Der Adler erschreckt den Drachen

  • Die USA zeigen sich China gegenüber nicht nur selbstbewusst, sondern kampfbereit – und steigern die Spannung im Südchinesischen Meer.
  • Außerdem in dieser Ausgabe: Immunologen warnen vor einer „Pandemie der Ungeimpften“.
  • Und das aufatmende New York feiert beim Bodypainting Day eine nackte, neue Buntheit.
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Liebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie das Kürzel SCS? In Debatten in Washington, aber auch bei der Nato in Brüssel taucht es immer häufiger auf. Man sieht es in Tagesordnungen von Politikerinnen und Politikern und Militärs als Besprechungspunkt, der zwar erwähnt, aber nicht näher erläutert wird.

Insider wissen: Alle Streitigkeiten in der Region „South China Sea“ sind derzeit weltpolitisch „red hot“. Das Südchinesische Meer entwickelt sich von Tag zu Tag mehr zur neuen globalen Konfliktzone Nummer eins.

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Chinas Präsident Xi Jingping will seinen Einfluss in dem Gebiet ausdehnen – und nimmt dabei auf internationales Seerecht immer weniger Rücksicht. Kleinere Staaten quer durch die Region, von den Philippinen bis Vietnam, sehen sich eingeschüchtert durch eine breitbeinig wie noch nie auftretende chinesische Marine.

Unter Führung von Joe Biden zeigen jedoch mittlerweile auch die USA in der Problemregion SCS ein verblüffendes neues Selbstbewusstsein. Der neue Präsident schlüpft, zum Entsetzen Pekings, in die alte Rolle des Weltpolizisten. Und jetzt, da er Unregelmäßigkeiten wahrnimmt, zieht Biden, einfach um sich Respekt zu verschaffen, warnend den Colt: Noch nie haben die USA durch eine Militärübung die chinesische Führung so sehr unter Druck gesetzt wie mit der gerade laufenden „Operation Pacific Iron“.

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Muskelspiele am Himmel: Zwei F-15-Kampfflugzeuge und ein B-2-Bomber überfliegen die Andersen Air Force Base auf der Pazifikinsel Guam. © Quelle: US Air Force
  • Erstmals schickt die US-Luftwaffe zu diesem Zweck mehr als zwei Dutzend Jagdflugzeuge vom Typ F-22 (Raptor) in den Westpazifik. „Wir haben noch nie so viele Raptoren gleichzeitig im Einsatzgebiet der Pacific Air Force eingesetzt“, sagte General Ken Wilsbach, Kommandant der Pacific Air Force, gegenüber CNN.
  • Die F-22 sind als Kampfjets der fünften Generation unsichtbar für Radarsysteme. Ihre Aufgabe im Kriegsfall wäre das schnelle Ausschalten der chinesischen Luftabwehreinrichtungen. Sollte China tatsächlich zu Beginn eines möglichen Konflikts die Lufthoheit verlieren, könnte der Drache sich als Papiertiger entpuppen.
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„Eine Kampagne mit dem Ziel, China zu Fall zu bringen“

  • Weitere teilnehmende Kampfflugzeuge starten teils in Großbritannien, teils in Japan, teils in der Mountain Home Air Force Base in Idaho, teils aber auch in Guam sowie einer Vielzahl kleiner Flughäfen im Pazifik. Dies soll der chinesischen Seite zeigen: Ein Gegenschlag wäre kompliziert. Das rüstungstechnisch schnell aufholende China besitzt zwar ebenfalls Kampfflugzeuge der fünften Generation, bisher sind es aber nur 20. Die USA haben 180.
  • Das Manöver „Pacific Iron“ ist nach Einschätzung von Militärs mehr als eine bloße Waffenschau, sondern vor allem ein ernstes politisches Signal an die Führung in Peking: „Die USA üben jetzt präzise die Einsätze, die sie im Falle einer größeren Krise oder eines Krieges durchführen werden“, sagt Peter Layton, ein ehemaliger australischer Luftwaffenoffizier, jetzt Analyst beim Griffith Asia Institute, auf CNN.

Mit anderen Worten: Der amerikanische Adler erschreckt den chinesischen Drachen – und zwar nicht nur auf symbolische Art.

„Offenbar ist eine Kampagne im Gang mit dem Ziel, China zu Fall zu bringen“: Xie Feng, Chinas Vizeaußenminister, sieht die Beziehungen seines Landes in „ernsthaften Schwierigkeiten“. © Quelle: Anonymous/Phoenix TV via AP Vide

Die klare Sprache des Militärischen wurde noch immer weltweit gut verstanden, zu allen Zeiten. Die aktuelle Botschaft Bidens an Peking lautet: Passt mal auf, gespielt wird nach globalen Regeln, über die wir uns gern unterhalten können. Aber hört auf, euch überlegen zu fühlen und nach außen hin so aufzutreten.

Dies alles scheint durchaus einen Effekt zu haben auf die chinesische Führung. In diesen Tagen äußerte sie sich verschnupft wie selten zuvor, etwas Beleidigtes klang mit. Xie Feng, Chinas Vizeaußenminister, erklärte: „Wir fordern die USA auf, ihre fehlgeleitete Denkweise und gefährliche Politik zu ändern. Offenbar ist eine Kampagne im Gang mit dem Ziel, China zu Fall zu bringen.“

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What's up, America? Der USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur ‒ jeden zweiten Dienstag.

FACTS AND FIGURES: Leben in einem halb geimpften Land

Der amerikanische Immunologe Dr. Anthony Fauci ist eine Institution in den USA. Als medizinischer Chefberater des Weißen Hauses hat er mittlerweile schon sieben Präsidenten erlebt: Ronald Reagan, George Bush senior, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden. Für viele Amerikaner, jedenfalls für die Freunde der Wissenschaft, hat das Wort des ewigen Doktors Fauci inzwischen schon mehr Gewicht als das der allerobersten Verantwortungsträger im Weißen Haus, die bekanntlich immer mal wieder kommen und gehen.

„Wir sind in die falsche Richtung unterwegs“: Anthony Fauci, Immunologe und oberster Berater aller US-Präsidenten seit Ronald Reagan. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Umso mehr traf es Land und Leute nun emotional, als Fauci am Sonntag einen Auftritt in der CNN-Sendung „Face the Nation“ zu einem Mega-Runterzieher machte. Die USA seien gerade „in die falsche Richtung unterwegs“, befand Fauci. Ihn alarmiert vor allem zweierlei: die nachlassende Zahl von Impfungen pro Woche und die parallel stark steigende Ausbreitung der Delta-Variante. Man steuere zu auf eine neue Welle, diesmal auf eine „Pandemie unter den Ungeimpften“, sagte Fauci. „Und da wir 50 Prozent des Landes nicht vollständig geimpft haben, ist das ein Problem.“

Tatsächlich liegt in den USA mit 48,79 Prozent der Anteil der vollständig Geimpften mittlerweile niedriger als in Deutschland (49,34 Prozent).

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Wo hakt es? Im Magazin „The New Yorker“ deutet Ashish Jha, Dekan der School of Public Health der Brown University, unter anderem auf Amerikas junge Leute: Die fühlten sich oft gar nicht betroffen. Es seien die gleichen jungen Leute, die auch dazu neigten, keine Krankenversicherung abzuschließen, „weil sie denken, sie seien unbesiegbar“. Seufzend fügt Jha hinzu: „Ich denke, das ist ein breiteres gesellschaftliches Thema.“

POPPING UP: Jill Biden macht Recycling modisch

In Tokio, bei der Eröffnung der Olympischen Spiele, kam es zum ersten auswärtigen Solo­auftritt der amerikanischen First Lady Jill Biden. Das heimische Publikum, inklusive aller arroganten Stilwächter in den Medien, hat nichts zu kritteln gefunden – im Gegenteil: Nach allem, was bisher zu sehen und zu hören ist, scheint die ohnehin hohe Sympathie für die Ehefrau des US-Präsidenten weiter zu wachsen.

Gelobt wird mittlerweile sogar, dass sie dieselben Kleider immer mal wieder anzieht, wenn sie ihr gefallen. „Die First Lady bricht mit den Bräuchen“, trompetet fröhlich die „New York Times“. „Sie lehnt Mode nicht ab – vielmehr unterstreicht sie deren Wert, indem sie ihre Kleidung wieder trägt.“

Öfter mal nichts Neues: Jill Biden bei den Olympischen Spielen in Tokio. © Quelle: imago images/LaPresse

Penibel wird weiter notiert: „Dr. Biden trug anscheinend während ihrer gesamten Reise nach Japan nur ein einziges neues Kleidungsstück: die Ralph Lauren Navy-Jacke und -Hose, die Teil der offiziellen Uniform des US-Olympiateams waren und die sie in ihrer Rolle als offizieller Booster des US-Olympiateams trug. Abgesehen davon waren ihre Kleider alle recycelte Outfits aus ihrem Schrank.“

So what? Jill Biden tickt in Kleidungsfragen pragmatisch. Und dabei wird es wohl auch bleiben. Schon im Juni hatte sie sich darüber mokiert, „wie viele Kommentare zu meiner Kleidung gemacht werden“. „Eine First Lady für alle“ sei jetzt unterwegs, jubelte das Magazin Vogue.

DEEP DIVE: Amerikas Chaos beim Thema Abtreibung

Bevor man sich aufregt über angeblich zu strenge oder angeblich zu liberale Abtreibungsregelungen in den USA, muss man zunächst klären: Über welchen Bundesstaat reden wir?

Das komplette Strafrecht liegt in den Händen der 50 Bundesstaaten. Und genau da liegt, ähnlich wie bei der Todesstrafendebatte, die Krux. Verallgemeinerungen sind unzulässig, alles ist im Fluss. Jeden Tag kann theoretisch in jedem der 50 Einzelstaatsparlamente die Glocke geläutet und zur Abstimmung über diese oder jene Änderung des Abtreibungsrechts gebeten werden. Und genau das geschieht auch laufend.

Verwirrendes Mosaik: Der Sender NBC bemühte sich dieser Tage um eine bundesweite Detaildarstellung der verschiedenen Fristenlösungen bei Abtreibungen. © Quelle: NBC News

Mittlerweile ist ein Flickenteppich entstanden, den auch Experten nur noch mit Mühe durchdringen. Texas etwa knüpft schon an den Nachweis des Herzschlags eines Ungeborenen ein striktes Abtreibungsverbot, das wäre etwa nach sechs Wochen. Arizona droht neuerdings zwei Jahre Gefängnis an für Anbieter, die eine Schwangerschaft aufgrund einer Anomalie wie etwa das Downsyndrom abbrechen. Arkansas will überhaupt keine Abtreibung mehr dulden, nicht mal im Fall einer Vergewaltigung.

Das Thema wird in absehbarer Zeit erstmals auch wieder auf Bundesebene wichtig. Dort hatte der Supreme Court im Jahr 1973 mit dem Urteil im Fall „Roe vs. Wade“ einen verfassungsrechtlichen Rahmen für die Gesetzgebung in den Einzelstaaten gesetzt. Dieser Rahmen könnte im kommenden Jahr verschoben werden, da der Supreme Court sich vorgenommen hat, über eine umstrittene Regelung aus Mississippi zu urteilen.

Derzeit versuchen die amerikanischen Medien, ihren Zuschauern und Lesern einen Überblick über die zerklüftete strafrechtliche Landschaft zu geben. Eine beachtliche und lesenswerte Fleißarbeit lieferte dieser Tage die Journalistin Chloe Atkins von NBC. Die detailreiche Darstellung, ergänzt mit Grafiken, erklärt viel – und ist eigentlich viel zu schade, um sie im Fernsehen mal eben zu „versenden“.

WAY OF LIFE: Es geht noch bunter in New York

Ist New York nicht ohnehin die Hauptstadt der Diversität? Egal, es geht alles noch einen Tick bunter – wie soeben beim Bodypainting Day im Union Square Park bewiesen wurde.

New York, 25. Juli: Das Model McKensi Pascall wird von dem Künstler Tom Sebazco beim Bodypainting Day im Union Square Park in New York bemalt. © Quelle: Brittainy Newman/AP/dpa

26 Künstler machten sich mit Pinsel und Farbe an 45 Models zu schaffen, die ihre Kleider fallen ließen – und schufen wandelnde farbenfrohe Kunstwerke, deren Ästhetik Laien und Fachleute gleichermaßen beeindruckte. Traditionell machen auch einige übergewichtige und magere Models mit, deren Körper nicht den üblichen Schönheitsidealen entspricht. „Es geht darum, sich zu zeigen, wie man ist“, sagt einer der Organisatoren.

Touristen in Midtown Manhattan kamen aus dem Fotografieren nicht mehr heraus. Der Body­painting Day fand jetzt zum achten Mal statt. Nie aber wurde das Open-Air-Event so sehr als etwas Befreiendes empfunden wie diesmal, nach Überwindung der Corona-Pandemie. „Endlich kommen die Leute wieder aus sich heraus“, freute sich einer der Künstler.

Genießen auch Sie den Sommer 2021! Den nächsten USA-Newsletter bekommen Sie wieder in 14 Tagen, am 9. August.

Ihr Matthias Koch

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