Der Buchhalter von Auschwitz

  • Oskar Gröning war von 1942 bis 1944 als SS-Mann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eingesetzt.
  • Im Jahr 2015 verurteilte das Landgericht Lüneburg den damals 94-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Freiheitsstrafe.
  • Gröning starb 2018, ohne die Strafe angetreten zu haben.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Er musste reden, so viel war klar, auch wenn er das Gegenteil behauptete. Nein, er wolle jetzt nichts mehr sagen, beteuerte Oskar Gröning am Telefon, damals, Anfang Dezember 2013, nur um dann sehr detailreich zu erzählen, was er schon alles beschrieben habe, vor vielen Jahren gegenüber früheren Ermittlern und in einem Interview mit der BBC. Dass er in Auschwitz war, ja, dass er aber niemandem etwas getan habe, dass er dreimal versucht habe wegzukommen und dass er sich nach dem Krieg allen Holocaust-Leugnern entgegengestellt habe. Indem er erzählt habe, wie es wirklich war.

Das Gespräch, in dem er sagte, nichts mehr sagen zu wollen, dauerte eine halbe Stunde.

Am nächsten Tag fuhr ich zu ihm in die Lüneburger Heide.

Anzeige

Oskar Gröning kam gerade vom Kaffeekränzchen im Dorf, Bekannte brachten ihn im Auto. Er hatte Mühe, sich aus dem Beifahrersitz zu erheben. Nur mit der Hilfe seiner Freunde schaffte er die wenigen Meter bis zur Haustür. Ob ich ihm nun doch noch einige Fragen stellen darf? Gröning wirkte zu sehr beschäftigt mit dem jeweils nächsten Schritt, um sich dem Besuch wirklich zu widmen. Dann, im Wohnzimmer, ließ er sich in sein Sofa fallen und sagte: „Sie werden mich so nehmen, wie ich bin.“

Das konnte man als Warnung verstehen. Oder als Befehl.

Ermittlungen gegen 30 frühere SS-Männer

Mein Besuch bei Oskar Gröning Ende des Jahres 2013 hatte einen triftigen Grund: Gröning stand jetzt, mit 92 Jahren, fast 70 Jahre nach Kriegsende, im Fokus der Justiz. Einige Monate zuvor hatte die Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg erklärt, sie führe neue Vorermittlungen gegen 30 frühere SS-Männer aus Auschwitz. Hochbetagte Männer, Greise längst, denen die Justiz keine konkrete Tat, keinen Mord nachweisen konnte, die aber als Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie dennoch ihren Anteil am Massenmord hatten, so der Vorwurf. Die Ermittlungen waren die Konsequenz daraus, dass das Landgericht München den SS-Helfer John Demjanjuk zwei Jahre zuvor wegen Beihilfe zum Mord verurteilt hatte, ebenfalls, ohne ihm eine einzelne Tat zur Last zu legen.

Anzeige
Oskar Gröning als junger SS-Mann. © Quelle: dpa

Was nun folgte, war der letzte verzweifelte Versuch der deutschen Justiz, der letzten Täter habhaft zu werden – und ein riesiges Versäumnis zu tilgen: das eigene Versagen im Angesicht des Holocaust.

Anzeige

Für Oskar Gröning, der vom September 1942 bis zum Oktober 1944 als SS-Mann in Auschwitz war, wird es Ende 2013 ernst: Die Staatsanwälte ermitteln regulär gegen ihn. Aber das hat ihm bis dahin noch niemand gesagt. Er erfährt es jetzt.

Nur für einen Moment wirkt er überrascht – und dann bemerkenswert abgeklärt. So, als geschehe nun etwas, von dem ihm von Anfang an klar war, dass es irgendwann kommen müsste.

„Ich habe (nach dem Angriff auf die Sowjetunion, Anm. d. Red.) weitblickend daran gedacht, dass es, wenn das, wie es den Anschein geht, in die Hose geht, sicher Folgen haben würde. Und dass diese Folgen sich nicht nur auf die Führungskräfte (beziehen), sondern auch diejenigen, die irgendwas sich haben zuschulden kommen lassen, eingeschlossen sind.“ Oskar Gröning, so kann man ihn verstehen, muss auf eine gewisse Art überrascht gewesen sein von der Milde, mit der die Justiz nach dem Krieg vielen Unteren aus der NS-Hierarchie lange begegnete.

Mit dem Rollator zur Anklagebank

Anzeige

Und nun war es also so weit. Das Gespräch, auf das er sich in den nächsten zwei Stunden einließ und aus dem wir hier ausschnittsweise zitieren, war eines der letzten, das er vor dem Prozess mit einem Journalisten führte – bevor er zu einer weltweit bekannten Symbolfigur für die Fragen nach Schuld, Reue und der Möglichkeit von Strafe wurde.

Der frühere SS-Mann Oskar Gröning 2015 während des Prozesses gegen ihn vor dem Landgericht Lüneburg.

Es waren zwei Fragen, die sich beim Anblick dieses Greises mit seinem Rollator auf dem Weg zur Anklagebank bei diesem Prozess in Lüneburg stellten. Die erste lautete: Hat das alles jetzt noch einen Sinn? Die zweite, nachdem man den Überlebenden zugehört hatte, die im Gericht vom Morden, vom Sadismus und der unfassbaren Grausamkeit in Auschwitz berichteten, lautete: Kann es irgendeine andere Möglichkeit geben, als jeden, der in Auschwitz irgendeine Rolle spielte, auch noch am Ende seiner Tage zu bestrafen?

Von diesem Prozess ist Oskar Gröning im Dezember 2013 noch weit entfernt. Und doch wirkt es, als beginne er da schon mit der Vorbereitung.

„Wissen Sie denn, wie das läuft?“, fragt er mehrmals während des Gesprächs und meint die weiteren Ermittlungen. Wenn ihm das Gespräch nicht schnell genug geht, wenn es Pausen gibt, treibt er: „So, weiter im Text“, sagt er dann mehrmals, ungeduldig, als habe er keine Zeit mehr zu verlieren.

Ein Zaun und ein Turm vom Vernichtungslager Auschwitz. © Quelle: Getty Images
Anzeige

„Eine unschöne Erinnerung“

Gröning kann aufmerksam sein, ein höflicher, sich sorgender Gastgeber; mir bietet er Getränke an, Abendbrot, fragt, ob mein Heimweg angesichts des Schneefalls unsicher würde. Im nächsten Moment wirkt er enorm gefühlskalt. Auf die Frage, ob ihn die Bilder aus Auschwitz verfolgten, der Anblick eines an einer Lkw-Stoßstange erschlagenen Kindes, von dem er einmal erzählte, antwortet er 2013: „Nein, das nicht. Das Leben ist so lang, mit so vielen Sachen belastet, dass das ein Blitzlicht aus meinem Leben ist, eine unschöne Erinnerung, weiter nichts.“

Später, im Prozess, sprach er vor den Überlebenden und ihren Angehörigen von der „Entsorgung der Häftlinge“, vom Wasser, das er jetzt trinke „wie wir in Auschwitz den Wodka“. Oskar Gröning neigte dazu, im Zweifel ehrlich zu sein. Das machte es ebenso erhellend wie erschreckend, ihm zuzuhören.

Zu dieser Ehrlichkeit gehört auch, dass Oskar Gröning gar nicht erst versuchte, nachträglich eine Distanz zum NS-Regime zu behaupten, die er nicht hatte. Als er, der frühere Sparkassen-Lehrling, 1942 mit 21 Jahren nach Auschwitz kam, war er überzeugter Nazi. Punkt.

„Ich wäre nicht in die Waffen-SS gegangen, wenn ich meine Zweifel gehabt hätte. (...) Ich wollte zur Elite. (...) Wenn man als junger Mann wie ich, vom zehnten Lebensjahr an, unter der fortwährenden Propaganda der Nationalsozialisten stand, dann können Sie davon ausgehen, dass man das für richtig hielt. Uns wurde gesagt, dass diese Bekämpfung der Juden nichts anderes ist als was an der Front passiert. (...) Die Feinde des Inneren durften nicht geschont sein. (...) Das war aber mit dem, was wir alles eingetrichtert bekamen, in Ordnung.“

Immer wieder verfällt Gröning an diesem Abend im Winter 2013 in den Jargon der NS-Zeit – und nie wird ganz klar, wo er zitiert und wo die Sprache einfach seinem Denken entspricht. Wenn all dies die Folge von Propaganda ist, dann wird jedenfalls klar, wie mächtig sie war.

Dienst in „Kanada“

In Auschwitz, im Vernichtungslager Birkenau, kam Gröning nach „Kanada“ – das ist der Name jenes Lagers, in dem die SS das Geld und die Wertsachen der Menschen sammelte. Er zählte das Geld, das da in verschiedenen Währungen bei ihm ankam, Francs, Zloty, Mark, Dollar, verbuchte es – daher sein Name: Buchhalter von Auschwitz – und brachte es regelmäßig nach Berlin.

Manchmal hatte er an der Rampe Dienst. Dort, wo die Menschen ankamen, aus den Viehwaggons geholt und zu den SS-„Ärzten“ geführt wurden, die mit einem Fingerzeig darüber bestimmten, wer sofort in die Gaskammer geschickt wurde und wer erst später.

„Wir sind so lange geblieben, bis der letzte Koffer von der Rampe gekommen ist“, sagt Gröning 2013. Und: „Mit der Selektion hatte ich nichts zu tun.“

Deshalb, folgerte Gröning, sei er unschuldig. Jedenfalls im juristischen Sinne. Das ist absurd, weil er ja an der Rampe mit dafür sorgte, dass alles den Anschein des Ordentlichen hatte, dass also niemand Verdacht schöpfte, sondern jeder annahm, in Auschwitz würde man sich sorgsam um das Eigentum kümmern.

Zugleich beschrieb Gröning exakt jenes Prinzip der deutschen Justiz, nach dem Gerichte mehr als 40 Jahre lang urteilten. Oder eher: nicht urteilten, weil Staatsanwaltschaften die meisten Verfahren einstellten.

So wurden in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen in den Sechzigerjahren zwar gut zwei Dutzend Täter verurteilt. Zugleich aber folgten die Richter nicht dem Ankläger Fritz Bauer, sondern verurteilten nur diejenigen, denen konkrete unmittelbare Taten zugeordnet werden konnten – als wäre Auschwitz-Birkenau nicht eine einzige, allein aufs Morden ausgerichtete Maschinerie gewesen. So kam es, dass von rund 6500 SS-Männern, die allein in Birkenau eingesetzt waren, nur 43 auf einer Anklagebank landeten.

Video
Auschwitz: Die Geschichte hinter der menschengemachten Hölle
1:50 min
Die Geschichte der Mordfabrik in Zahlen und Fakten.  © Ulrich Krökel/Lena Holzinger/RND

Der Chef blieb unbehelligt

Oskar Grönings Chef in Auschwitz hieß Theodor Krätzer. Er war sieben Jahre älter als Gröning, ein SS-Obersturmführer. Auch gegen ihn, wie gegen so viele andere, erhob die deutsche Justiz nie Anklage. Grönings Pech war, dass er so lange lebte, bis sich die deutsche Justiz eines Besseren besann.

Damit haderte er.

„Dass sie auf den letzten Drücker noch kommen, das spricht eigentlich nicht für diese Leute.“ Mit „diese Leute“ meinte er die Staatsanwälte.

Es hatte ja tatsächlich nicht an Gelegenheiten gefehlt, ihn früher zu bekommen. Man konnte alles wissen. Oskar Gröning hat sich nicht versteckt. Nach dem Krieg wurde er Personalchef einer Fabrik, zweifacher Vater, Briefmarkensammler, Opernliebhaber. Er wurde später, in den Siebzigerjahren, auch von Staatsanwälten befragt. Zwei Ermittlungsverfahren gegen ihn wurden eingestellt. Dreimal hat er in Verfahren gegen andere SS-Männer ausgesagt – ohne dass er das Gefühl gehabt hätte, dass seine Sätze wirklich jemanden interessierten.

„Die haben nur für die Galerie den SS-Mann befragt, der da unten saß.“ Aber Gröning redete weiter, auch als im Briefmarkenverein ein Neonazi neben ihm saß. „Der sagte: Der Holocaust hat niemals stattgefunden. Ich sagte: ‚Bist du verrückt?‘ Und ich habe ihm die Auschwitz-Lüge, die er mir zum Lesen gegeben hat, gelesen und kommentiert, immer ein bisschen ironisch.“

Er sei „anderen Sinnes geworden, was die verbrecherischen Dinge des Regimes betrifft“, sagte Gröning an jenem Dezembertag 2013. Er zeichnete das Bild eines Mannes, der sich den Hass der Alt- und Neonazis zuzog, weil er alles schilderte, was in Auschwitz geschah. Und der drei Versetzungsgesuche gestellt hatte, weil er von dem, was er als „Auswüchse“ in Auschwitz bezeichnete, entsetzt gewesen sei.

Er redete – beseelt von dem Glauben, Verständnis zu wecken

Der Prozess eineinhalb Jahre später erschütterte zumindest in Teilen dieses Bild. Man hätte ihn wohl auch schon früher aus Auschwitz fortgelassen, wenn er stärker darauf gedrungen hätte. Weil er als kriegstauglich galt und man an der Ostfront jeden Mann brauchte, wie Historiker es schilderten. Aber es stimmt wohl eben auch, was er an jenem Dezembertag sagte: „Auch das war mir klar: Wenn ich einen Posten habe in der Verwaltung, lässt es sich ja besser leben als an der Front in Russland. Das hat man mir ja auch zum Vorwurf gemacht. Aber den möchte ich sehen, der sagt: Ich gehe da jetzt freiwillig hin. Am Ende war das bei mir ja so. Als ich im September 1944 das letzte, schriftliche Versetzungsgesuch stellte, war das gleichbedeutend mit Fronteinsatz.“

Nur: Dieses Gesuch stellte er eben erst nach zwei Jahren in Auschwitz.

Als das Landgericht Lüneburg 2015 den Prozess gegen ihn eröffnete, machte es Oskar Gröning nicht wie so viele vor ihm. Er redete. Er redete und redete, offenbar beseelt von der Überzeugung, Verständnis zu wecken. Er sprach auch von „Reue“, „Demut“, „moralischer Mitschuld“ – und verstörte mit seiner Wortwahl und dem Einblick in das Denken eines Mannes, der noch immer tief in jener Welt und Zeit gefangen war, von der er vorgab, sich gelöst zu haben. Im Dezember 2013 hatte er noch gesagt, er habe „nie innerlich richtig Ruhe gehabt“.

Am Ende verurteilte ihn das Gericht zu vier Jahren Freiheitsstrafe. Er ist bislang der einzige jener 30 früheren SS-Männer, gegen die ursprünglich ermittelt wurde, der rechtskräftig verurteilt wurde. Nicht nur aus Sicht der Überlebenden war das eine sehr milde Strafe für jemanden, der zwei Jahre lang Teil der Mordmaschinerie Auschwitz-Birkenau war.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen