Der Corona-Ausbruch von Göttingen: Im Bunker, ein Jahr später

800 Menschen auf engstem Raum: Der Wohnblock Groner Landstraße 9 in­ Göttingen.

800 Menschen auf engstem Raum: Der Wohnblock Groner Landstraße 9 in­ Göttingen.

Göttingen. Am liebsten wäre Janina längst weg. Wäre raus aus dem „Bunker“, wie die Menschen, die darin leben, diesen Wohnblock selbst nennen, und würde in irgendeinem anderen Haus wohnen, in einem anderen Viertel. Aber rauszukommen, das war vorher schon schwierig, und nach dem, was vor einem Jahr geschah, da wurde es noch mal schlimmer, so kommt es ihr vor.

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Zum Beispiel erinnert sie sich an die Blicke, wenn sie in den Tagen und Wochen danach in die Stadt ging. „Man sieht es mir ja an, wo ich wohne“, sagt sie. „Die schlechte Kleidung, das kannst du ja nicht einfach ablegen.“

Ihr kleines Kind auf dem Arm, so steigt sie die Treppen hinauf. Vorbei an dem alten Teppich, den jemand im siebten Stock einfach hingeschmissen hat, Sonnenblumenschalen, Verpackungen, den Dreck auf den Stufen, an fleckigen Wänden vorbei, durch die Luft, die alle paar Meter anders zu riechen scheint, aber nie gut.

„Wenn du hier einmal eingezogen bist, kommst du hier nicht mehr weg“, sagt sie.

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Janina wohnt seit neun Jahren hier. Wenn sie über das Haus spricht, in dem sie die Hälfte ihres Lebens verbracht hat, klingt es, als beschreibe sie eine Falle.

Janina mit ihrem Kind: Ihr halbes Leben hat sie im „Bunker“ verbracht.

Janina mit ihrem Kind: Ihr halbes Leben hat sie im „Bunker“ verbracht.

Die Groner Landstraße 9 ist ein Wohnblock in der Göttinger Innenstadt, ein paar Fußminuten nur entfernt vom Bahnhof, gerade mal 800 Meter vom Gänselieselbrunnen, dem märchenhaften Wahrzeichen der Stadt. Ein Hochhaus mit zwölf Stockwerken, Waschbeton, Plattenbau, 800 Menschen auf engem Raum, in Ein- bis Zweizimmer-, nicht -wohnungen, sondern -apartments mit Kochecke.

Bundesweit bekannt wurde die Groner Landstraße 9 vor einem Jahr, als ausgerechnet Göttingen zum Ort zweier Corona-Ausbrüche wurde, die man eher in Berlin oder Hamburg, nicht aber in der Universitätsstadt im Süden Niedersachsens erwartet hätte. Erst im Iduna-Zen­trum, einem anderen Hochhausblock der Stadt, 60 Infizierte.

Und dann, weniger beachtet, aber weit extremer, hier, im „Bunker“. Als die Tests damals bei gut 100 Personen anschlagen, tut die Stadt etwas, das sie zuvor beim Iduna-Zentrum noch abgelehnt hatte: Sie riegelt den kompletten Block ab. Zieht einen Zaun drum.

Als Bewohner auszubrechen versuchen, als sie an der Absperrung rütteln und die Polizei bewerfen, drängt sie die Menschen mit Pfefferspray zurück. Acht Tage lang, bis zum 26. Juni, darf niemand hinein oder heraus. Es sind die bis heute gravierendsten Maßnahmen zur Eindämmung eines Ausbruchs – und die aggressivsten Proteste. „Das war wie im Gefängnis“, sagt Janina.

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Und heute? Wie ist die Situation dort jetzt? Und wenn Göttingen ein Zeichen war, wenn es eine Lehre aus Göttingen gab – welche war es?

20 Verwandte im Block

Ein Versuch, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ein Rundgang durch ein beliebiges Stockwerk, Aufgang A. An der ersten Tür fehlt die Abdeckung der Klingel. Die zweite Tür ist versiegelt. Die dritte steht offen, Antonia und Alexandru, so stellen sie sich vor, wohnen hier, ein Paar um die 50.

Aus Rumänien stammen sie, wie die allermeisten hier, zuletzt waren sie in Italien, in Spanien. Seit einem halben Jahr sind sie hier, Alexandru hofft auf Arbeit auf dem Bau. „Deutschland ist doch der Motor in Europa“, aber heute ist der Motor wieder nicht angesprungen, jedenfalls nicht für ihn, deshalb ist er heute wieder zu Hause.

Die Tür steht offen, in der Luft der Geruch der Hühnersuppe, die Antonia kocht, und der Zigaretten, die sie raucht. Kinder laufen ein und aus, es sind Kinder ihrer Kinder, Nichten, Neffen. Sie haben auch einen Enkel, der nicht so groß und so weit ist, wie er mit sieben sein sollte, um ihn kümmern sie sich. 20 Verwandte, sagen sie, lebten mit ihnen in diesem Block, in verschiedenen Wohnungen.

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Eine Frage des Maßstabs

Ob die Enge, der Schmutz sie stören? Es ist eine Nachbarin, jünger als sie, in Deutschland-Shorts, die, auch wenn auch sie kein Deutsch spricht, für sie antwortet. Fünf Kinder hat sie, das Jüngste noch ein Baby, sieben Personen auf 35 Quadratmetern. „In Ordnung“, sagt sie, „in Rumänien wäre es für uns viel schlechter.“

Die Zustände sind, wie so oft, auch hier eine Frage des Maßstabs.

Es gibt auch einige wenige Deutsche, die hier wohnen. Herr D. zum Beispiel, der gegen Mittag durch das Klopfen hochschreckt. „Eine Feier gestern“, sagt er entschuldigend an seiner Tür. Seit sieben Jahren wohnt er hier, oben, weiter Blick. „Man muss hier mit niemandem etwas zu tun haben“, sagt er. Es klingt, als sei das für ihn ein entscheidender Vorzug.

Abgestellte Möbel im Treppenhaus: Die Mieten gehören dennoch zu den höchsten der Stadt.

Abgestellte Möbel im Treppenhaus: Die Mieten gehören dennoch zu den höchsten der Stadt.

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Ganz oben, im zwölften Stock, tropft Wasser vom heftigen Regen am Morgen durch die Decke ins Treppenhaus.

Die Groner Landstraße 9 ist, wie viele solcher Gebäude, ein Geschäft. Für andere. Für die, denen die Groner 9 gehört. Ein großer Finanzinvestor gehört dazu, und mehrere Einzelne. „Die Quadratmetermietpreise gehören zu den höchsten in ganz Göttingen“, erklärt Cornelius Blessin vom Göttinger Mieterbund. Das Jobcenter zahlt ja, die Höchstgrenzen werden ausgereizt, für sehr kleine Wohnungen, 17,50 Euro seien da durchaus gängig. „Genommen wird praktisch jeder, der anfragt“, sagt Blessin.

Not macht Mieter. Die, die woanders keine Chance haben.

Vielleicht erklärt das die Ohnmacht, die mancher hier verspürt. Und auch die Wut, die daraus resultiert.

„Was soll das sein, Corona?“

Adrian sitzt an diesem heißen Junimittag auf dem Platz, den der Wohnblock umgrenzt, zusammen mit anderen Männern. Adrian ist jung, 30 vielleicht, kurzes Haar, gestutzter Bart, er hat noch eine Stunde, bis er zur Arbeit muss. Nachmittags putzt Adrian zwei Schulen, Stundenlohn 11,11 Euro, „nicht schlecht“, sagt er selbst.

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Nur führt es nicht dazu, dass er etwas anderes findet. Es ist die gleiche Erfahrung, die viele hier beschreiben: „Wenn du sagst, wo du wohnst, kannst du froh sein, wenn du deinen Job behältst“, sagt er. Eine andere Wohnung? „Unmöglich“, sagt er.

Adrian schimpft auf diejenigen im Block, die dafür sorgen, dass es dort aussieht, wie es aussieht. Die ihren Müll einfach irgendwo in die Ecke stellen, Taschen, Säcke, Kissen, Sessel.

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Und Corona? Wie war es damit, im letzten Jahr? „Meine Frau hatte Corona, meine Kinder hatten Corona, ich hatte kein Corona. Wie kann das sein? Was soll das sein, Corona?“, fragt er und erwartet keine Antwort. Es ist die Haltung, der man hier häufiger begegnet: dass es dieses Virus nicht gibt. Oder dass es nicht gefährlich ist. Und dass es, vor allem, nur eine Erfindung von denen ist, die damit Geld machen. „5 Euro pro Test, stell dir das vor“, sagt Adrian. Fast ein halber Stundenlohn für ihn.

Pfandflaschen für den Drogenabhängigen

Adrian ist in der Groner Land 9 ein gefragter Mann. Weil er Deutsch kann. Manchmal kommen andere zu ihm, zeigen ihm ihre amtlichen Briefe und fragen, was da steht. „SGB?“, fragen sie. „Sozialgesetzbuch“, sagt Adrian.

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Es wäre interessant gewesen, welche Wirkung es gehabt hätte, wenn Adrian verstanden hätte, was Corona wirklich ist. Oder wenn jemand es geschafft hätte, es ihm zu erklären.

Es gibt im „Bunker“, in der Groner 9, eine sehr menschenfreundliche, solidarische Seite. Als jemand vorbeikommt, der aussieht, als hätten Drogen seinen Körper so ausgezerrt, wie er jetzt erscheint, schenken Adrian und die anderen ihm die Pfandflaschen, die sie gerade ausgetrunken haben, wortlos, wie selbstverständlich.

Und es gibt eine aggressive Seite. Die sich zum Beispiel dann zeigt, wenn Behörden den Block unter Quarantäne stellen. Oder auch nur dann, wenn Journalisten kommen und nach diesem Ausbruch und den Lebensbedingungen hier fragen. Es ist, an einem anderen Tag, ein Mann, auch er von kräftiger Statur, ein Mann, der alle Gespräche rüde unterbindet und uns befiehlt, sofort zu gehen. „Sonst passiert etwas“, droht er.

Plötzlich verstummen alle

Es ist nicht klar, worauf sich seine Macht gründet, aber alle Männer, die eben noch freundlich und interessiert mit uns sprachen, verstummen plötzlich.

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Es gibt ein Securityfahrzeug vor dem Block. Aber von den Männern oder Frauen, die dazugehören, ist schon die ganze Zeit wenig zu sehen.

Was die Pandemie betrifft, ist das jedenfalls eine potenziell fatale Mischung: eine schwer erreichbare, aus vielen besseren und schlechteren Gründen gegenüber allem Äußeren skeptische Gruppe – und auf der anderen Seite Lebensbedingungen, die es extrem schwer machen, die Regeln, die gegen das Virus helfen sollen, einzuhalten.

Die wohlmeinende Stadt

Insofern war Göttingen ein Zeichen. „Die beiden Ausbrüche, im Iduna-Zentrum und in der Groner Landstraße, waren der erste deutliche Hinweis, welche Rolle die soziale Seite in der Pandemie spielt“, sagt Professor Berthold Vogel, Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts an der Universität Göttingen. Dass es in der Pandemie also nicht nur um Alter, Vorerkrankungen und R-Werte geht, sondern ganz wesentlich darum, wie und wo Menschen wohnen und arbeiten.

In Göttingen, dieser „wohlmeinenden Stadt mit sozialem Bewusstsein“, wie Vogel sie nennt, habe man das früh verstanden, weswegen Vogel sogar zum „Lob für die öffentliche Verwaltung“ ansetzt. Die Stadt selbst verweist auf „Ferienangebote speziell für Kinder aus Pro­blem­im­mo­bi­lien“, auf Gespräche mit den Hausverwaltungen, ihren Kampf gegen Überbelegung, Tests vor der Haustür, kostenlose Masken und Flyer in Fremdsprachen.

Die Inzidenz blieb in Göttingen seit jenen Junitagen auffallend niedrig. Die Stadtpolitik, geschockt von Infektionsfällen, negativen Schlagzeilen und Krawallen, fasste ehrgeizige Pläne, den Bau eines Fa­mi­li­en­zen­trums und einer Kita, „was mich sehr erleichtert“, sagt Christian Hölscher, Geschäftsführer der Jugendhilfe Göttingen, die in den Blöcken mit ihren Sozialarbeiterinnen und -arbeitern im Einsatz ist.

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Im Zentrum: Blick aus dem Wohnblock auf die Göttinger Innenstadt.

Im Zentrum: Blick aus dem Wohnblock auf die Göttinger Innenstadt.

Aber da war Göttingen, das akademisch-liberale Idyll, wohl auch eine Ausnahme. „In der Gesamtdebatte“, sagt der Soziologe Vogel, „ging dieser Aspekt weitgehend unter.“ Da dauerte es bis zum Frühjahr, als die Daten zum Beispiel aus Köln zeigten, dass die Inzidenz in den Wohnblocks von Chorweiler um ein Vielfaches höher lag als in den wohlhabenderen Stadtteilen. Bis heute, bemängelt Vogel, gebe es dazu kaum Daten, was die Gefährdung bestimmter Berufsgruppen oder Schichten angeht: „Im Sinne einer künftig verbesserten öffentlichen Gesundheitspolitik besteht hier Nachholbedarf.“

Man hätte es also wissen können.

Und zur Wahrheit gehört also auch, so sagt es auch der Jugendhelfer Hölscher, dass sich in diesem Jahr für die Menschen „baulich und wohnlich bislang eigentlich nichts verändert hat“, wie der Sozialarbeiter sagt.

Janina nun, die sehr junge Mutter, will nicht warten, bis es irgendwie besser wird. Sie will raus aus dem „Bunker“. Es gibt aber noch eine Ungewissheit: Ihrem Freund drohe noch eine Strafe wegen der Krawalle vor einem Jahr. Es sei nicht klar, was wird, sagt sie. Aber wenn ihr Kind etwas größer sei, dann werde sie arbeiten.

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Und dann werde sie es schaffen, weg von hier, irgendwie.

Alle Namen von Bewohnerinnen und Bewohnern wurden geändert.

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