährige möchte auswandern. „Corona war für mich der letzte Anstoß, das Land zu verlassen“, sagt er. Den Plan setzt er zurzeit um – zu Fuß, sein Hab und Gut in einem kleinen Wägelchen und mit dem Ziel Norwegen, wie die „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) berichtet.

Michael Rott will nach Norwegen auswandern. © Quelle: Haig Latchinian

Termine des Tages

Ein heikler Termin in Brüssel: EU-Kommissions­präsidentin Ursula von der Leyen empfängt den ungarischen Premierminister Viktor Orbán. Ungarn steht wegen des Bruchs mit europäischen Werten immer wieder in der Kritik.

Schwierige Gespräche in Belgrad: Bundesaußen­minister Heiko Maas will bei einem Besuch in Belgrad ausloten, was die Europäische Union zur Lösung des Konflikts zwischen Serbien und dem Kosovo beitragen kann. Vor Serbien hatte er am Donnerstag das Kosovo besucht. Das überwiegend von Albanern bewohnte Kosovo hatte sich 1999 nach einer Nato-Intervention von Serbien losgelöst und 2008 für unabhängig erklärt. Serbien hat dies bis heute nicht anerkannt und erhebt weiterhin Anspruch auf das Territorium des von Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern, nicht aber von Russland und China anerkannten Staates.

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Große Fragen im Wiesbaden: Der Lübcke-Untersuchungs­ausschuss im Hessischen Landtag soll die Rolle der hessischen Sicherheitsbehörden im Mordfall Walter Lübcke aufarbeiten. Der Kasseler Regierungspräsident war 2019 von einem Rechtsextremisten getötet worden.

Wer heute wichtig wird

Heute geht eine Woche mit hochkarätigen Zeugen im Wirecard-Untersuchungs­ausschuss zu Ende – mit Kanzlerin Angela Merkel. Die Regierungschefin muss sich Fragen der Opposition gefallen lassen, warum die Bundesregierung das skandalumwitterte Unternehmen öffentlich unterstützt hat. © Quelle: imago images/Future Image

Der Podcast des Tages: Eine Halbzeit mit …

Eigentlich hatten sich Wolff Fuss und Heiko Ostendorp vorgenommen, einmal eine kürzere Folge von „Eine Halbzeit mit …“ zu produzieren. Doch dann kam die Super League. Und Hansi Flick. Und der Abstieg von Schalke 04. Herausgekommen ist eine absolute Megafolge. Absolut hörenswert.

„Der Tag“ als Podcast

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Ihr Jörg Kallmeyer

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