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Der deutsche UN-Botschafter – Merkels leiser Kämpfer gegen den Wahnsinn der Welt

  • Christoph Heusgen, deutscher UN-Botschafter und enger Vertrauter der Kanzlerin, bemüht sich um eine gemeinsame Resolution des Sicherheitsrats in der Corona-Krise.
  • Der Kernpunkt lautet: Angesichts der Pandemie braucht die Welt jetzt wenigstens mal eine globale Waffenpause.
  • Doch der deutsche Diplomat hat es extrem schwer: Die USA und China, in einen globalen Machtkampf verstrickt, hören nicht zu.
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Zwölf Jahre lang arbeitete Christoph Heusgen im Kanzleramt als treuer Diener Angela Merkels, in genau jenem Stil, den sie am liebsten mag: gewissenhaft, effizient, geräuschlos.

Heusgen war von 2005, den ersten Tagen der Kanzlerin Merkel, bis zum Jahr 2017 Leiter der Abteilung 2 (Außen- und Sicherheitspolitik). Auf diesem Posten sammelt man rund um den Globus Kontakte quer durch die Korridore der Macht – was aber nichts daran ändert, dass man im Inland unbekannt bleibt. Der Leiter der Abteilung 2 tritt nun mal nicht im Fernsehen auf – auch wenn es vorkommt, dass das, was er vom Kanzleramt aus in Richtung anderer Regierungszentralen kommuniziert, die Beziehungen zwischen Staaten stärker und schneller beeinflusst als alles, was im zweieinhalb Kilometer entfernten Auswärtigen Amt am Werderschen Markt geschieht.

“Der Sicherheitsrat ist nicht in der besten Phase seiner Geschichte”: Christoph Heusgen, Deutschlands Botschafter bei den Vereinten Nationen.
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Zum Lohn für langjährige Loyalität gab Merkel ihrem Chefdiplomaten vor drei Jahren einen Traumjob: Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York.

Schlimmste Lähmung der UN seit 75 Jahren

Doch nach und nach bekam der Job etwas zunehmend Albtraumhaftes. Erst wollte sich die erhoffte Verbesserung der deutsch-amerikanischen Beziehungen partout nicht einstellen. Dann wurde New York auch noch zum Hot Spot der Coronavirus-Epidemie in den USA. Und jetzt sieht sich der inzwischen 64-Jährige vor einer beinahe unmöglichen weltpolitischen Mission: In Absprache mit UN-Generalsekretär António Guterres hat Heusgen es übernommen, einen wohl letzten Versuch zu unternehmen, die Corona-Resolution des UN-Sicherheitsrats zu retten.

Doch es sieht nicht gut aus für dieses Projekt.

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“Der Sicherheitsrat”, sagte Heusgen am Mittwoch in einem ARD-Interview, “ist nicht in der besten Phase seiner Geschichte.” Man könnte es auch anders, weniger diplomatisch ausdrücken: Die gesamten Vereinten Nationen erleben gerade die schlimmste Lähmung seit ihrer Gründung vor 75 Jahren.

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Schon vor sieben Wochen hatte Guterres vorgeschlagen, die wichtigsten Weltmächte sollten doch bitte angesichts der Pandemie einfach mal einen globalen Waffenstillstand verkünden. Doch dazu kam es nicht. Seither ist – zu Recht – von einer Schande für die Welt die Rede.

Die Vetomächte USA und China sind verhakt in einem heillosen Streit um die Erwähnung der Weltgesundheitsorganisation WHO im Text der Resolution. China besteht auf einer Erwähnung, die USA sind dagegen. US-Präsident Donald Trump hat mittlerweile die Zahlungen der USA an die WHO gestoppt, der er vorwirft, zu chinafreundlich zu sein. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte vermitteln wollen, war aber gescheitert.

Heusgen will jetzt, grob gesagt, die WHO komplett weglassen aus dem Text und sich wieder auf den ursprünglichen Impuls von Guterres konzentrieren.

Eine deutsche Antwort an China und die USA

Was aussieht wie bloße Wortklauberei, ist in Wahrheit Ausdruck einer neuen Positionierung aller Mächte in der Welt. Der neue, alles dominierende weltpolitische Wettstreit ist der zwischen Amerika und China. Wie soll sich Deutschland jetzt verhalten? Sich klarer zu den USA bekennen, wie manche in Berlin es verlangen, Trump hin oder her?


Indem sie Heusgen jetzt vermitteln lässt, gibt Merkel eine ganz eigene Antwort. Sie will nicht, dass Deutsche und Europäer hineingezogen werden in den Konflikt der USA mit China. Doch sie will sich auch nicht mehr nur einfach wegducken. Den Rücken gerade machen und zwischen beiden vermitteln: Das ist aus ihrer Sicht genau die richtige Haltung.

Anders als Macron hängt sich Merkel nicht persönlich in die Sache rein, zumindest nicht sichtbar. Sie lässt es Heusgen versuchen. Der kann scheitern, ohne dass sie ihr Gesicht verliert. Am Ende soll es jedenfalls idealerweise so aussehen, als seien China und die USA selbst auf eine Lösung dieses Streits gekommen.

Heusgen ist in den nächsten Tagen wieder als diskreter Vermittler gefragt. Vielleicht kann er irgendwann später mal wieder eine Vernissage eröffnen oder kluge Interviews geben. Im Augenblick aber findet er sich, gegen Ende seines Berufslebens, doch wieder genau in derselben Rolle wieder, die ihm Merkel schon immer zugewiesen hat: als leiser Kämpfer gegen den Wahnsinn der Welt.

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