Der Gewinner des Syrien-Kriegs regiert in Moskau

  • Kremlchef Wladimir Putin hält die Fäden im Syrien-Krieg in der Hand.
  • Der Westen bleibt wieder mal nur Zuschauer.
  • Nie zuvor wirkte ein amerikanischer Präsident so töricht und ein russischer so schlau wie jetzt, meint Matthias Koch.
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Für die westliche Welt hatte Recep Tayyip Erdogan schon seit Wochen nichts übrig außer Hohn und Spott. Den Mahnbrief des US-Präsidenten, er möge doch „kein Narr sein“, sondern die Kurden gut behandeln, warf er in den Papierkorb. Den deutschen Außenminister putzte er als „Dilettanten“ herunter.

Am Dienstag allerdings wird es ernst, Erdogan wird sich jede Breitbeinigkeit verkneifen. Denn er ist zu Gast in Sotschi, bei Wladimir Putin. Über den russischen Präsidenten macht niemand Witze, auch Erdogan nicht. Putin nämlich ist so mächtig wie noch nie.

Putins Truppen treten in Syrien als einzige Ordnungsmacht auf

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Russland kontrolliert in Syrien nicht mehr nur den Luftraum. Putins Truppen treten neuerdings auch überall am Boden als einzige Ordnungsmacht auf. Die „politische Lösung“ für Syrien, von der europäische Politiker oft fantasiert haben, gibt es nicht. Zu besichtigen ist eine militärische Lösung, Putins Lösung. Russische Truppentransporter mit weiß-blau-roten Fähnchen fahren jetzt in die von den Amerikanern aufgegebenen nordsyrischen Stützpunkte. Hier und dort, so zeigt es das russische Fernsehen, liegen sogar noch gut gekühlte Coca-Cola-Dosen in den brummenden Kühlschränken.

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Putin führt der Welt ein Lehrstück vor. Russen und Amerikaner, lautet die Lektion, müssen einander nicht beschießen. Russland kann seine Macht auch vergrößern, wenn es nur Ruhe bewahrt – weil es umsichtig geführt wird von einem eiskalten Meister des großen globalen Schachspiels.

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Es geht längst nicht mehr nur um Militärisches. Nie zuvor wirkte ein amerikanischer Präsident so töricht und ein russischer zugleich so schlau wie jetzt, im Oktober 2019. Das wirkt sich weltweit aus, sogar in Systemdebatten. Putin stärkt den Vormarsch illiberaler Denker. Trump dagegen diskreditiert die demokratische Ordnung, die ihn hervorbrachte.

Es hilft Putin, wenn Demokraten sich gegenseitig, wie in den USA, für krank erklären

Jüngst unterstellte Trump der US-Oppositionsführerin Nancy Pelosi, sie sei wohl nicht ganz richtig „im Oberstübchen“. Derart heillose Konfrontationen in westlichen Demokratien, das übersehen viele, sind Wasser auf die Mühlen des Autokraten in Moskau. Es hilft Putin, wenn Demokraten sich gegenseitig, wie in den USA, für krank erklären. Wenn sie einander, wie in Großbritannien, nur noch austricksen. Wenn sie sich, wie USA und EU, im Handelsstreit um Flugzeuge und demnächst Autos bis aufs Messer bekriegen – statt gemeinsame weltpolitische Gegner zu erkennen.

Nichts hilft Putin so sehr wie jene beiden Wunden, die der Westen sich selbst im Jahr 2016 geschlagen hat und die bis heute täglich neuen Eiter und neues Fieber hervorbringen: Trump und Brexit. Wären die westlichen Mächte USA und Großbritannien nicht seit drei Jahren im Zustand eines intellektuellen Totalausfalls unterwegs, würde Putin viel weniger genial wirken. Doch alles ist relativ, auch in der Weltpolitik.

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